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(c) Pester Lloyd / 16 - 2010 KULTUR 23.04.2010
Wachgeküsst und doch verschlafen
Kultur hinterm Bauzaun: Auf der Suche nach der Kulturhauptstadt Pécs
Spricht man mit den Menschen über die Kulturhauptstadt Pécs, werden schnell Gerüchte über ungleich verteilte Gelder, Überforderung und schlechtes
Zeitmanagement laut. Pécs würde mit ethnischen Minderheiten werben, doch die von der EU kassierten Fördergelder werden nicht wie vorher besprochen
anteilsgerecht weitergereicht. Pécs erfährt 2005 von der Nominierung als Kulturhauptstadt und beginnt zu spät mit der Realisierung. Jahrelang passiert
nichts in den Straßen der Altstadt und nun soll alles auf einmal und sofort geschehen. Pécs ist die wachgeküsste Stadt, die doch verschlafen hat.
Sightseeing mit Ohrenschützern
Die Komitatshauptstadt von Baranya ist mit dem
Zug von Budapest gut zu erreichen (Fahrkarten inklusive ICE Aufschlag ca. 4.000.- HUF, ca. 15.- EUR). Sehenswert oder zumindest der einzige vergrößerte Kartenausschnitt des Stadtplans ist die
historische Altstadt, die Innenstadt umgeben von teilweise erhaltener Stadtmauer. Dauerhafte, zeitlich scheinbar unbegrenzte, lärmintensive Maßnahmen zur Verbesserung der Pflasterung der
Straßen werden zum ständigen Begleiter des Besuchers und man fragt sich zum ersten Mal, ob das nicht alles schon hätte fertig sein müssen.
Eine Lärmglocke, erzeugt von Presslufthammer,
Steinschneidegerät und lärmenden Männern umhüllt touristisch attraktive Plätze und Sehenswürdigkeiten. Neben dem Lärm, der mich zwingt mit permanenten Ohrenschützern durch
Stadt und Straßen zu gehen, weht der aufgewirbelte Baustaub durch die Luft und vernebelt Augen und Sinne. Taub und blind durch die Kulturstadt Pécs. Die drei
zentralen Plätze (Széchenyi, Jókai und Kossuth tér) sind unzugänglich. Die Synagoge nur von hinten zu erreichen, die Moscheekirche nur mit einer kompletten Umrundung des
Platzes während der Besucher vom Bauzaun an Häuserwände und Bordsteinkanten gepresst wird.
Vielleicht ist ein ungarisches Jahr nur ein Sommer
Wenn also der Kaffee in der Frühlingssonne verwehrt wird, muss man eben in Häuser
flüchten und vielleicht, so denke ich mir, ist das eine geschickt-plumpe Taktik um Menschenmassen in die Vielzahl der Museen zu lotsen. Und Museen gibt es tatsächlich
viele in Pécs. Der Porzellankenner, der Naturwissenschaftler sowie der Kunstgenießer werden verführt und berührt. Allerdings müssen Kunstgenießer warten, warten bis
Mitte Mai, was – wieder übersetzt in stereotypisierte ungarische Verhältnisse – Juli bedeutet. Verschlossene Türen mit und ohne Hinweisschilder, alte Damen mit wenigen
Zähnen und Internetseiten, die ihr Bedauern ausdrücken und als Ursache technische Gründe oder schlicht Umbau angeben. Vielleicht ist ein ungarisches Jahr nur ein Sommer.
Die altehrwürdigen Gebäude, der Bischofspalast, die Kathedrale und die unterirdischen
Grabstätten sind mit Umwegen und Aufwendungen zu erreichen und zu genießen. Doch die Gebäude sind nicht Resultat der ungarischen Bemühungen eine Kulturhauptstadt zu
konstruieren. Die Gebäude sind vielleicht neben dem eingereichten Konzept Grund für die Nominierung, aber eben auch mitgegebene Geschenke an die Stadt, ein Erbe, kein Verdienst.
Den Anforderungen einer Kulturhauptstadt ist man nicht gewachsen
Auch nur halbfertig ist das
Naherholungsgebiet im Stadtbezirk Tettye rund um den gleichnamigen Platz. Quellen werden beschönt, begradigt und einbetoniert, Spielplätze sind vollgestopft mit Kindern, Wege,
die mit hellen Einheitssteinen, die überall in der Stadt verwandt wurden, für mindestens fünf Kinderwagen nebeneinander ausreichen und damit den Eindruck von
Massenabfertigung in die grüne Lunge vermitteln und jeglichen Zaubers entbehren. Nichtsdestotrotz ist die Aussicht unter der ausgehungerten Jesusstatue über ganz Pécs
beeindruckend schön. Allerdings ist Berg und Jesuskreuz kein Einfall des Kulturhauptstadtmanagements.
Die Anklage, Pécs fange mit notwendigen Renovierungs- und Ausbesserungsmaßnahmen
erst an, wenn erste Besucher bereits die Kulturhauptstadt genießen wollen, wird mit dem Argument der Nachhaltigkeit abgewehrt. Pécs als Stadt setze weniger auf
momentane spontane Effekte als mehr auf die weitsichtige Entwicklung der Stadt als Touristenmagnet. Intention ist die Entwicklung einer zweiten Kulturstätte neben dem
Monopolisten Budapest. Vielleicht sollte man weniger Pécs mit Essen und Istanbul vergleichen als die Ernennung zur Kulturhauptstadt als Möglichkeit und Sprungbrett in
die Medien und Aufmerksamkeit betrachten. Allerdings wird die Aufmerksamkeit beschränkt bedient.
Pécs ist eine sehenswerte und historisch interessante Stadt, die immer einen Besuch
wert zu sein scheint, jedoch den Anforderungen an eine Kulturhauptstadt Europas lange nicht gewachsen ist. Denn was nutzt ein umfangreiches Kultur-Programm, wenn die
Stadt sich als Baustelle präsentiert...
Katherin Wagenknecht
Weiterführende Informationen auf unserer Themenseite: Kulturhauptstadt Pécs 2010
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