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(c) Pester Lloyd / 09 - 2010  KULTUR 03.03.2010

 

Im Takt des Schicksals

Modern, aber ohne Gezappel:
Orfeo und Euridice an der Ungarischen Staatsoper Budapest

Haydns Opern lagen in der Bekanntheit lange hinter seinen Oratorien, Streichquartetten, erst recht den Sinfonien zurück. Ihre Wiederentdeckung, eigentlich Wiederpopularisierung, für die großen Opernhäuser ist eine Leistung der letzten Jahre. Der 200. Todestag 2009 war ein Anlass dafür. In Ungarn aber gab es schon in den 60er bis 80er Jahren einmal eine solche Haydn-Renaissance, die im Westen aber nur Fachleuten bekannt wurde.

Sie geht nicht zuletzt auf den ungarisch-amerikanischen Dirigenten Antal Doráti zurückgeht. Dieser nahm neben allen 108 Sinfonien auch etliche Opern Haynds auf, in einer Weise, die sie noch heute - unabhängig von "Originalklang"-Gehabe und Instrumentalhomöopathie - zu Referenzen macht. Auch in der kommerzbefreiten Nische gulaschkommunistischer Plattenproduktion gedieh manch wertvolle Produktion, die sich unter Kennern schnell verbreiteten. Leider verloren sich diese Leistungen im Nachwendeungarn, der vermeintliche Publikumsgeschmack, doch eher die Beschränktheit reaktionär-bequemlicher Opernbeamter, beschnitt das Repertoire in Budapest lange auf die Werke der üblichen Verdächtigen.

Reife Leistung

Während Haydns Werk sonst gern als Grundstock der Wiener Klassik gilt, suchten seine Opern - zumindest formal - ihren Halt noch in der Tradition des Barock. Der Orfeus, dieser klassischste aller klassischen Opernstoffe, ist seine bekannteste Oper geworden. Im Kompositionsjahr von „Orfeo” starb Mozart, der von Haydn überaus geschätzt wurde. Im Orchesterpart ist diese Sympathie nicht zu überhören. Die geradezu auffällige dissonante Dramatik im Orchestergraben erinnert nicht nur an „Don Giovanni” und „Die Zauberflöte”, sondern ist offensichtlich auch davon inspiriert worden. In der stimmlichen  Verarbeitung auf der Bühne aber bleibt Haydn, trotz eingängiger Melodien in gewisser althergebrachter Betulichkeit, vor allem in den Rezitativen und sich immer wieder verselbständigenden Kolleraturen, ein ganzes Stück hinter Mozart, dem Musikdramatiker per se, zurück. Dennoch, Haydns Orfeo ist eine reife Leistung eines reifen Komponisten.

Modern, aber ohne Zappeleien

In Budapest erlebt man also erneut eine moderne Inszenierung (Sándor Zsótér) einer Barockoper („Xerxes” ist noch in guter Erinnerung), die ohne die Aufgeregtheit wie bei der zappeligen „Zauberflöte” (Premiere der Staatsoper im Vígszínház) auskommt, und die vom international geschätzten Haydn-Spezialisten am Pult, Ádám Fischer, geleitet wird sowie mit jungen und exzellenten Sänger-Darstellern besetzt werden konnte. (Jung sind die Protagonisten in der „Zauberflöte” auch, stimmlich aber zumindest in den männlichen Hauptpartien Tamino, Papageno und Monostatos nicht im Ansatz von ähnlicher Qualität wie im „Orfeo”).

Diese Inszenierung des antiken Orpheus-Stoffes hängt nicht sklavisch an der Dramatik, eher folgt der Gang der Handlung einem vom „Schicksal” und nicht von den Menschen bestimmten Lebensrhythmus, der unspektakulär zelebriert wird, während das wahre Geschehen aus der Musik kommt. Die ausgezeichnet gesungenen Chöre (Máté S. Szabó) sind wie die Chöre der antiken Tragödie platziert. Der Chor kommentiert in ständiger Wellenbewegungen den Fluss Lethe und vermittelt so zwischen Menschen- und Unterwelt.

Leistungen der Solisten stimmen optimistisch

Die Solisten, insbesondre Andrea Rost als Euridice, Szabolcs Brickner als Orfeo (beide auf dem Foto rechts) , Zsolt Haja als Creonte, Julia Hajnóczy als Genio und, leider nur mit wenigen angenehmen Bass-Klängen unterprivilegiert, Krisztián Cser als Pluto. Alle zusammen gaben einen überaus optimistischen Ausblick auf eine Budapester Staatsoper von hohem künstlerischen Rang, wenn die sich einmal von ihrem überalterten Großensemble befreit haben wird.

Andrea Rost als jugendliche Reife, brilliert mit souveräner Gesangskultur, kultivierten Pianos und schmelzenden Kolleraturen. Ihr Partner, Szabolcs Brickner, bereits mit internationalen Meriten versehen, kann dramatisieren und treibt seinen lyrischen Tenor in hoffnungsvolle Höhen, ohne abzuheben. Zsolt Haja’s Creon verzauberte mit baritonalem Metall und Hoffnung auf eine erfolgreiche künstlerische Zukunft. Der schöne Sopran von Júlia Hajnóczy strahlte in allen Lagen, obwohl sie mit den barocken Läufen etwas zu kämpfen hatte. Diese Operninszenierung reiht sich ein in die vorangegangenen  Inszenierungen mit interessanten, neuen Regieideen und hoher musikalischer Qualität an der hiesigen Staatsoper.

E. F.

Nächste Termine im März: 6., 9., 16., jeweils 19 Uhr in der Ungarischen Staatsoper, Andrássy út. www.opera.hu

Fotos: Éder Vera (c) Ungarische Staatsoper

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