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(c) Pester Lloyd / 17 - 2010  GESELLSCHAFT 30.04.2010

 

Gegen die Hasskultur

György Dalos kann Fidesz zwar nicht ausstehen, wünscht der neuen Regierung dennoch viel Glück

Ungarn ist in diesem Jahr aus gutem Grund Partnerland der „Scene NRW“, zählt doch die ungarische Universitätsstadt Pécs zusammen mit Istanbul und der Ruhrregion zu den Europäischen Kulturhauptstädten 2010. Der Schriftsteller und Historiker György Dalos kam zu einer Lesung nach Bochum, die fast zwangsläufig in eine politische Diskussion mündete. Außerdem verriet er uns sein neuestes Buchprojekt. Es handelt von Gorbatschow.

Die „Scene NRW“ stellt seit 1992 alle zwei Jahre zeitgenössische Kultur eines ausgewählten Landes vor. Überraschend und zugleich erfreulich mag sein, dass diesmal - beim mittlerweile zehnten Festival – mit 190 Veranstaltungen in 14 Städten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes die Beteiligung so groß wie noch nie sein wird. Von Mitte April bis in den Sommer hinein präsentieren mehr als 100 Kulturschaffende verschiedener Sparten Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film und Malerei des Gastlandes, gefördert vom Kultursekretariat Nordrhein- Westfalen mit der ansehnlichen Summe von 400 000 Euro.

György Dalos, kürzlich erst mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, ist in den letzten Apriltagen an vielen Orten des Rheinlandes und Westfalens unterwegs. Dabei wechselt er durchaus Programm und Themenschwerpunkte. In Dortmund etwa las er aus „Die Beschneidung“, einem seiner älteren Werke, und ließ sich dann auf eine Diskussion über Religion, Ideologie und den daraus folgenden Konflikten ein. In Münster wird er zusammen mit seiner jungen Kollegin Lea Polgár in einer Doppel- Lesung auftreten. Sie stellt ihren ersten Roman „Die zwei Welten der Rahel Bratmann“, die Geschichte einer scheiternden jüdischen Assimilation im Budapest vor dem ersten Weltkrieg, vor, Dalos sein letztes Werk „Der Vorhang geht auf- Das Ende der Diktaturen in Osteuropa“.

Aus diesem „als Sachbuch daherkommenden Kunstwerk“ las der Autor, der „durch die souveräne Kenntnis der Fakten, die Sicherheit seines politischen und moralischen Urteils und die Kunst seiner darstellerischen Mittel“ zu bestechen weiß, wie „Die Zeit“ schrieb, auch vor einem interessierten Zuhörerkreis in der Stadtbibliothek Bochum. Nur zwei gemeinsame Merkmale des tiefen Einschnitts für die osteuropäischen Länder im Jahre 1989 lässt György Dalos gelten, den Wunsch, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu befreien, und den Willen, die jeweilige Diktatur zu stürzen. Sonst aber entwickelte jedes Land seinen eigenen Weg zu Demokratie, nationaler Souveränität und europäischem Selbstverständnis.

Der studierte Historiker, wie er sich selbst nennt, wich auch in Bochum den Fragen nach dem aktuellen Zustand seines Landes nicht aus. „Länger als anderswo in der Region dauerte in Ungarn nach 1989 die euphorische Phase an. Aber das ist nun auch vorbei“. Auf die Frage, was die ungarische Politik sei, antwortete er ähnlich wie vor einigen Wochen bei einem Symposion des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes in Brüssel: „Das ist ein kalter Krieg zwischen linkem Zynismus und rechter Scheinheiligkeit“.

Es habe gute Gründe für die ungarischen Wählerinnen und Wähler gegeben, das Vertrauen in die Sozialliberalen zu verlieren. In den zwanzig Jahren nach dem Systemwechsel sei es der Linken, der er sich im weitesten Sinne selbst zurechnet, zu keiner Zeit gelungen, ein zukunftsfähiges soziales Programm zu gestalten. Auch angesichts der erdrückenden Zweidrittelmehrheit des nationalkonservativen Fidesz werde es zu keiner erneuten Diktatur in Ungarn kommen. Aber es gäbe halt auch Demokratien von besserer und schlechterer Qualität. Zu letzterer Kategorie zu gehören, sei schon allein ein Problem. Der konservativen Partei, „die ich nicht ausstehen kann“, wünschte Dalos gleichwohl guten Erfolg, weil der dem Lande nutzen würde. Zugleich befürchtete er, dass die gegenwärtige Aufgeregtheit in Europa wegen des Erfolgs der rassistischen, antisemitischen und europafeindlichen Jobbik nicht von langer Dauer sein werde. Wen bewege es denn wirklich, dass zum Beispiel in der Slowakei eine Nazipartei mit in der Regierung sitze.

Der neuen ökologisch ausgerichteten Partei LMP (Eine andere Politik ist möglich), die fast aus dem Stand heraus den Einzug ins Parlament schaffte, in Budapest sogar mit zweistelligen Resultaten, bescheinigte Dalos immerhin nicht von der sonst üblichen Hasskultur geleitet zu sein. Im Gegensatz zu allen anderen Parteien, die nur monologisieren, sei sie allein zum Dialog und zu einem Wandel in Stil und Sprache der Politik bereit.

Gewisse, wenn auch gebändigte Hoffnungen setzt Dalos in die Gewerkschaften, von denen er fordert, sich endlich als „dritte Kraft“ zu verstehen, die sich nicht den verschiedenen Parteien anbiedere, sondern diese zwinge, auf sie zuzukommen.

György Dalos wird als nächstes an einem Buch über Gorbatschow arbeiten, wie er auf Nachfrage dem Pester Lloyd bestätigte. Die Vorarbeiten seien bereits geschafft. Als Halbgott werde der letzte Parteichef der Sowjetunion von ihm nicht gehuldigt werden. Dieses Attribut verdiene kein Politiker. Dem „distanzierten Analytiker mit Humor“ war anzumerken, dass er dem Ende seiner langen Lesetour durch Nordrhein- Westfalen mit Erleichterung entgegensieht, um sich endlich ans Werk  machen zu können, auf das man sicher gespannt sein darf.

Rainer Girndt
 

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