|
(c) Pester Lloyd / 16 - 2010 BUDAPEST 19.04.2010
Ein Castro mit Zukunft
Serbisches unter kubanischem Decknamen in Budapest: das Castro Bisztró
Bewegt man sich vom stets gut belebten Déak tér entlang der Károly utca in Richtung Dohány Synagoge, stößt man kurz vor einem dystopisch anmutenden
Torbogen auf eine Besonderheit unter den vielen Bistros in Budapest. Im Castro Bisztró am Madách tér 3 kann man sich nicht nur bei einem guten Kaffee
zurücklehnen, sondern auch abends in bester Gesellschaft sein Bier oder den ein oder anderen Cocktail zu sich nehmen.
 |
Die entspannte Atmosphäre, die vor allem bei vielen Expats hoch im Kurs steht, aber
auch Ungarn anzieht, lässt sich bei dezenter Beleuchtung ganz unbeschwert aufsaugen, so dass man sich hier durchaus auch zum schriftstellerischen Akt befähigt fühlt, selbst
wenn die letzte Nacht mal wieder lang war. Rumort es dann im Magen, verheißt ein Blick auf die üppig ausgestattete Speisekarte Gutes. Ob suppig, vegetarisch oder deftig
– hier wird dem Hunger schnell und zu einem ehrlichen Preis Abhilfe geleistet. Für die bevorstehenden warmen Frühlingstage empfiehlt Inhaber Csaba Szalai vor allem den
Castro Salat; sollte es jedoch etwas mehr sein, kann man mit dem „creamy chicken with rosemary and smoked bacon“ nichts falsch machen.
Serbische Küche...
Spätestens nachdem man den Teller leergeputzt hat, kommt die Frage
auf, was daran nun kubanisch war. Die Antwort ist einfach: nichts, denn unter dem Namen des großen Fidel verbergen sich hauptsächlich serbische Spezialitäten. Wie kam es dazu, mag man Csaba fragen,
worauf er zum x-ten Mal die Geschichte vom gescheiterten kubanischen Restaurant in der Ráday utca erzählt. Nachdem die kubanische Küche in Budapest einfach nicht ankam, stellte man einen serbischen
Chefkoch ein und der Laden lief. Am Madách tér liegt das Bistro nun noch zentraler, wodurch die Gäste automatisch in Strömen kommen. Da hat es der gute Csaba, der
meist schon zur Mittagszeit fünf Käffchen intus hat, gar nicht nötig, sein Bistro groß anzupreisen. „Die Atmosphäre hier ist sehr freundschaftlich. Viele Künstler und
Studenten, die ich schon persönlich kenne, kommen jeden Tag zu uns“, meint er nur und fügt hinzu: „Hier ist einfach eine spezielle Stimmung“.
...und ab und zu kubanisches Flair
Wenn auch die Spiesekarte bis auf Cuba Libre nicht viel mit Kuba zu tun hat, so kommt
inmitten der alten Ledergarnituren und Holztische mit ihren bestickten Tischdecken doch etwas Inselflair auf, wenn die Musik gerade mitspielt. Das ist nicht immer der
Fall, weil aus den Boxen oft ein ziemlich bunter Mix aus Lounge über Rock bis hin zur Filmmusik ertönt. Aber mal ehrlich: wer möchte schon, wenn er jeden Tag hier her
kommt, immer wieder Buena Vista Social Club hören, auch wenn die Jungs Klasse sind?
Hinter der Bar hängen Poster von allen möglichen Veranstaltungen, bei denen man
höchstwahrscheinlich auch das Personal und die Gäste des Bistros antreffen konnte. Auch das Oldboy-Filmplakat demonstriert einen exklusiv-verrückten Filmgeschmack.
Daneben prangt der Name „Castro“ in großen Lettern über vielen bunten Fotos und einer typisch kubanischen Szene; alte Männer mit Hüten tanzen unter Palmen mit ihren Damen.
Während tagsüber eher karibischer Müßiggang zelebriert wird, kann es abends auch
mal heftiger zugehen. Zum Beispiel, wenn man zu zweit direkt an der Theke platznimmt und die neuste Aushilfe die hohe Kunst des Bierzapfens noch nicht so ganz
gemeistert hat. Da spritzt es schonmal, doch wer sich an sich selbst ergötzen will, ist hier eh falsch beraten und gehört eher an die Bar des benachbarten Hotels. Dass
„locker“ aber nicht gleich gesundheitsschädigend sein muss, sieht man an der Extra-Nichtraucherlounge mit eigener Bar und separatem Eingang. Das Castro ist also
zukunftsfähig, beim Namensgeber ist man da nicht mehr so sicher.
Das Castro ist ein Bistro, in das man immer wiederkehren wird, wenn man einmal da
war. Da jedoch auch viele andere Müßiggänger zu dieser Erkenntnis gelangt sind, empfiehlt sich, bevor man hingeht, ein kurzer Anruf, um sich einen der begehrten Tische zu sichern (Tel. 215-0184).
Castro Bisztró, VII., Madách tér 3
Ein paar Preisinfos: Café Latte 370, großes Bier 470 Forint, Cuba Libre 990, Castro Salad 1450, Suppen zw. 600 und 900, Küche schließt um 23 Uhr; Suppen bis 23:30
Matthias Wahsner
DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH
|