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(c) Pester Lloyd / 13 - 2010  FEUILLETON 01.04.2010

 

Umspannwerk der Gesellschaft

Wie politisch kann Kunst in Ungarn sein? - Ein Besuch im Trafó in Budapest

Kann man sich als Betreiber eines Kunstzentrums politisch wirklich positionieren? Leider nur bedingt, wenn es nach der Aussage von Márton Horn, dem PR-Mann des Trafó in der Liliom utca 41, geht. Da man auch in Zukunft auf Fördergelder des Staates angewiesen ist, muss man in Ungarn aufpassen, ob und wie man seine politische Gesinnung äußert. Doch das Programm gestaltet man im Trafó immer noch selbst und packt auch heiße Eisen an. So hat man es mit einem andauernden Kraftakt zum führenden Ort für zeitgenössische Kunst in Ungarn geschafft.

Gratwanderung zwischen Experimenten und „Kunst als Waffe“

„Vor kurzem hatten wir eine Lesung von Elfriede Jelineks Stück ‚Rechnitz‘“, so Márton Horn. „Auf Grausamkeiten, wie sie die Dramatikerin aufgearbeitet hat, muss man immer wieder aufmerksam machen.“ Er bezieht sich auf das Massaker, das in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 im österreichischen Burgenland, an der Grenze zu Ungarn, geschah und 180 jüdische Zwangsarbeiter das Leben kostete. Als Höhepunkt eines Nazi-Festes im Schloss der Gräfin Margit Batthyány erhielten die Gäste Gewehre, mit denen sie im „Kreuzstadel“ gebrochene, verhungernde Juden hinrichteten, weil diese nicht mehr für den Bau des Südostwalls gegen die Rote Armee zu gebrauchen waren. Danach ging die Party weiter und die Anwohner schwiegen das Thema tot.

Während des insgesamt dreitägigen Programmes „Hunting Feast and the B-Sector“ rief man im Trafó gegen die Diskriminierung von Juden und für den geschichtlichen Diskurs auf, da auf diesem Gebiet zwischen Ungarn und Deutschland Welten liegen. Wie kann man sich sonst erklären, dass die Wahlprognose für die rechtsradikale Partei Jobbik zur Zeit bei 16 Prozent liegt? Viele Ungarn erinnern im Moment eher an den Charakter André Jung, der uns in Rechnitz dazu ermahnt, eine „kognitive Distanz“ zur Vergangenheit zu wahren und diese bitte bloß nicht im „Casino des Denkens“ aufs Spiel zu setzen. Im Theater der ehemaligen Süd-Pester Trafostation könnten solche Irrglauben beseitigt werden, doch ist sehr fraglich, ob den Verirrten und Verwirrten noch geholfen werden kann. 

Im Gespräch mit Márton Horn und Kuratorin Nikolett Eross wird leider auch klar, dass sich das Trafó im Zwiespalt zwischen „Kultur als Waffe“ und eher experimenteller zeitgenössischer Kunst befindet. Bisher wurde man vom Stadtrat finanziert, doch wer weiß, wie es in der politisch rechtsorientierten Zukunft aussehen wird? Die eigene Existenz ist eng an die bisher recht gut geflossenen Fördergelder gebunden, also wird man nicht unbedingt den Märtyrer spielen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, subtil zu kritisieren, indem man politische Inhalte auf ungewöhnliche Weise anbietet. 

Zerlegte Welt im Kellergeschoss

So zeigt die Galerie im Kellergeschoss noch bis zum elften April die Ausstellung „Zerlegte Welt“, welche das Potential und die Abgründe kollektiver sozialistischer Produktion widerspiegelt. Neben kunstvoll bestickten Stoffen, vermitteln atmosphärische Fotoserien und Videoinstallationen den Eindruck, dass die Kollektive sich im Wandel der Zeit erübrigt haben. Heute gibt niemand mehr eine Flagge in Auftrag, doch so mancher alter Arbeiter glaubt immer noch daran, dass Vater Staat ihm helfen wird. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass im Zeitalter der Massenproduktion der Mensch – oder das Kollektiv – auf der Strecke bleibt.

Die Galerie verfolgt dabei keinen dokumentarischen Ansatz, sondern versucht mit der aktuellen Ausstellung schlicht und einfach zu vermitteln, wie der Sozialismus die Lebenswelten der Arbeiter bestimmt hat. Durch diese persönlich orientierte Herangehensweise ermöglicht man vielleicht auch jungen Ungarn, die sich mit der historischen Reflexion etwas schwer tun, den Zugang zur eigenen Geschichte, hofft Nikolett Eross. 

Das Trafó, einst Glückskind der alternativen Kunstszene, ist in dauernder Gefahr

Das Kernstück des Trafó ist der Theatersaal, der für zirka 300 Besucher Platz bietet und sich scheinbar ständig im Umbau befindet. Aufgrund der strengen Auflagen des Stadtrates sieht man sich nämlich dazu gezwungen, unglaubliche 140 Aufführungen pro Jahr anzubieten. So meint Márton Horn stirnrunzelnd: „Wir müssen hier die gleichen Anforderungen erfüllen, wie die traditionellen Theater in Budapest. Aber wir haben kein festes Ensemble und spielen auch nicht immer die gleichen Stücke.“

Dennoch sind er und Nikolett Eross froh über die gute technische Ausstattung im Trafó. „Anfang der 90er haben französische Anarchisten das Haus entdeckt, nachdem es über 40 Jahre leer stand. Dass es jetzt so aussieht, wurde nur durch die Mittel der unrealisierten Expo möglich. Aber da die Stadt den traditionsreichen FMK (dt. Klub der jungen Künstler) in der Andrássy utca so verkommen lassen hat, war sie uns das schuldig“, so Eross. Sie kritisiert hiermit den Verkauf des Szenetreffs an den Banker Gábor Kovács, den in seiner Tätigkeit als Kunstsammler ein eher zweifelhaftes, politisch exponiertes Umfeld umgibt. 

Somit hat sich die echte Kunstszene mit auf das Trafó verlagert, das neben allen möglichen Genres vor allem den zeitgenössischen Tanz befördert. Dies äußert sich in mitunter freakigen, audiovisuell untermalten Choreographien, wie zum Beispiel „InTime“ von Pál Frenák. Es gilt auch immer wieder, das Publikum in einen Dialog mit den Künstlern zu bringen, damit das Kunstverständnis erweitert werden kann. Vom 21. bis 23. April wird Elfriede Jelineks Stück „Stecken, Stab und Stangl“ aufgeführt, das einen rassistischen Bombenanschlag auf vier junge Roma im österreichischen Burgenland des Jahres 1995 thematisiert. Wieder richtet sie den Zeigefinger neben den Faschisten auch auf die Scheinheiligen, dank denen es so weitergeht, als wäre nichts gewesen. Noch aktueller als in Ungarn 2010 kann das Stück nicht sein.

Sicher, die Bühne des Trafó mag unter den bestehenden finanziellen und politischen Bedingungen nicht immer zum Zeitgericht und Zeitgewissen werden. Manchmal kann das kreative Umspannwerk der Kunst jedoch auch hier als Scheinwerfer fungieren.

Matthias Wahsner

Trafó - House of Contemporary Arts
1094 Budapest, Liliom u. 41
http://www.trafo.hu/

Fotos: Trafó

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