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(c) Pester Lloyd / 11 - 2010 KULTUR 19.03.2010
Runder Tisch für Ungarn
Schriftsteller György Dalos warnt vor kollektiver Angstneurose
Der ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos erhielt dieser Tage den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung. Dalos lebt meistens in Berlin,
aus gutem Grund. Die Hasskultur in seinem Heimatland Ungarn, ausgelöst durch den "Kalten Krieg" der Großparteien, verhindert die Behandlung der Leiden des
Landes und macht auch ihn - den Dissidenten - wieder zum Verfolgten. Dalos fordert nach den Wahlen einen Runden Tisch, wie damals, vor 20 Jahren.
Gleich zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse stand in diesem Jahr ein
Ungar im Mittelpunkt des internationalen Interesses: An den Schriftsteller und Publizisten György Dalos wurde der "Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung" am
Mittwoch feierlich überreicht. Der Preis (15.000 Euro Dotation) wird an Autoren verliehen, die sich um die europäische Verständigung verdient gemacht haben. Mit seinem neuesten
Werk "Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa" erfüllt er dieses Kriterium in gekonnter Weise.
Dalos, der 1943 in Budapest geboren
wurde, widmet sich nicht zum ersten Mal historischen Themen, die die politische Entwicklung Ostmitteleuropa, aber insbesondere auch die in seinem Heimatland Ungarn beinhalten. Er lebte
lange Zeit in Wien und seit 1995 in Berlin, wo er auch das Collegium Hungaricum leitete. In seinen Werken lässt er sich zwar gerne vom Geist eines Goethe und Schiller inspirieren, wie er sagt,
seinen eleganten Spott und seine Ironie auf aktuelle Zeitereignisse bezieht er dann aber doch lieber von Heinrich Heine. Dalos gehört zu jenen ungarischen Schriftstellern, die in
den letzten zwei Dekaden vor allem im deutschsprachigen Raum zu Berümtheit gelangten, dazu gehören auch Péter Esterházy, Imre Kertész und György Konrád. In
ihrer Heimat werden sie nicht alle gleichermaßen geschätzt.
Derzeit bedrückt ihn – nicht zuletzt auch als Jude und Verfolgter durch das
kommunistische Regime in Ungarn - die intolerante und rechtsradikale Entwicklung in seiner Heimat. So nutzte er auch die Dankesrede zur Preisverleihung, um auf diese
Situation aufmerksam zu machen: „Der Kalte Krieg zwischen den Großparteien hat genügend Spielraum für den primitiven und aggressiven Rechtsradikalismus freigesetzt.
Ungarns Probleme sind ansonsten mit denjenigen von vielen Reformstaaten vergleichbar: Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption und mangelnde Kompetenz der
Eliten. Andererseits leidet das Land auch an sich selbst. Es findet keine Ruhe vor der gehässigen Atmosphäre, welche in eine kollektive Angstneurose überzugehen droht.
Ebenso wie manche Krankheiten erst behandelt werden können, wenn das Fieber
nachlässt, müsste die Republik zunächst ihre lange gepflegte `Hasskultur` loswerden, um ein soziales und politisches Gleichgewicht erreichen zu können.“ Um diese Misere zu
beenden, fordert er einen Runden Tisch, wie er vor zwanzig Jahren schon einmal gute Dienste geleistet habe. Von György Dalos sind zahlreiche Romane, Erzählungen sowie
auch ein Buch mit Witzen aus und über den Ostblock erschienen. Auch für den Pester Lloyd schrieb er so manchen nachdenklichen Beitrag. - Wir gratulieren zu dieser verdienten Auszeichnung.
G.B.S.
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