Hauptmenü

 

 

 

 

 

(c) Pester Lloyd / 18 - 2010  WIRTSCHAFT 07.05.2010

 

Sturmwarnung

In Ungarn macht sich wieder Panik um den Forint breit

"Ein riesiger Sturm kommt über die Welt", mit diesem nicht eben beruhigenden, sondern apokalyptischen Szenario kündigt der künftige Wirtschafts- und Finanzminister von Ungarn, György Matolcsy, einen sehr kurzfristig formulierten Rettungsplan für ungarische Privathaushalte an. Er will mit, Banken- und Staatsgeld, möglichst viele Fremdwährungs- in Forintkredite umwandeln. Bis zu 1,5 Millionen Menschen könnten betroffen sein.

Forint durchbrach am Freitag die 284er Grenze zum Euro,
noch dramatischer steht er zum Franken

Seit einigen Tagen kennt der Forint kein Halten mehr. Am Freitag sackte er kurzzeitig gegenüber dem Euro, der bekanntlich gegenüber dem US-Dollar selbst unter massivem Druck steht, auf über 284 Forint/EUR, erholte sich am Nachmittag auf knapp unter 280. Experten befürchten nun, dass mit der 284er Marke seitens Spekulanten ein Damm getestet und als durchlässig befunden wurde, der Tür und Tor für neue Angriffe wie schon im Herbst 2008 öffnen könnte. Sinkt der Forint zu stark ab, verteuern sich Fremdwährungskredite für Hunderttausende Privathaushalte, deren Größenordnung insgesamt an die des ung. BIP herankommen.

 

Daher ist vor allem der Blick auf das Forint / Schweizer Franken-Verhältnis aus ungarischer Sicht derzeit ein sehr ängstlicher, denn CHF-Forex-Kredite waren bis zur Krise der Renner in Ungarn, längst nur ein kleiner Teil wurde mittlerweile in Forint bzw. wenigstens EUR umgewidmet. Mit 202 Forint / CHF erreichte man ein 13-Monats-Tief und gegenüber dem USD mit knapp 227 ein 12-Monats-Tief. Der Forint hielt sich im zweiten Halbjahr 2009 mit durchschnittlich rund 265 zum Euro über Erwarten gut, vor allem wenn man bedenkt, dass er im Zenit der Krise auf bis 315 absackte. Gefahr sieht man aber darin, dass der Schweizer Franken, durch sein Abheben gegenüber Dollar und Euro, auch die Ostwährungen weiter hinter sich lässt, was zu einem echten Problem werden kann, vor allem, da die Schweizer Nationalbank ihre Euro-Stützungskäufe wegen Aussichtslosigkeit mittlerweile weitgehend eingestellt hat.

1,5 Millionen Menschen in Ungarn könnten
von immensen Mehrkosten betroffen sein

Einige Analysten beziehen den Einbruch der Ost-Währungen, nicht nur der Forint ist betroffen, auf die allgemeine Risikounlust von Anlegern angesichts der Griechenland-Pleite. Man geht ganz allgemein davon aus, dass Zloty, Tschechische Krone und Forint in den nächsten Monaten einer weiteren Abwertung entgegensehen müssten, einfach auch, weil sie nach der Krise zu schnell wieder zu hoch bewertet waren, vor allem beim Forint gab es kaum einen Gleichschritt zu den Entwicklungen im Land. Ähnliches gilt übrigens auch für den dortigen Aktienmarkt.

Geschätzt wird, dass noch rund 63% aller Konsumenten- und Hypothekendarlehen an Private in Ungarn auf Fremdwährungen lauten. Bereits um die 700.000 Kreditverträge sind notleidend, hier sind die Schuldner mher als 90 Tage hinter ihren Zahlungen her, insofern sie überhaupt noch welche leisten.

Schelte für Nationalbank und Vorgängerregierung

György Matolcsy (Foto), noch nicht einmal im Amt, sieht sich doch bereits im Zentrum des Sturms und will ein Angebot zum Umtausch, bzw. Umwidmung der Fremdwährungskredite auf die Landewährung Forint anbieten, "für jeden, der das will". "Das könnte und wird dem Bankensystem udn möglicherweise auch dem Staat eine Menge Geld kosten.", sagte Matolcsy, betonte aber, dass man diesmal "die ungarischen Familien" nicht allein lassen wolle.

In einem Fernsehinterview nutze er die angespannte Lage, um der abgehenden Regierung wie der Nationalbank nochmals ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Diese hätten, mit Rücksicht auf ihre Freunde in der Bankenwirtschaft, wertvolel Zeit verstreichen lassen, um Maßnahmen zu treffen, um den Fremdwährungskreditmarkt ausreichend zu regulieren. Der Zentralbank hielt er vor, die Leitzinsen in den letzten Jahren zu langsam gesenkt zu haben, und damit den Anreiz seine Kredite in ausländischen Währungen zu zeichnen, nur noch zusätzlich befeuert zu haben.

Private Kreditbelastung liegt bei ca. 2.500 EUR pro Kopf

Matolcsy bezifferte die Zahl der Haushalte, die direkt von dem "aufziehenden Sturm" betroffen wären auf rund 900.000 und insgesamt 1,5 Millionen Personen, also rund 15% der gesamten Bevölkerung. Immobilienkredite im Wert von 2.000 Milliarden Forint (heute ca. ca. 7,1 Mrd. EUR) lauten auf Fremdwährungen, insgesamt stehen, nach seinen Angaben, ungarische Haushalte mit rund 7.000 Mrd. Forint (ca. 25 Mrd. EUR oder 2.500 EUR pro Kopf) bei Banken in der Kreide. Die Zentralbank legt sogar noch etwas heftigere Zahlen vor. Danach sind 2.500 Milliarden Forint an Krediten auf Häuser und Eigentumswohnungen zum Eigenbedarf in Fremdwährung vergeben, davon über 90% nicht in EUR, sprich, die meisten in Schweizer Franken, einige lauten gar auf Yen. Ungefähr die gleiche Summe entfällt nochmal auf Konseumentenkredite (also Einrichtungsfinanzierungen, Autokredite bis hin zu Raten auf Urlaubsreisen), die Gesamtsumme der in Ungarn vergebenen Fremdwährungskredite beträgt, laut Zentralbank 5,123 Milliarden Forint, heute ca. 18,2 Mrd. EUR.

Vorbild Türkei?

Matolcsy beruft sich bei seinem Vorschlag auf Beispiele aus anderen europäischen und asiatischen Ländern, die bereits solche Rettungsaktionen durchgeführt hätten, explizit verwies er auf die Türkei. Danach könnte das Verfahren so aussehen, dass die Kreditnehmer über drei Monate einen Antrag auf Umwandlung stellen und die Kredite dann in einen gemeinsam von Banken und Staat gebildeten Fonds umgeschuldet werden. Die Verluste aus Währungsdifferenzen und Zinsausfällen durch neue Kreditvereinbarungen teilen sich dann beide.

Immerhin, die Devisenausstattung der ungarischen Nationalbank und auch die Cash-flow Situation der meisten Geschäftsbanken ist heute deutlich besser als zu Beginn der Krise. Die Aufschläge auf Staatsanleihen bleiben (noch) sehr moderat, Ungarn kann seine Schulden relativ gut bedienen, die positive Handels- und Zahlungsbilanz hilft dabei. Auf einen zu starken Belastungstest würden beide jedoch gern verzichten.

Matolcsy aber ist überzeugt: "Wir dürfen nicht zulassen, dass 1,5 Millionen Ungarn von dem kommenden Sturm erfasst werden." Die neue Regierung steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe, noch bevor sie im Amt ist und muss nun beweisen, ob sie schnell und richtig handeln kann, ohne dabei mehr Panik an den Märkten zu schüren als diese ohnehin schon in sich tragen.

-red.

DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH

 

 

 



 

 

IMPRESSUM

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa: Kontakt