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(c) Pester Lloyd / 12 - 2010 BUDAPEST 23.03.2010
Die Apartment-Synagoge
Wie bringt man Leben in die Bude? Besuch in einer jüdischen Mädchen-WG in Budapest
Kann man Verlorenes, Vernichtetes wiederbeleben? Eine US-amerikanische Stiftung versucht jedenfalls, jüdische Viertel in Europa mit kulturellem Leben
auch jenseits der Tempel zu erfüllen. Das „Moishe House“ in der Király utca hilft bei der Gründung von Wohngemeinschaften, deren Bewohner das Kulturleben
bereichern sollen. Wir besuchten drei Mädchen in der Budapester Király utca und gewannen interessante Einblicke beim "culture building".
Kippas häkeln gegen “buddhistische Übermacht”
Man wird freundlich in die Wohnung gebeten, wo es nach Muffins duftet. Anna hat für
ihre Mitbewohnerinnen gebacken, so wie sich das in einer Wohlfühl-WG gehört. Was das Moishe House allerdings von typischen Wohngemeinschaften, wie wir sie in
Deutschland kennen, unterscheidet, wird klar, wenn Zsófia aus dem Nähkästchen plaudert. „Die Moishe House-Stiftung unterstützt junge Juden, die zusammen ziehen,
um kulturelle Veranstaltungen nach ihren eigenen Vorstellungen zu organisieren und eine Gemeinschaft aufzubauen“, so Szofia. „Dadurch soll das jüdische Leben im Viertel
auf eine alternative Art und Weise gefördert werden.
Man trifft sich hier ja nicht gerade regelmäßig in der
Synagoge.“ Kaum hat sie den Satz beendet, wirft eine Freundin, die Kippa häkelnd am Wohnzimmertisch sitzt, ein: „Synagoge? Hier sind doch eh alle Buddhisten!“, worauf schallendes
Gelächter den Raum erfüllt. Die lockere Atmosphäre ist hier allgegenwärtig, doch unverkrampft ist nicht gleich unproduktiv, was klar wird, wenn Szofia über
die Veranstaltungen spricht, die das Moishe House bietet.
Alternative Kultur und soziale Vernetzung
Neben Workshops, wie in etwa zum Kippahäkeln,
trifft man sich in der WG regelmäßig zum Sabbat, veranstaltet Filmabende oder stellt schnell mal die Location für das „Apartment Theatre“. Pro Monat gibt es bis zu sieben Veranstaltungen, welche die
finanzielle Unterstützung der US-amerikanischen Stiftung rechtfertigen. Neben einer bereichernden Funktion für die jüdische Gemeinde ist das
Zusammensein vor allem für die drei Bewohnerinnen Anna, Zsófia und Eszter von Vorteil, da sie so täglich Freunde einladen können, was im Elternhaus nicht so einfach
möglich wäre – zumindest nicht im jetzigen Umfang. Die meisten jungen Juden in Budapest leben nämlich nicht unbedingt in Wohngemeinschaften mit mehr als zwei
Personen zusammen, meint Anna, die dabei gleich mal ihre guten Deutschkenntnisse präsentiert. „Wir sind jetzt so etwas wie eine Apartment-Synagoge“, wirft Szofia noch ein.
Fotos 1+2, Aktivitäten aus dem Moishe-Haus Budapest, Foto 3: die sehr lebendige Király utca vor dem Holocaust
Die Idee, so zu wohnen, haben sich die Mädels kurzerhand aus anderen
Metropolen, wie London, Peking oder Warschau abgeschaut. In den USA gibt es allein schon ungefähr 20 bis 30 Moishe Häuser. Man kannte sich vor dem Zusammenziehen gar nicht groß, aber
selbstverständlich hatte man sich schon ab und zu im Sirály, dem Kulturtreff der Gegend, gesehen. Natürlich beteiligt man sich nun an Programmen wie dem „Quarter6 Quarter7“ oder dem „Bánki Tó
Fesztivál“, was die enge soziale Vernetzung im jüdischen Viertel unterstreicht. Ein Name, der dabei auch immer wieder fällt, ist „Marom“ – eine Organisation, die moderne jüdische Kultur
repräsentiert und verbreitet. Dabei geht es darum, jungen Menschen – die vielleicht auch gerade erst erfahren haben, dass sie jüdische Wurzeln haben,
was immer wieder vorkommt – die Hand zu reichen, um sie in Form kreativer Events mit in das jüdische Leben einzubeziehen.
Vergangenheit bleibt präsent
Marom beteiligt sich zudem am „Social Action Program“, einem Austausch von
jüdischen Studenten zwischen New York, Jerusalem und Budapest, der einen Dialog über soziale Gerechtigkeit ermöglicht. An dieser Stelle sei ein Blick auf die Internetseite http://www.marom.hu/ wärmstens empfohlen.
Wie schon im Sirály geht es im Moishe House darum, auf liberale Art jüdische Elemente
zu vermitteln und somit die Kultur im Viertel neu zu beleben. Dass die Vergangenheit dabei nicht nur im Hinterkopf steckt, sondern mitunter auch noch in dunklen Ecken der
Wohnung lauern kann, zeigt Zsofia, als sie aus einem Bücherregal zwei Schutzpässe hervorzieht und meint: „Die haben wir, als wir hier eingezogen sind, in der
Abstellkammer gefunden. Es war sogar noch das Familientagebuch mit dabei.“
Matthias Wahsner
http://moishehouse.org/houses_a.asp?HouseID=49
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