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(c) Pester Lloyd / 09 - 2010
POLITIK 04.03.2010
Im Dunstkreis der Revolution
Viel Wahlkampf am Nationalfeiertag in Ungarn
Die wichtigsten ungarischen Parteien wollen und werden den Nationalfeiertag des 15. März für Wahlkampfveranstaltungen benutzen. Der Feiertag ist eigentlich dem
ungarischen Befreiungskampf gegen die Herrschaft der Habsburger 1848/49 (Kossuth) gewidmet und produzierte in den letzten Jahren regelmäßig einen
pathetischen Wettbewerb zwischen den politischen Blöcken über die Deutungs- und Vertretungshoheit der Revolutionsziele.
In diesem Jahr wollte das nationalkonservative Fidesz-KDNP
ursprünglich am Brückenkopf der Elisabeth-Brücke seine "Wahlkampfrallye" eröffnen, also die letzte und heißeste Phase des Wahlkampfes einleiten. Doch “da man zenhntausende Anhänger
erwartet” und sich auch räumlich mehr von den Meetings der anderen Parteien absetzen will, beschloss man kurzfristig auf die andere Seite der Donau zu wechseln und sich hinter der Budaer Burg
am Denkmal für György Dózsa (1470-1514), aus Siebenbürgen stammender Held der ersten Türkenkriege und Anführer eines Bauernaufstandes, aufzustellen.
Spitzenkandidat Viktor Orbán ist als Redner
angekündigt, die Veranstaltung solle aber ruhig und "Low-Budget" ablaufen, ein Hinweis, der auf den Argwohn der noch unentschlossenen Wahlberechtigten zielt, die Parteien schmeißen mal
wieder Geld zum Fenster hinaus, von dem in Ungarn ohnehin niemand so recht wissen kann, woher es stammt. Außerdem ist Sparsamkeit das Gebot der Stunde.
Lajos Kossuth spricht vor seinen Anhängern
Die Sozialisten von der
MSZP, die bereits am Montag ihre Rallye, die vielleicht eher eine lange Flucht wird, durch mehr als 100 Orte begannen, treffen sich im Café Pilvax, jenem
fast heiligen Ort, an dem der Aufstand gegen Habsburg vor mehr als 150 Jahren losbrach. Auch hier wird der Spitzenkandidat, Attila Mesterházy, reden. Die Wahl des begrenzt
Raum gewährenden Ortes lässt darauf schließen, dass man sich die Peinlichkeit einer geringen Beteiligung ersparen will.
Die rechtsextreme Partei
Jobbik, die sich anmaßt, wahrer Erbe des Freiheitsdranges von damals zu sein wird sich auf dem zentral gelegenen Deák Platz versammeln. Ferenc Deák
war übrigens Protagonist des in der Folge der niedergeschlagenen Revolution 1867 mit Österreich "errungenen" Ausgleichs. Die daraus folgende Dualität brachte Ungarn nur
bedingt Vorteile, wie z.B. Gebietszuschläge und eine gewisse Autonomie. Sie führte vor allem dazu, dass Ungarn mit Österreich auslösende Partei des Ersten Weltkrieges wurde,
was wiederum zum Trauma Trianon führte. Jobbik wird zu dem Thema sicher wieder jede Menge verdrehendes kundtun. Neben Parteichef Gábor Vona wird die bei solchen
Events unvermeidliche Europaabgeordnete Krisztina Morvai auftreten.
Alle drei Veranstaltungen beginnen zeitgleich, um 15.00 Uhr.
Das Demokratische Forum
MDF wird das Jubiläum bereits am 13. März in der Budaer Burg begehen, Parlamentarier der Partei werden am 15. lediglich einen Kranz am Denkmal für
die Freiheitskämofer niederlegen. Am Nachmittag gibt es außerdem noch eine Rede des SZDSZ-Politikers (Liberale) und Oberbürgermeisters von Budapest, Gábor Demszky am
Petöfi Platz, Sándor Petöfi war der Revolutionsdichter von 1848 und ist auch "ungarischer Heine" genannt. Er fiel 1849, sechsundzwanzigjährig, auf dem Schlachtfeld der
Revolution. Ob der durch zahlreiche Skandale (BKV) recht abgewirtschaft erscheinende Bürgermeister den Odem der Freiheit wird beleben können, scheint zumindest fraglich.
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