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(c) Pester Lloyd / 09 - 2010  BUDAPEST 05.03.2010

 

Demszkys letzter Coup

Ein Spaziergang über die Baustellen der "neuen Flaniermeile" von Budapest

Der seit fast zwanzig Jahren regierende Bürgermeister Gábor Demszky, der sich in letzter Zeit in etlichen Skandalen verfangen hat, versucht sein gewaltiges Straßenbauprojekt, die Fußgängerzonen vom Ferenciek tere bis zum Szabadság tér bis zur baldigen Wahl abzuschließen. Über den neuen Glanz des Viertels scheiden sich die Geister, viele sehen ihn als Gewinn, einige fürchten finanzkräftige Luxuskonkurrenz.

Baustellenlärm und schreiende Vorarbeiter zwischen neugierigen Zuschauern und Baumaterialien. Mit schwerem Gerät wird der alte Straßenbelag aufgerissen, die Straßenzüge erinnern eher an Erdbebengebiete als an eine europäische Hauptstadt, während andere, fertig gestellte Abschnitte schon erahnen lassen, wie das Viertel in Zukunft aussehen wird. Fertig gestellt sein soll alles im Mai 2010, so prangt es an einem großen Plakat, das auch auf die Mitfinanzierung der EU hinweist: Die Kosten für das Gesamtprojekt, dass von der Stadt un dem V. Bezirk getragen wird, belaufen sich insgesamt auf rund 35,2 Mio. EUR, wobei der fünfte Stadtbezirk hofft, rund 80% der bei ihm anfallenden 14,88 Mio EUR über EU-Mittel decken zu können, die Stadt erhielt 7,8 Mio EUR zu ihren Kosten von 20,4 Mio EUR dazu.

Gábor Demszky forciert den Abschluss des Projektes, vielleicht auch um eigene Fehler und die der liberal-sozialistischen Regierung im Nachhinein ein wenig milder aussehen zu lassen. Touristen und Einheimische können sich jedenfalls auf mehr autofreie Flaniermeilen im autoverstopften Budapest freuen. Die monumental-verspielten Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert erhalten so eine Umgebung, die ihnen würdiger ist.

Viele Caféhäuser, Restaurants und Boutiquen fügen sich ausgezeichnet in das neue Straßenbild ein. Andere, allen voran schäbige Kioske und Bierstuben, stehen vor der Schließung oder haben bereits geschlossen. Verkaufs- und Vermitungsaufkleber sind in vielen Schaufenstern zu sehen, während nebenan Arbeiter mit der Renovierung neuer Läden beginnen. Die Stimmung unter den Angestellten ist dennoch recht gelassen. Mit einem plötzlichen Anstieg der Mieten rechnet keiner und auch das Vertrauen in eine termingerechte Fertigstellung ist begrenzt und scheint nicht zu wichtig zu sein. Das Teehaus Bárbar profitiert sogar von den Arbeiten, da sich viele Budapester die Veränderungen ihrer Stadt nicht entgehen lassen wollen und nach ihrer Besichtigungstour gerne noch einen Café trinken.

Ferenciék tere, Kalvin Tér und Szabadság Ter sollen sich nach Plänen des Architekten Zoltán Cselovszki zu neuen Herzstücken der Stadt entwickeln. Für diesen Zweck ist eine verkehrsberuhigte Zone geplant, sowie Radwege für die ansonsten in Budapest vernachlässigten Fahrradfahrer. Um diese Pläne zu verwirklichen wird der Verkehr zum Platz des 15. März umgeleitet. Diese Entlastung soll vor allem den Ferenciek tere zu einem offenen und lebendigen Zentralplatz machen.

Auch der weniger restaurierungswürdige Szabadság Platz, mit dem monumental-häßlichen Fernsehgebäude, der amerikanischen Botschaft, Banken und Versicherungen, möchte um einen Blickfang bereichert werden:  Als Krönung des Projektes wird ein Brunnen mit Lichtershow vom mit Absperrgittern umzäunten Denkmal der Sowjetarmee anlenken. Der Gewinn für die Stadt, so scheint es bisher, wird den Verlust des einen oder anderen Lebensmittellädchens oder einer historischen Bierstube aufwiegen, wenn sich der urbane Selbstlauf irgendwann über die Hochglanzwünsche hinwegsetzen kann.

Tibor Wilhelm Benedek, Sven Freitag

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