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(c) Pester Lloyd / 11 - 2010 OSTEUROPA 18.03.2010
Alte Rechnung, neuer Streit
Vor wichtiger Balkankonferenz: Präsident von Kroatien in Mittelosteuropa
Der neue kroatische Präsident, Ivo Josipovic, absolvierte in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Antrittsbesuchen, u.a. in Slowenien, Bosnien-Herzegowina
und Österreich, am Dienstag besuchte er auch Ungarn. Kroatien will sich als bald neues EU-Mitglied auch als Stabilisator der Region Westbalkan profilieren, doch
dazu bedarf es erst der Begleichung bzw. Stornierung alter Rechnungen und der Beilegung neuer Streits mit Serbien.
Mit Kroatien hat Ungarn die wenigsten Probleme
Dabei traf der 53jährige Jurist
und Komponist (Foto) mit seinem Amtskollegen László Sólyom (ebenfalls ein Rechtsprofessor) zusammen, dem Parlamentspräsidenten Béla Katona sowie dem ungarischen Ministerpräsidenten Gordon
Bajnai und seinem wahrscheinlichen Nachfolger, Oppositionschef Viktor Orbán. Es wurden eine ganze Reihe konkreter Projekte
besprochen, die nicht nur Kroatien bei der weiteren Entwicklung seiner Infrastruktur helfen, sondern auch Ungarn in eine günstige Position für zukünftige Investitionen in
dem Nachbarland bringen können. Dabei ging es um den Ausbau von Schienenprojekten, den Bau von mehr Verbindungsstraßen und eine Vernetzung der
Stromsysteme. Eine Verbindungspipeline für Erdgas zwischen beiden Ländern ist bereits auf den Weg gebracht, auch am russisch initiierten South Stream Projekt sind beide beteiligt.
Mit Kroatien führt Ungarn eine vergleichsweise problemlose Nachbarschaft. Konflikte
durch die ungarische Minderheit wie in der Slowakei, der Ukraine, Serbien oder Rumänien gibt es so gut wie keine (auch weil sie sehr klein ist). Ungarn lieben Kroatien
als bevorzugtes Urlaubsziel, und seit Jahren unterstützen die Ungarn den angestrebten EU-Beitritt des Landes aktiv. Wenn alles nach Plan verläuft, werden die Kroaten
während der EU-Ratspräsidentschaft Ungarns im ersten Halbjahr 2011 als Vollmitglied in die Gemeinschaft aufgenommen, hofft man hier. Der österreichische Präsident
Heinz Fischer, bei dem der Sozialdemokrat Josipovic am Montag zu Gast war, freute sich hingegen auf das neue EU-Mitglied ab 2012.
Erstes „Familientreffen“ seit 18 Jahren
Kroatiens Grenzstreit mit Slowenien, der derzeit vor einem internationalen
Schiedsgericht verhandelt wird, ist die letzte wirkliche Hürde für das Land. Kroatiens EU-Beitritt wird als wichtiger Schritt zur Befriedung und Neuordnung der gesamten
Region Westbalkan betrachtet. Im slowenischen Ptuj fand letzte Woche ein Vorbereitungstreffen für die mit Spannung erwartete Regionalkonferenz am 20. März
statt, an dem Slowenien, Kroatien und Serbien sich über die Agenda verständigen wollten. Immerhin treffen sich dann alle Staats- bzw. Regierungschefs der Region
erstmals seit 18 Jahren an einem Ort wieder. Streit gibt es dabei schon im Vorfeld. Es geht um den Status des Kosovo. Serbien lehnt eine Teilnahme des Landes als
souveräner Staat ab und droht mit Boykott des Meetings.
Alte Rechnungen und neuer Streit
Auch die gegenseitigen Klagen von Kroatien und Serbien wegen Kriegsverbrechen im
Jugoslawienkrieg belasten das Verhältnis beider Länder. Beide Staate betrachten sie als Verhandlungsmasse für die Zukunft, sehen aber nicht, dass nur ein beidseitiger
Verzicht auf Ansprüche den gordischen Knoten lösen kann.
Jüngst kam noch ein Streit hinzu, der zeigt, wie kleinlich und sensibel die Beziehungen
auf beiden Seiten gehandhabt werden. Es geht um die Gründung eines eigenen kroatischen Ablegers der Orthodoxen Kirche. Diese Gründung wird von der serbischen
Orthodoxie als Versuch der Unterdrückung der serbischen Minderheit gedeutet (die Kroaten sind mehrheitlich römisch-katholisch) und als eine Maßnahme, um an die
Liegenschaften der Kirche zu kommen. Man verweist darauf, dass die „sogenannte Kroatische Orthodoxe Kirche“ eine Idee des faschistischen Ustascha-Regiems 1942-45
war. Niemand könne in Kroatien eine orthodoxe Kirche gründen, denn die wurde bereits vor 2000 Jahren in Jerusalem verkündet, schimpfte der serbische Klerus.
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