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(c) Pester Lloyd / 15 - 2010  KULTUR 12.04.2010

 

Zweifel aus Zuckerwürfeln

Hochkarätige Nachwuchsausstellung im Ernst Museum Budapest

Ist die ungarische Kunst so anders als die internationale? Diese Frage wird derzeit - unter anderen - im Ernst Museum Budapest gestellt, wo die Werke von Preisträgern eines angesehenen nationalen Förderprogrammes ausstellen. Beantwortet wird sie in dem Maße wie man die Definition von Kunst überhaupt in Frage zu stellen hat, wenn man sie betreibt...

"Many of us curators and critics expressed already several times informaly or public that it is hard to find hungarian artist compatible with international expectations." (Viele von uns, Kuratoren wie Kritiker, brachten schon mehrmals, informell und öffentlich, zum Ausdruck, dass es schwer ist, ungarische Künstler zu finden, die internationalen Erwartungen gerecht werden.) Dieser aus Zuckerwürfeln gebastelte Satz ist Bestandteil eines Kunstwerkes von Tibor Horváth. Eine verzerrte Europaflagge hängt über dem vergänglichen Spruch. Das Zitat unterstreicht oder stellt lediglich fest wie außergewöhnlich ungarische Kunst wahrgenommen wird, wahrgenommen werden sollte und vielleicht auch ist.

Ob dieser Ausspruch stimmt, inhaltslos provoziert, übertreibt oder künstlerische Gegenwart bewertet, kann der Besucher des Ernst Museum Budapest selber beurteilen. Die aktuelle Ausstellung zeigt die Stipendiaten und damit die nachhaltig geförderten Nachwuchstalente der ungarischen Kunstszene. Die Ausstellung mit dem Titel „The Derkovits Fellowship Awardees 2009“ ist noch bis zum 2. Mai in der Nagymezö, der Seitenstraße der Andrássy út ausgestellt.

Kunst auf Bestellung...

Eine neue oder nur offensivere Interaktion zwischen Künstler und Konsument wird von Eszter Sipos vorgeschlagen. Sie lässt Postkarten mit möglichen Inspirationen und Sprüchen und Titel ausfüllen um für das nächste entstehende Werk einen Arbeitstitel vom Betrachter zu bekommen. Das fehlende Bild ist für jeden offensichtlich an der Wand als weiße Leinwand zu sehen. Ein Hinweis auf bisher fehlende Kommunikation zwischen Hersteller und Besteller? Kunst als Auftragswerk oder Kunst inspiriert von gesellschaftlicher Wirklichkeit, moderne Kunst ist nicht immer leicht zu verstehen, - falls sie verstanden werden will. Aber gut sieht sie dabei aus.

Kindlich koloriertes Malbuch

Hajnalka Tarr bebildert das Leben und reduziert damit große und größere Vorkommnisse und Ärgernisse zu einem kindlich kolorierten Malbuch. Mein Leben mit Buntstift gezeichnet und nachschlagbar, das etwas andere Lebenskonzept. Postkartengroß sind die verschiedenen Alltagslebensmomente von Schlafen, Duschen, Anziehen und Streiten in schreiend bunten Farben ausgemalt und nebeneinander gereiht. Leben auf und in Postkarten als vorgeschlagenes Konzept der Alltagsbewältigung.

Neben bunten Videoinstallationen, handwerklichen Ausarbeitungen und progressiven Fotomontagen gibt es aber auch eher konventionelle und beruhigend bekannte Ölgemälde mit Rücklichtern eines BMW, Schneemann mit Penis und Schlachtung des vermeintlichen Osterlammes.

Förderprogramm existiert seit 1955

Die einzige Gemeinsamkeit der ausgestellten Bilder, Werke und Sensationen ist die Prämierung dieser für das Kunststipendium. Das Programm existiert seit 1955 und fördert junge Talente unter 35 am Beginn ihrer hoffentlich nahenden Karriere. Der beurteilende Ausschuss setzt sich zusammen aus Künstlern und Kunsthistorikern und muss aus über hundert Bewerbungen jährlich zehn herausfiltern. Einmal als Stipendiat aufgenommen, müssen sich die Künstler jedes Jahr neu beweisen und immer wieder der Prüfung unterziehen.

Glaubt man der Darstellung des Ernst Museum ist die diesjährige Retrospektive auf Werke der Preisträger, entstanden 2009, eine qualitativ hochwertige Schau, wenn nicht sogar die bisher beste. Abgesehen von dem Zitat über die eigentümliche Einzigartigkeit der ungarischen Kunst ist diese Ausstellung eine Bestätigung der Annahme, dass immer alles möglich ist und auch ausgereizt werden muss innerhalb der Kunst. Und vielleicht wird die Definition von Kunst zuallererst in Frage gestellt und damit gesprengt. Die Ausstellung bietet einen herrlichen Überblick über Entwicklungen der Kunstszene in Ungarn. Schwerpunkte, nationale Tendenzen und die langsame Anerkennung von Kunst als gesellschaftliches und politisches Medium.

Katherin Wagenknecht

Ernst Museum bis 2. Mai 2010
Nagymezö utca 8, 1065 Bp.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 19 Uhr
Eintrittspreise: 700 HUF, ermässigt 350 HUF
Weiterführende Informationen

Zum Thema:

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Da man auch in Zukunft auf Fördergelder des Staates angewiesen ist, muss man in Ungarn aufpassen, ob und wie man seine politische Gesinnung äußert. Doch das Programm gestaltet man im Trafó immer noch selbst und packt auch heiße Eisen an. So hat man es mit einem andauernden Kraftakt zum führenden Ort für zeitgenössische Kunst in Ungarn geschafft.

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