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(c) Pester Lloyd / 11 - 2010 WIRTSCHAFT 18.03.2010
Die Ersatzbank
Die EU vergibt ab Juni Mikrokredite an „Nichtkreditwürdige“
An die 500 Mio. EUR sollen über 45.000 Kleinkredite an rund 25.000 Arbeits- bzw. Beschäftigungslose sowie Kleinstunternehmen gehen, um die Arbeitslosigkeit
zu verringern und den Unternehmergeist in der Europäischen Union zu stärken, sagt der ungarische EU-Kommissar Andor. Das Modell dazu kommt aus den
Entwicklungsländern und ist für jene gedacht, die von den Banken zurückgewiesen wurden. Jetzt verdienen sie sogar an Kunden, die sie gar nicht wollten.
Bereits im Frühjahr 2009, also zum Höhepunkt der aktuelle Wirtschaftskrise, hat man
sich in der EU Gedanken gemacht, wie man die Arbeitslosigkeit effektiver bekämpfen kann, statt durch die üblichen, meist nicht gerade zielführenden Schulungsprogramme
der Arbeitsämter oder fragwürdige öffentliche Beschäftigungsmodelle. Dabei kam man auf den Gedanken, eine Idee aus der Entwicklungshilfe für die Dritte Welt für Europa zu adaptieren - die Mikrokredite.
Ein Bankberater der anderen Art...
Jedes Dritte Unternehmen in Europa wird von Arbeitslosen gegründet
Ab Juni 2010 sollen Klein- und Kleinstunternehnen, Arbeitslosen und Nichtbeschäftigten,
die für klassische Geschäftsbanken oft als nicht kreditwürdig gelten, Zugang zu Kapital für die Existenzgründung, den Weg in die Selbständigkeit oder den Ausbau bestehender
Geschäfte erhalten. Die EU selbst stellt für dieses Programm, das vorerst auf acht Jahre ausgelegt sein wird, 100 Mio. EUR zur Verfügung, die Europäische
Investitionsbank (EIB) sowie andere multinational geführte Banken 400 Mio. Der neue EU-Sozialkommissar, der aus Ungarn stammende László Andor, definiert als Zielgruppe
ausdrücklich „Menschen, die wegen der Wirtschaftskrise und der derzeitigen Kreditklemme unter normalen Umständen keine Kredite bekommen würden." Und er
bezeichnet diese als „benachteiligte Gruppe, deren Unternehmergeist geweckt werden soll, um ihnen den Weg aus der Arbeitslosigkeit zu eröffnen."
Die Obergrenze für einen solchen Mikrokredit soll bei 25.000 EUR liegen. Damit ist der
Begriff Kleinkredit wohl besser geeignet, wenn man bedenkt, dass sich die Mikrokredite in der Dritten Welt in Summen zwischen 100 und 1.000 US-Dollar bemessen. Rund
45.000 Einzelkredite sollen ausgereicht werden, an „Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten“, was immerhin auf 91 % aller europäischen Unternehmen zutrifft.
Weiterhin sollen die Gelder vor allem für „Arbeitslose oder Nichterwerbstätige“ dienen, „die den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollen, aber keinen Zugang zu klassischen
Bankdienstleistungen haben“. Die Kommission weist darauf hin, dass es sich bei 99 % der Unternehmensgründungen in Europa um Kleinst- oder Kleinunternehmen handelt,
wobei „jedes dritte davon von Arbeitslosen gegründet“ wurde.
Geringe Ausfallrate, Push für die Menschenwürde
Das Vorbild der Mikrokredite in Entwicklungsländern funktioniert mittlerweile so gut,
dass sogar herkömmliche Banken sich an einem Einstieg in diesen Bereich interessiert zeigen. Abgeschreckt hat sie bisher der hohe Verwaltungs- und Personalaufwand, der
mit der Vergabe dieser Kredite einhergeht. Die Kunden gehen hier nämlich nicht zur Bank, sondern die Bank kommt quasi zu ihnen. Oft geht es dabei um die Anschaffung
von einer kleinen Maschine, Rohmaterial oder einer Lagermöglichkeit, um in einer verarmten Familie wenigstens eine Person in eine Beschäftigung zu bringen, sei es das
Flechten von Körben, der Betrieb einer Garküche oder eine kleine Bäckerei, die Anschaffung eines Stromgenerators oder eines Fahrzeugs zur Auslieferung.
Die Rückzahlungsquoten der Kredite liegen zwischen 96% und 98%, obwohl die Zinsen
durchaus über den Marktwerten liegen können, d.h. die Ausfallrate ist nur ein Drittel so hoch wie derzeit in der normalen Kreditwirtschaft. Das hängt u.a. mit dem
persönlichen Kontakt zusammen, vielleicht auch einem besonderen „Armenstolz“. Aber auch damit, dass Mikrokredite bevorzugt an Frauen vergeben werden, die gerade in
Großfamilien in Entwicklungsländern häufig ein höheres Verantwortungsgefühl demonstrieren als ihre Männer.
Wer gewährleistet einen offenen Zugang?
Viele Fragezeichen gibt es derweil noch bei Umsetzung und Abwicklung in Europa. Die
Schilderung des Modells wie es in Asien, Afrika oder Südamerika läuft, zeigt nämlich schon, dass es nur bedingt mit europäischen Verhältnissen vergleichbar sein wird. In
unserer Region ist kaum zu erwarten, dass EU-Beamte sich mit einem Bankberater der örtlichen Sparkasse auf den Weg z.B. in eine verarmte Roma-Siedlung machen werden
und dort mit den Familien über ihren Kreditbedarf verhandeln. Die Bürokratie-Barriere und die Kontrolle der Vergabepraxis durch die abwickelnden Banken werden zusammen
mit der Informationspolitik der Schlüssel sein. Man sollte nicht vergessen, dass die Idee der Mikrokredite nicht nur ein Hebel für wirtschaftliche Entwicklungen sind, sondern
auch mit der Würde des Menschen zu tun haben. Daher wäre es fatal, die Sache den Banken zu überlassen, die dafür keinen eigenen Geschäftsbereich vorgesehen haben.
Wird der Bock zum Gärtner gemacht?
Dass diese Art der Kreditvergabe auch im hoch entwickelten Europa von Seiten der
Staatengemeinschaft angeschoben werden muss zeigt, dass bei den Geschäftsbanken kein Umdenken stattgefunden hat. Im Gegenteil: Eigenkapital, Sicherheiten und
Vorgeschichte spielen mehr denn je eine selektive Rolle bei der Entscheidung über die Kreditvergabe, da Risikomanagement ausschließlich als Ausfallabsicherung verstanden
wird und damit wird auch die Gruppe derjenigen, die als „nicht kreditwürdig“ durch das Raster der auf Profitmaximierung ausgerichteten Banken fallen, immer größer
werden. Sogar für normale Unternehmen mussten EBRD und andere Institute mit eigenen Kreditprogrammen aushelfen, weil die Geschäftsbanken “ihr Geld” lieber bebrüten als es in den Kreislauf zu bringen.
Ein wenig makaber mutet es da an, dass die Abwicklung der Mikrofinanzierung, wie
auch z.B. der EU-Bürgschaften für Kredite für Kleinunternehmen, wiederum durch die Geschäftsbanken vorgenommen wird. D.h. das Risiko übernimmt die Gemeinschaft,
einen Teil des Gewinns streichen sich hingegen die ein, die Krise, Kreditklemme und Kreditverweigerung verantworten. Der Bock wird zum Gärtner gemacht.
-red.
Nützliche Links:
Informationen über die Mikrofinanzinstrumente, EU-Bürgschaften für KMU im jeweiligen Land (jeweils in Landessprache und auf Englisch abrufbar):
Dieses Portal gibt umfassende Informationen und Hintergründe zur Mikrofinanz in Europa, sowohl über von staatlicher wie von privater Seite initiierten Projekten
Verschiedene staatliche Banken und private Initiativen, u.a. in der Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Lettland mit kurzer Erläuterung ihrer KMU- und Startfinanzierungsangebote
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