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(c) Pester Lloyd / 16 - 2010  GESELLSCHAFT 21.04.2010

 

Wann, wenn nicht jetzt?

Welches Bild machen wir uns von den Roma? - Eine Ausstellung in Budapest dekonstruiert Stereotypen

In Form einer Ausstellung, die bis Ende Mai im Trafó zu sehen ist, wollen sich zeitgenössische Künstler mit der Roma-Minderheit Ungarns solidarisieren, vor allem durch die Forderung nach Gleichberechtigung. Es geht ihnen um den Abbau von Stereotypen, aus denen oft die Vorurteile abgeleitet werden, die im Endeffekt Rassismus und Hass schüren. In ihren Kunstwerken stellen sie Roma in einem anderen Licht dar als es die meisten Betrachter gewohnt sein werden.

Teppich knüpfend, Kessel flickend, Handflächen lesend, Holz schnitzend – so kennen wir die Roma von Fotos oder Gemälden. Das Bild des Zigeuners ist ein fest, nicht nur in der ungarischen Gesellschaft, verankertes Klischee. Mit der Ausstellung „IF NOT NOW“ versucht man im Trafó, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst in Budapest, diese fixierten Bilder zu lösen und durcheinander zu würfeln.

Künstler und Künstlerinnen aus verschiedenen europäischen Ländern wollen Machtverhältnisse, die mit der Benachteiligung der Roma zusammenhängen, sichtbar machen und sich auf die Seite der Unterdrückten und Marginalisierten stellen. Dabei betonen sie, dass die Kunst in diesem Zusammenhang nur unterstützend wirken kann, indem sie überregionale Verbindungen nutzt, um das Problem auf ein europäisches Niveau zu heben. So soll ein Diskurs ermöglicht werden, doch vor allem kommt es darauf an, dass die Roma für sich selbst die Stimme erheben.

Dies geschah auch hier leider nur bedingt, denn bei der Vernissage kam kein Vertreter der größten ethnischen Minderheit Ungarns zu Wort. Lediglich ein Roma unterhielt sich etwas abseits des Geschehens mit einer Künstlerin, während alternativ bekleidete Kunstinteressierte durch die Galerie schlenderten und die bunten Werke bestaunten. Um eine tiefergehende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema zu bewirken, hatte man aber für den nächsten Tag unter dem Titel „Sites of Visibility“ eine Konferenz im Roma-Parlament angesetzt.

Gleiche Rechte für alle!?

Die Ausstellung im Kellergeschoss des Trafós bietet immerhin ersten Zugang zu einer Thematik, die man im „neuen Ungarn“ allzu gern unter den Tisch kehrt oder für rassistische Hetze instrumentalisiert. Auf Stadtplänen verschiedener europäischer Metropolen, wie in etwa Krakau oder auch München, ergeben viele comicartige Roma-Gesichter eine Struktur, die verdeutlichen soll, dass sich die Roma schon seit langem nicht mehr an Grenzen orientieren, sondern in unzähligen Gesellschaften existieren. Ob sie in diesen auch ansatzweise akzeptiert werden, ist die Frage, die sich der Betrachter dabei zu stellen hat.

In der Mitte der Galerie steht ein buntes Zelt, das die britische Künstlerin Delaine Le Bas aufgestellt hat, um auf die „alphabetischen Fragmente des Bösen“ hinzuweisen, die zur Ausgrenzung von Minderheiten führen. Die detailreiche Installation kann begangen werden und vermittelt den Eindruck, das Zuhause eines Romakindes zu sein, wodurch neben dem Aspekt der Vertreibung auch auf die Romantisierung des Zigeunertums angespielt wird.

Dass soziale Marginalisierung oft in engem Zusammenhang mit der Profitgier von Unternehmen steht, zeigt der „Cash Flow“ von Pavel Fric und Lukáš Müller aus Ústí nad Labem. In ihren Grafiken reflektieren beide Künstler über eine von Geldgeilheit angetriebene Gesellschaft, die Zahlungsunfähige, zu denen all zu oft auch Roma zählen, in Randbezirke drengt und so abschottet. „Ghettoisierung“ wird so zum Schlagwort.

Thematisch dazu passend kann man sich gleich daneben Olga Egorovas Film „Partisan Songspiel: A Belgrade Story“ ansehen, der den scharfen Kontrast zwischen Kapitalisten und Minderheiten in Gestalt eines absurden Theaterstückes aufzeigt. Anschließend macht Lisl Pongers dreiteilige Fotoserie „Gleiche Rechte für alle!“ darauf aufmerksam, dass die Forderung der französischen Revolution nach Gleichheit immer noch nicht erfüllt wurde – schon gar nicht in Bezug auf die vielen Minderheiten Europas.

Wohl am interessantesten sind die „Rewritable Pictures“ von André  J. Raatzsch und Emese Benkö, welche einen Gegenentwurf zu den gewöhnlichen folkloristischen Motiven aus Roma-Fotoarchiven darstellen. Vor einem Bildschirm, auf dem eine Theaterimprovisation läuft, können Gäste Fotos beschriften und neu ordnen, wodurch es möglich wird, die Bilder aus ihrem stereotypen Kontext zu lösen. Ziel des Ganzen ist, neben der Schulung eines kritischen Blickes, die Neuschaffung eines offenen Roma-Fotoarchives, das den Bildern eine neue Bedeutung verleiht und eine Verallgemeinerung typischer Motive verhindern soll.

Gute Ansätze vor merkwürdiger Kulisse im Roma-Parlament

Darüber wurde dann auch am Tag der Konferenz heiß diskutiert, da sich einige der Anwesenden nicht so leicht von der Idee überzeugen lassen wollten, dass ein offenes Fotoarchiv vielleicht genau der richtige Ansatz sein könnte, um stereotype Darstellungsweisen zu untergraben. Genau darum ging es, denn das derzeitige Archiv fungiert eher als ein Gefängnis für die Abbildungen der Roma. Einen krassen Kontrast zu dieser fruchtbaren Diskussion bildete die Gestaltung des Roma Parlaments. Warum ausgerechnet hier so viele romantisierte und folkloristische Bilder an den Wänden hängen, erschloss sich wohl nur den Wenigsten.

Erfreulich war jedoch, dass endlich junge Roma-Akademikerinnen, wie in etwa Angela Kóczé oder auch Tímea Junghaus zu Wort kamen, um zu erklären, welche Chancen für die Minderheit sie in der zeitgenössischen Kunst sehen. Sie wiesen dann auch auf die Problematik hin, dass die meisten Studien von außenstehenden Forschern erstellt werden, die zwar redliche Absichten verfolgen, jedoch nicht auf beiden Seiten sozialisiert wurden. Gerade die, die den Spagat zwischen zwei Gesellschaften geschafft haben, sollen die Stimme für sich erheben, damit kein falsch konstruiertes „Imaginarium“ das Bild der Roma verfälscht.

Leider hat sich ihnen gegenüber längst eine neokolonialistische Einstellung breit gemacht, die sich nicht mehr so leicht beseitigen lässt. Davon kann man gerade in Ungarn ein Lied singen. Wir brauchen uns nur an den Welt-Roma-Tag zu erinnern, an dem man die Erschienenen scheinbar missionieren wollte. Bereits am Abend der Vernissage hatte Kuratorin Nikolett Eross auf die Brisanz der Konferenz hingewiesen, als sie anmerkte, dass sich einige potentielle Gäste Sorgen um ihre Sicherheit gemacht hätten und erst gar nicht teilnehmen wollten. In einem Land, in dem fast jeder fünfte Wähler für Rechtsradikale stimmt, ist das nur all zu gut verständlich – mehr Aufmerksamkeit von öffentlicher Seite hätte der Veranstaltung gerade deshalb sehr gut getan.

Matthias Wahsner

„IF NOT NOW“ im Trafó (Liliom utca 41)
Kuratiert von Margarethe Makovec & Anton Lederer
Ausstellungsdauer: 17. April bis 30. Mai 2010
Öffnungszeiten: DI – SO 16:00 – 19:00 Uhr
„Partisan Songspiel“ online:
http://www.chtodelat.org/

Vaterlandslose Gesellen
Stereotyp und Bedrohung: Wie sich die Mehrheitsgesellschaft ihre "Zigeuner" erschaffen hat und viele weitere Beiträge zum Thema.

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