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(c) Pester Lloyd / 12 - 2010 KULTUR 23.03.2010
Klangvolle Dekadenz
Mit dem "Rosenkavalier" erreicht die Ungarische Staatsoper wieder europäisches Niveau
Die Uraufführung unter Max Reinhardt in Dresden (1911) schwelgte noch textgetreu im Wien um 1740, also zu Maria Theresias Zeit. Ruth Berghaus stellte
1992 in Frankfurt einen „Rosenkavalier“ auf die Bühne, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges spielte. Die Budapester Inszenierung unter Andrejs Žagars (Regie) und
Jochen Breiholz (Dramaturgie) orientiert sich an der gängigen Aufführungspraxis und lässt die Komödie von Hugo von Hofmannsthal mit der Musik von Richard
Strauss im Wien des späten Jugendstils um 1910 spielen. In einer Epoche, in der nicht nur Raum und Zeit aus den Fugen geraten, sondern in ihr auch das Individuum.
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So sind Bühnenbild, Kostüme und Spielweise dem Stil jener Zeit, aber insbesondere der
Musik aus dem 20. Jahrhundert angepasst, eine Musik, die von einem gewaltigen Orchester (über 100 Musiker) ironisch, dramatisch, stilisiert, überdreht, aggressiv – und
mitunter sogar mozartisch daher kommt. Schließlich war es der Wunsch des Komponisten, nach seiner „Elektra“ nun eine „Mozart-Oper“ folgen zu lassen, mit
einem „Don Giovanni vom Lande“, wie das Regie-Team aus Riga in Budapest die Figur des Baron Ochs auf Lerchenau angelegt hat. Dieser Herr sollte zunächst der Oper den
Titel geben, wenn sich Frau Strauss mit ihrem „Rosenkavalier“-Vorschlag nicht durchgesetzt hätte. Sowohl das Libretto als auch die Musik haben eklektizistische Züge.
So wie sich Hofmannsthal nach eigenem Bekennen aus verschiedenen literarischen Vorlagen seine sarkastische Komödie zusammenschrieb, so bedient sich auch die Musik
verschiedenster Anleihen, aber insbesondere beim Walzerkönig und Namensvetter Johann Strauß.
Und dass dies überaus gekonnt geschieht, durfte an den beiden Premierenabenden
(20./21.3.) in der Ungarischen Staatsoper – im Rahmen des X. Budapester Frühlingsfestival - in meisterlicher Weise genossen werden. Man erlebte ein überaus
spielfreudiges und stimmlich sehr qualifiziertes Ensemble: Allen voran Lars Woldt als Ochs auf Lerchenau, der an der Wiener Staatsoper seit vergangenem Jahr auch dort
diese, wohl eine der schwierigsten Partien der Opernliteratur gestaltet. Und gestaltet werden muss diese Rolle jenes morbiden, dekadenten und skurrilen – also
differenzierten Charakters. Deshalb handelt es sich bei Woldt auch nicht einfach um einen stimmlich voluminösen und elegant singenden Bass-Buffo, obwohl das Buffoneske
auch ständig gefordert ist. Vielmehr ist hier auf der Bühne ein Charakter-Bass, gepaart mit schauspielerischen Glanzleistungen zu besichtigen, der nicht als primitiver Wüstling,
sondern als gefährlicher Zeitgenosse die aus den Fugen geratenen Verhältnisse großartig repräsentiert.
Fast eben so viele Bravo-Rufe wie dieser „Ochs“ konnte sich die Marschallin der Eszter
Sümegi (am 20. sang Éva Bátori die Partie noch etwas dramatischer) abholen. Sie sang und spielte souverän und schön. Beeindrucken konnte auch Viktória Mester in der
Hosenrolle des Octavian (am 20. ebenfalls hervorragend Andrea Mélath) mit ihrem wunderbar geführten Mezzosopran, der metallisch in der Höhe strahlte und im Duett
„Überreichung der silbernen Rose“ mit dem etwas tremolierenden Sopran der Júlia Hajnóczy (am 20. dominantere Stimmgebung durch Rita Rácz) als Sophie wunderbar-anrührend zur Geltung kam.
Als italienischen Sänger erlebte man in der Samstag-Premiere mit seinem strahlenden
Tenor Attila Fekete, während am Tag danach Gergely Boncsér diese Partie etwas angestrengter sang. Auch die meisten anderen Partien waren stimmlich und
darstellerisch gut besetzt. Bei den kleinen Solopartien sollte allerdings da und dort stimmlich etwas nachgebessert werden. Vielleicht helfen aber auch nur mal wieder paar Stunden Gesangsunterricht.
Hofmannsthal meinte 1927 in einem Geleitwort
seiner Oper, dass „diese Sprache es ist, welche dieses Libretto zum unübersetzbarsten in der Welt gemacht“ hat. Deshalb erleben wir den „Rosenkavalier“ auch hier in Budapest in
deutscher Sprache mit ungarischen Obertiteln. Allerdings ist vom Deutschen, noch dazu von einem mit Wiener Dialekt versehenen, so gut wie nichts zu verstehen (außer beim Gast aus Wien).
Das dürfte nicht allein daran liegen, dass das Orchester mitunter den Sprechgesang wuchtig überlagert. Aber schließlich besteht auch die deutsche Sprache aus Konsonanten und Vokalen.
Wenn aber das Gehörte fast nur als Vokalisen über die Rampe kommt, dann verschenkt man sich einen wichtigen Teil dieses Werkes. Durch eine intensivere und vielleicht etwas längere
Probenzeit, hätte man sich diese Kritik möglicherweise ersparen können.
Es bleibt aber dennoch dabei: Der „Rosenkavalier“ an der Ungarischen Staatsoper ist
nicht nur eine logistische, sondern auch eine darstellerische und gesangliche Meisterleistung, eine sehens- und hörenswerte Ensemble-Harmonie auf und hinter der
Bühne – und nicht zuletzt eine bewundernswerte orchestrale Leistung unter dem Dirigat von János Kovács. Kurz: Das vierstündige, kurzweilige Erlebnis dieser „klangvollen
Dekadenz“ ist ein weiterer künstlerischer Meilenstein auf dem Weg der hiesigen Oper in Richtung großartiges europäisches Musik-Theater.
G.B.S.
Nächste Vorstellungen vom „Rosenkavalier“: 26.3., 4.,11.,20. und 27.4. jeweils 18 Uhr www.opera.hu
TIPP: Maifest der Oper
Fotos: Ungarische Staatsoper
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