Hauptmenü

 

 

 

 

 

(c) Pester Lloyd / 17 - 2010  POLITIK 28.04.2010

 

Präsident vor Abgang?

Auftakt zum "Viktorianischen Zeitalter" in Ungarn - Die politische Woche in Budapest

Ungarns Präsident beauftragte Wahlsieger Orbán mit Regierungsbildung - Parlament konstituiert sich am 14.5. - Lässt Fidesz Präsident Sólyom fallen? - Kaum Frauen im neuen Machoparlament - Fusionspläne für Finanzamt, Zoll und andere Behörden - Nationalbankchef vor Ablöse - RTL Klub wechselt ins rechte Lager und ausgerechnet Ferenc Gyurcsány will die Erneuerung der MSZP voranbringen.

Am heutigen Mittwoch traf der Sieger der Parlamentswahlen, Fidesz-Chef Viktor Orbán, mit dem Staatspräsidenten László Sólyom zusammen, welcher ihm den Auftrag zur Bildung einer mehrheitsfähigen Regierung erteilte, was angesichts der Zweidrittelmehrheit der Mandate für die nationalkonservative Partei nicht schwerfallen wird. Außerdem setzte Sólyom die konstituierende Sitzung des Parlamentes für den 14. Mai an, vorbehaltlich der Veröffentlichung des endgültigen Wahlergebnisses. Sólyom gartulierte Orbán zum Wahlsieg, mahnte aber auch zum verantwortungsvollen Umgang mit der Zweidrittelmehrheit. Der künftige Ministerpäsident sagte, dass "es sich wieder gut anfühlt, Ungar in Ungarn zu sein"...

Derweil wurde erstmals auch öffentlich kolportiert, dass László Sólyom wohl keine zweite Amtszeit als Präsident des Landes absolvieren wird. Äußerungen, u.a. des Vizeparteichefs Zoltán Pokorni in einem TV-Interview, deuten darauf hin, dass sich die Parteiführung einen weniger unabhängigen Kopf im höchsten Staatsamt wünscht, im Gespräch sind u.a. der Europaabgeordnete, ehemalige NOK-Chef und Diplomat Pál Schmitt wie auch ehemalige Verfassungsrichter. Sólyom ist zwar selbst konservativ, gilt aber zuweilen als eigensinnig, was das Fidesz bei den geplanten umfassenden Gesetzesänderungen offensichtlich nicht riskieren will. Auch richtete er im Ausland, vor allem bei den Nachbarn Rumänien und Slowakei, nicht unerheblichen diplomatischen Schaden an, der Fidesz im Wahlkampf zwar zu Pass kam, sich nun aber als Hemmschuh für den angestrebten konstruktiven Ruf der Außenpolitik erweisen würde.

Die fünfjährige Amtszeit des ungarischen Präsidenten läuft Anfang August aus, bis spätestens Anfang Juli müsste Sólyom - traditionell auf Anfrage einer ihn unterstützenden Organisation - seine Bereitschaft für eine weitere Amtszeit erklären.

Aus der Rolle gefallen
Geschönte Bilanz: Präsident Sólyom machte Ungarn 2009 viel Kummer
 

Kaum Frauen im ungarischen Macho-Parlament

Die Zusammensetzung des neuen ungarischen Parlamentes bringt einige deutliche Veränderungen zum bisherigen. Der Anteil weiblicher Abgeordneter geht in der neuen Legislaturperiode von ohnehin schon bescheidenen 43 auf 35 (von 386) um 20% zurück und liegt bei nurmehr 9%. Bisher waren 26 der sozialistischen Abgeordneten Frauen, davon bleiben nur noch fünf von insgesamt 59 MSZP-Mandataren. Auch die Grünen, LMP, stellen 5 Frauen bei 16 Abgeordneten insgesamt. Die 47 Personen starke Fraktion der rechtsextremen Jobbik beinhaltet nur drei Frauen. Von den 263 Fidesz-Abgeordneten werden nur 22 Frauen sein.

Amtliche Sitzverteilung, Quelle: Nationale Wahlkommission www.valasztas.hu

176 Abgeordnete gehören dem Parlament zum ersten Male an, der jüngste Volksvertreter ist 23 Jahre alt, der älteste stattliche 89. Es ist der 1921, also kurz nach Amtsantritt von Reichsverweser Horthy geborene, János Horváth, der für Fidesz-KDNP arbeitet. Einige Seitenwechsler sind auch anzutreffen. So war Lajos Mile, der jetzt für die LMP einzieht von 1990-1994 Abgeordneter des Demokratischen Forums MDF, das nicht mehr im Parlament vertreten sein wird. Drei Jobbik-Vertreter waren in der Wahlperiode 1998-2002 Mandatare der ebenfalls rechtsradikalen Partei MIÈP. Die Roma, Ungarns größte ethnische Minderheit (ca. 7-8% der Bevölkerung) sind nur mit 1% im Parlament präsent. Drei Angehörige des Fidesz und einer von LMP sind Roma, ob diese aber auch Roma-Interessen vertreten werden, steht auf einem anderen Blatt.

Ausgerechnet Gyurcsány will MSZP-Erneuerung voranbringen

Dass sich ausgerechnet Ferenc Gyurcsány Gedanken über eine "linksliberale Perspektive" für die MSZP und das Land macht, mag angesichts der Tatsache, dass es seine "Leistung" als Premier war, die seine Partei von 43 auf 19% der Wählerstimmen brachte, eine eigenartige Vorstellung sein. Doch innerhalb der Partei ist der Selfmade-Milliardär, der als klassisches Oligarchen-Feindbild der Opposition herhalten muss, immer noch recht beliebt, vor allem bei den älteren Semester, die die Mehrheit bei den Sozialisten bilden. In einem Interview mit der Agentur MTI kündigte Gyurcsány nun an, sich aktiv in der Erneuerungsdebatte engagieren zu wollen, gab jedoch zu, dass "der Rücktritt von Parteichefin Ildikó Lendvai den Weg ebnet, für einen langen und schmerzhaften Weg der Erneuerung."

Gyurcsány möchte die Schmerzen offenbar vergrößern, denn er kündigte auch an, "eine Einschätzung" der letzten Jahre der Partei "inklusive meiner eigenen Rolle" verfassen zu wollen, die keine "vereinfachenden Antworten" enthält. Auch möchte er Vorschläge für die nächsten Monate und Jahre unterbreiten. "Ich werde mich sowohl mit lokalen Parteifunktionären als auch mit Vertretern des links-liberalen Lagers" unterhalten. Die Partei sollte sich als Mitte-Links-Kraft, basierend auf sozialdemokratischen Werten, positionieren, die sowohl für den westlichen Liberalismus als auch für Nationalliberale offen ist. "Wir brauchen eine große, demokratische Mitte-Links-Partei - eine breite Gemeinde - die die Regierung von den Rechten übernehmen kann." so Gyurcsány.

Leitzins gesenkt, Nationalbankchef vor Abgang
- Finanzamt könnte mit Zoll fusionieren

Die ungarische Zentralbank hat auf ihrer Sitzung am Montag den Leitzins des Forint auf 5,25% um 25 Basispunkte gesenkt. Der Zinsschritt entsprach den allgemeinen Markterwartungen, seit letztem Juli sank der Leitzinssatz kontinuierlich, insgesamt um 425 Basispunkte auf diesen nun niedrigsten Wert seit der Wende.

Dem Chef der Nationalbank, András Simor, wurde inzwischen der baldige Rücktritt nahe gelegt. Ihm wird zu viel Nähe zu den Sozialisten unterstellt, außerdem gilt er dem Fidesz als "Off-Shore-Ritter" als Symbol für die Verkommenheit der "Gyurcsány-Ära". Simor hatte Geschäfte über eine Gesellschaft in Zypern laufen, was ihm so heftige Kritik einbrachte, das er seine ausländischen Investements verkaufte.

Neben der Zusammenlegung bzw. Verschmelzung einiger Ministerien will das Fidesz offenbar auch in anderen Verwaltungsebenen aufräumen. Im Gespräch ist z.B. die Zusammenfassung von Finanzamt (APEH) und Zollverwaltung, sowie die Verschmelzung des Aufsichtsamtes für TV und Rundfunk ORTT mit der Aufsichtsbehörde für Telekommunikation. Bei der APEH arbeiten rund 15.000, beim Zoll ca. 7.000 Menschen. Eine Wiedereinführung der sog. "Steuerpolizei" sei ebenfalls geplant.

RTL Klub wechselt ins “rechte Lager”

Aufsehen erregt die Übernahme eines 31%-Anteils am ungarischen Fernsehkanal RTL Klub, bzw. dessen Betreiber M-RTL durch die Medienholding IKO, die sich in Händen des ungarisch-dänischen Investors Infocenter.hu befindet. Die IKO ist außerdem Eigentümer der konservativen Wochenzeitung Heti Valász sowie Mitbesitzer der Radiosender Lánchíd Rádió und Class FM. Einer der Eigentümer, István Stumpf, war in der ersten Orbán-Regierung von 1998-2002 Leiter des Amtes des Ministerpräsidenten. Die Beteiligung wird somit als Versuch gewertet, den Fernsehkanal der rechten Medienhälfte einzuverleiben, RTL Klub galt bisher als eher den Linksliberalen gewogen. Tamás Fellegi, ein weiterer Miteigentümer, hat seine Anteile an der Medienholding gerade verkauft, da er als neuer Leiter der staatlichen Vermögensverwaltung gehandelt wird. Die direkte Zuordenbarkeit der meisten Medien zu politischen Interessensgruppen ist in Ungarn seit langem eine traurige Realität.

-red.

DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH

 

 

 



 

IMPRESSUM

 

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa: Kontakt