Hauptmenü

 

 

 

 

 

(c) Pester Lloyd / 14 - 2010  KULTUR 06.04.2010

 

Vom Jazz allein kann man nicht leben...

Im Gespräch mit der ungarischen Jazzsängerin Kati Rácz

Ihr Vater war Roma, ihre Mutter Jüdin: Kati Rácz zeigt sich im Gespräch mit dem Pester Lloyd stolz auf ihre Herkunft, zweifelt aber ein bisschen, ob es "heute so klug" sei darüber zu reden!? Wir sprachen mit einer der bekanntesten Jazz-Sängerinnen Ungarns über ihre künstlerische Entwicklung, musikalische Prinzipien, die Schwierigkeiten als selbständiger Musiker, ihr neues Album und über das Roma-Radio.

Kati Rácz spielt mit ihrer Band „Rácz Kati és a Flush“ seit Jahren Jazz in den angesagten Clubs des Landes. Als ich sie anrief, um uns wegen eines Interviews zu verabreden, fragt sie, ob wir uns im Ring-Café treffen könnten, am Nachmittag, am Stammtisch.

Ich fragte sie, ob es eine Bedeutung habe, uns gerade hier zu treffen? „Mein Schatz“, tönte sie mit ihrer sonoren Stimme, „ich habe mein ganzes Leben hier verbracht zwischen VI. und in VII. Bezirk. Die Pester Kultur, die Cafés, die Jazzbars und die Stimmung inspirierten auch meine Musik. Und das Ring-Café gehört dazu. Meine Musik ist städtisch, oder besser budapestisch...“

Wenn man sie nach ihrer Entwicklung fragt, erzählt sie zuerst, dass sie lange nicht mehr im „Revü“ gesungen hat. „Ja, ich war einst dort wirklich eine Diva, wenn ich das so sagen darf. Aber mit der Wende hat sich hier alles verändert, und das ´Revü´ hatte kein Publikum mehr. Ein guter Freund meinte, es gibt nur eine Möglichkeit, um zu überleben: wir müssen eine Band gründen und uns stärker dem Jazz zu wenden. Ich sang damals bereits Jazz-Titel, die hier noch ganz unbekannt waren. Und wir haben zunächst die ´Triumph-Band´ gegründet. Als wir dann sechs Mitglieder waren, nannten wir uns ´Rácz Kati és a Flush´“.

Kati ist zwar stolz, wenn man sie als Jazz-Sängerin bezeichnet, weil sich bei ihr damit auch ein Qualitätskriterium verbindet, aber sie ist auch in anderen Gesangs-Stilen durchaus zu Hause. „In Ungarn ist es mit dem Jazz echt schwierig gewesen“, meint sie aus Erfahrung. „Wie man sieht und hört, gibt es aber jetzt immer mehr neue Bands, die den Jazz pflegen, wie z:B. beim Terézvárosi Jazzfesztivál. Seit 2008 wird es zweimal pro Jahr mit einem unglaublich großen Erfolg veranstaltet. Früher mussten wir darum bitten, in einer Bar spielen zu dürfen, jetzt ist alles umgekehrt: die Plätze kämpfen miteinander um uns, die Musiker. Der Zuspruch und die Nachfrage sind groß.“

Und selbst der deutsche Wirtschafts-Club in Györ konnte sich jüngst bei einem nachhaltigen Abend mit Kati Rácz von deren besonderem Talent überzeugen. „Aber die Finanzierung eines solchen Jazz-Festivals ist nicht einfach“, beklagt sie die Situation im Land. „Um Geld dafür zu bekommen, muss man außer Jazz auch populären Musik bieten. Mit meinem Kollegen Péter Ember, der meine Lieder schreibt und darin am besten meine Gefühle und Gedanken ausdrücken kann, hatten wir kürzlich geplant, in diesem Sinne ein ausschließlich populäres Album zu machen. Aber das brachten wir nicht fertig. Man kann – und will - sich einfach nicht billig verkaufen!“

Und so ist ihr neues Album, das vor Ostern heraus kam, dann eine Mischform zwischen einem hohem Jazz-Anteil und etwas Pop-Zugeständnissen geworden. „Es ist noch immer nicht möglich, in Ungarn nur allein vom Jazz zu leben“, schätzt sie die Situation realistisch ein.

Nach ihren Aktivitäten beim Roma-Radio befragt, wo Kati Rácz eine Interview-Sendung betreute, meint sie: „Ja, das ist eine schöne Geschichte. Es war 1998, ich hatte mit meinen Freundinnen Karten gespielt als ich einen Anruf vom ´Radio C´ erhielt. Sie haben mich ausgewählt, eine eigene Sendung zu machen. Ich hatte erst geglaubt, dass sie die falsche Nummer gewählt haben, aber sie wollten wirklich mich dafür haben“ - erzählt sie temperamentvoll. „Es waren schöne Zeiten. Ich konnte meine Gäste nach meinen Vorstellungen auswählen: Musiker, Künstler, und selbst Hellseher waren darunter. Damals hatten dort alle Mitarbeiter noch einen Zigeuner-Hintergrund“.

Ob ihr ihre Zigeuneridentität wichtig sei, fragten wir die Jazz-Ikone Ungarns abschließend: „Mein Vater war Roma, meine Mutter Jüdin. Natürlich bin ich stolz auf meine Herkunft. Aber vielleicht ist es nicht klug, heutzutage darüber zu reden, - oder...?“

Das Gespräch führte Flora Horváth
 

DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH

 

 

 



 

IMPRESSUM

Ihre Werbung hier

 

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa: Kontakt