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(c) Pester Lloyd / 10 - 2010 BUDAPEST 08.03.2010
Vom Ghetto zum Trendbezirk
Im jüdischen Viertel von Budapest ist nicht nur die Vergangenheit bewegt
Das "Zsidónegyed", das jüdische Viertel von Budapest liegt im VII. Bezirk, zentrumsnah zwischen Deák Ferenc tér und Astoria. In Straßen wie der Csányi,
Dohány oder Dob liegen Verfall und Glanz nah beeinander, doch das Viertel boomt in letzter Zeit nicht nur bei den zirka 100.000 Juden in Budapest, es ist allgemein
trendy geworden. Erinnerung an Schreckliches und ein lockeres Lebensgefühl liegen hier nah beieinander.
Durch Korruption und Gier geschändetes Erbe
In einer Häuserlücke fällt ein Parkplatz auf. Kein
seltenes Bild in Budapest. Hier wurde ein historisches Gebäude abgerissen, mit dem Grund wird spekuliert und so lange macht man Geld mit dem Abstellen von Pkws im ewig parkplatzarmen
Budapest. „Um sowas in Zukunft zu verhindern, kümmert sich die ÓVÁS (eine NGO) um den Schutz der alten Häuser im jüdischen Viertel“, meint Fremdenührerin Ági Antal und spricht damit ein
heiß diskutiertes Thema an. Auf der einen Seite steht der Schutz eines historisch bedeutsamen Viertels, auf der anderen stehen die Rendite-Interessen von Investoren, dazwischen
hängen allerlei Strukturen der Lokalverwaltung, Behörden, Vermittler. Alles zusammen machte aus dem VII. Bezirk in den letzten Jahren einen undurchdringlichen Sumpf, U-Haft für den
ehemaligen Stadtbezirksbürgermeister, Strafprozesse, konservatorischer und städtebaulicher Frevel, veruntreute Millionen und ein geschändetes Erbe.
Ungarische Juden fühlten sich (zu) lange sicher
Auch über dieser jüngsten Geschichte thront die Große Synagoge, aber es ist bei Weitem
nicht das Schrecklichste, was sie sehen musste. Das vor 150 Jahren errichtete Gebäude ist mit seinen fast 6.000 Plätzen eines der beeindruckendsten und größten jüdischen
Gebetshäuser des Kontinents. Als wir es betreten, reicht mir ein alter Mann die obligatorische Kippa, bevor er mich in Richtung der Heiligen Lade entlässt, welche die
Tora-Rollen beherbergt. Dort erklärt Ági, dass wir uns in einem neologen Gotteshaus befinden. Diese Ausrichtung des jüdischen Glaubens entstand im 19. Jahrhundert als sich
die Juden zunehmend in die ungarische Gesellschaft eingliederten, worauf sich das Judentum in orthodoxe sowie neologe Ausrichtung aufspaltete.
Unser Guide betont an dieser Stelle, dass sich viele Juden vorrangig als Ungarn sahen und
unterstreicht damit, wie sehr die jüdische Kultur im Land verwurzelt ist bzw. wie weit sie im ungarischen Staatsvolk aufgegangen ist. Die hauptstädtischen Juden, ein Stützpfeiler
der Budapester Bourgeosie und ein wichtiger Teil der Intellekutellen und Künstler, fühlten sich hier sicher. Kaum einer von ihnen konnte oder wollte erkennen, zu welchen
Grausamkeiten der Mensch, die Nachbarn fähig sein würden. Doch unser City-Guide stellt denen, die ihre Landsleute an die Nazis verraten haben, auch diejenigen gegenüber,
welche in einer unmenschlichen Zeit solidarisch handelten, indem sie ihre jüdischen Mitmenschen bei sich aufnahmen, um sie zu verstecken. Beängstigt zeigt sie sich über die
jüngsten politischen Entwicklungen in Ungarn. Die Stichworte Jobbik und "Garde" mögen hier genügen, das Thema wird in dieser Zeitung u.a. hier ausführlich beobachtet und analyisert.
Am gleichen Ort, an dem sich einst der Wohnsitz
Theodor Herzls – seines Zeichens Begründer des Zionismus - befand, grenzt heute das jüdische Museum an die Synagoge an. Unmittelbar dahinter bewegen wir uns entlang des jüdischen Friedhofes
und betrachten die Massengräber der über 2000 Juden, die den Winter von 1944 auf 1945 im Budapester Ghetto, das auch die Synagoge umfasste, nicht überlebt haben. Die Ruhestätten
sind mit Tafeln versehen, in welche die Namen einzelner Opfer eingraviert wurden. Still nähern wir uns am Heldentempel vorbei dem Raoul Wallenberg Gedenkpark. Hier wird jenem schwedischen
Diplomaten gedacht, der mit speziellen Schutzpässen und Notunterkünften zehntausenden Juden das Leben rettete, als die Nazis zur Endlösung ansetzten. An seine Menschlichkeit
erinnert ein symbolisches Grab, auf dessen Gedenktafel noch weitere Namen, wie in etwa Carl Lutz oder Giorgia Perlasca zu finden
sind. Ein Bild, das sich besonders einprägt, ist die metallene Trauerweide des Bildhauers Vajda, deren silberne Blätter mit den Namen jüdischer Opfer versehen sind, um an sie zu
erinnern. Vereinzelt lassen sich Besucher vor ihr fotografieren.
Ági dreht mit uns noch eine kleine Runde durch die Gegend, wobei schnell klar wird, wie
sehr das Leben im Viertel pulsiert, auch das jüdische. Koschere Geschäfte und Restaurants gibt es, die alternative Partyszene hat sich eingerichtet. „Das Sirály wird vom
Sohn eines Rabbis betrieben“, sagt unsere Stadtführerin, als wir in die Király utca einbiegen. „Da gibt es alles, sogar Rap auf hebräisch! Das hätte man früher nicht
gedacht, aber heute ist so vieles möglich. Die sind hier bei weitem nicht orthodox, sondern sehr liberal.“ - Immer mehr junge Menschen ziehen in das Zsidónegyed, weil es
trendy ist und ein abwechslungsreiches Nachtleben bietet. Dass hier einst 70.000 Juden auf einem Raum leben mussten, wo heute etwa 7000 wohnen, wird dabei hoffentlich nicht vergessen.
Matthias Wahsner und Flóra Horváth
Wer eine Führung mit Ági Antal buchen möchte, kann sich unter antfarg@freemail.hu melden
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