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(c) Pester Lloyd / 18 - 2010  KULTUR 05.05.2010

 

Flaggschiff auf Erfolgskurs

Der Palast der Künste in Budapest feierte 5. Geburtstag

Der Palast der Künste in Budapest (MÜPA) kann im fünften Jahr seines Bestehens nicht nur auf eine ungarische, sondern auch auf eine internationale Erfolgsgeschichte zurückblicken. Über weitere Vorhaben und die Bewältigung der Krise, die auch dieses künstlerische Flaggschiff nicht verschont, sprachen wir mit dem Generaldirektor Imre Kiss.

Das “Kulturflaggschiff” - eine echte Sehenswürdigkeit von Budapest

Es gibt kaum einen Tag im Jahr, an dem im fast immer ausverkauften MÜPA - so nennen die Ungarn liebevoll ihren Müvészetek Palotája, und die zahlreichen Ausländer bedienen sich ebenfalls lieber dieser sprachfreundlichen Abkürzung – nicht an irgend einem Platz im Haus, in einem der vielen Säle und Räume ein Konzert, ein Ballett, eine Oper, ein Kinderprogramm, ein Soloabend oder eine andere musikalische Veranstaltung stattfindet. Und nicht selten geben sich dabei Weltstars die Klinke in die Hand. Da wir die künstlerische Entwicklung der vergangenen fünf Jahre journalistisch intensiv begleitet haben, konnten wir auch zu Beginn unseres Gesprächs dem Generaldirektor Imre Kiss und seinem Team zu dieser Erfolgsgeschichte gratulieren.

Generaldirektor Imre Kiss

Solidarität der Künstler in Zeiten der Krise

Das provoziert die Frage, ob denn dieser Standard auch zukünftig, unter den Bedingungen der allgegenwärtigen Krisensituation, gehalten werden kann: „Am künstlerisch Anspruch werden keine Abstriche gemacht, aber was die Vielzahl der Veranstaltungen angeht, so muss sicherlich über die eine oder andere nachgedacht werden. Schließlich hängt vieles in Zukunft auch von den finanziellen Möglichkeiten ab, und da sieht es nicht mehr so rosig aus“, - so der Generaldirektor (Foto). Dann erzählt er quasi eine Solidaritätsgeschichte: Maestro Daniel Barenboim, der Ungarn und speziell diesem Hause, sehr verbunden ist, und öfter mit großem Orchestern hier gastierte, kam kürzlich allein und spielte in einem ausverkauften Soloabend meisterlich Liszt und Chopin. Man geht also hier davon aus, dass man sich gerade in der Krise aufeinander verlassen kann und nach Wegen sucht, wie man dem Publikum dennoch niveauvolle Konzerterlebnisse bieten kann.

Bürgerliche Gesellschaft braucht Zeit und Geduld

Gefragt nach seinen Erwartungen an die neue Regierung meinte Imre Kiss: „Ich hoffe, dass man dann vielleicht mal mehr Vertreter der Regierung zu Veranstaltungen im MÜPA antrifft, als das in den zurückliegenden fünf Jahren der Fall war. Aber insgesamt ist es doch so, dass eine bürgerliche Gesellschaft – im besten Sinne des Wortes – in Ungarn erst wieder im Entstehen begriffen ist. Das braucht Zeit und Geduld. Wichtig ist dabei, dass man sich jetzt verstärkt mit Kindern und Jugendlichen – also dem Publikum von morgen – befasst und sie an die musikalische Weltliteratur, aber auch an die kleine Form heran führt“. Auch auf diesem Gebiet kann sich der MÜPA im internationalen Vergleich sehen und hören lassen: Eine Vielzahl von Veranstaltungen – z.B. in den Foyers – befassen sich musikalisch mit Babys und Vorschulkindern sowie ihren junge Eltern oder mit Schülern, deren zeitweiliger Musikgeschmack nur selten von diesem Haus bedient werden dürfte, wobei allerdings auch die sogenannte U-Kunst hier ihre festen Plätze im Programm hat.

Gewagt und inspirierend, die atemberaubende Architketur im Inneren des MüPa

“Kultur ist ein unverzichtbarer Schatz”

Bevor wir uns mit dem Generaldirektor trafen, sahen wir zwei Jugendgruppen im so genannten problematischen Alter mit ihren Lehrern das prächtige Haus vor und hinter den Podien besuchen. Wir konnten einerseits ihr Staunen, aber andererseits auch die Überwindung der „Schwellenangst“ beobachten. Wenn dann von den Eindrücken über die Form, die Architektur und Technik des Hauses auch noch einige Impulse in Richtung der künstlerischen Inhalten ausgehen, die hier geboten werden, dann hat man eventuell nicht nur neue Musikfreunde gewonnen, sondern auch eine pädagogische Ersatz- oder Zusatzleistung vollbracht. Bekanntlich gehört nicht nur an ungarischen Schulen der Musikunterricht zu einem der ersten Fächer, wenn Pisa-Kriterien gedankenlos und einseitig durchgesetzt werden sollen, der dem Lehrplan-Rotstift zum Opfer fällt.

In Ungarn war man sowohl zu Kádár-Zeiten als auch noch nach der politischen Wende berechtigt stolz auf eine der umfangreichsten und mitunter sogar eine der besten Musikausbildungen an den Schulen und Gymnasien im europäischen Maßstab. Wenn heute eine Stunde gestrichen werden muss, dann ist es auch hier die Musikstunde... Um so begrüßenswerter sind die Aktivitäten des MÜPA hinsichtlich der musikalischen Früherziehung des späteren Publikums. „Man muss begreifen, das die Kultur, die Kunst, ein Schatz ist, der vom Bürgertum und von den Verantwortlichen gepflegt werden muss. Ohne Kultur geht es nicht. Nur wo Kultur wächst und gedeiht, nur dort siedelt sich auch die Wirtschaft an, nur dort entsteht ein Klima der Zufriedenheit“ - meint der Generaldirektor und verweist auf das Engagement von leider nur noch zwei (mit deutschem bzw. österreichischem Hintergrund) übrig gebliebenen Sponsoren.

Imre Kiss hier mit Ioan Holender, der längstgediente Direktor der Wiener Staatsoper

Nachhaltige Investition in Kultur ist die beste Werbung

Offensichtlich ist es mit dem Sponsoring gegenüber dem MÜPA ähnlich wie auch in anderen Bereichen: Der eine Teil der Firmen leidet tatsächlich unter der Krise. Dort gehen die Verkaufszahlen nach unten und der Gewinn hat eine rote Null. Dann gibt es aber die anderen, die zwar ebenfalls klagen, aber mitunter auf sehr hohem Niveau. Bei ihnen sind die Umsätze kaum zurück gegangen, mitunter sogar gestiegen, und ähnlich verhält es ich mit dem Gewinn. Aber sie verstecken sich dennoch hinter der Krise und begründen ihre Zurückhaltung damit. Und dann gibt es aber auch hierzulande Krisengewinnler, die allerdings kaum darüber reden. Es sollten also die Unternehmen genau prüfen, ob sie einen Teil ihres Marketingbudgets in nichtssagende Plakatwerbung oder kaum vom Zuschauer beachtete aber teure Fernseh- und Filmspots investieren oder lieber eine nachhaltige Investition in die Zukunft gegenüber dem MÜPA tätigen. Bei dieser weit über Ungarns Grenzen hinaus wirkende Institution ist das Geld jedenfalls langfristig wesentlich günstiger angelegt, ganz abgesehen vom zusätzlichen Werbeeffekt für die jeweilige Firma.

Highlights der neuen Spielzeit

Auf die neue Spielzeit 2010/11 angesprochen, bittet der Generaldirektor noch um ein paar Tage Geduld, „...da muss noch etwas gerechnet und geplant werden, welche Produktion auch wirklich kommen kann, was wir uns leisten können. Aber es wird wieder – wie schon in all den Jahren zuvor – landesweite Kooperationen mit Künstlern und Ensembles geben, die mit zum bewährten Profil des Hauses beitragen.“ Hier ist insbesondere die Zusammenarbeit mit der Ungarischen Staatsoper zu erwähnen, die z.B. am 29. Mai in einer hochkarätigen Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ zu erleben ist. Aber auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit anderen künstlerischen Einrichtungen „ist der MÜPA offen für das ganze Land und keineswegs ein ´Elfenbeinturm´“, wie Imre Kiss betont. Über weitere Vorhaben des Hauses werden wir also demnächst ausführlich informieren.

Der Große, der Bartók-Saal des MüPa

Auch der MÜPA selbst hat sich vorgenommen, seine Informationstätigkeit gegenüber seinem ausländischen Publikum – was immerhin etwa 10% der Gesamtbesucher ausmacht – weiter zu qualifizieren. Krisenbedingt können derzeit die Programmhefte und sonstigen Informationen aus dem ansonsten sehr gastfreundlichen und internationalem Hause – abgesehen von wenigen Ausnahmen – nur in Englisch und Ungarisch angeboten werden. Man hofft, dass bei Verbesserung der finanziellen Situation auch die deutsche Sprache hier wieder zu lesen sein wird, wie das vor fünf Jahren selbstverständlich und vor zwei Jahren noch verstärkt der Fall war, zumal der Anteil des deutschsprachigen Publikums unter allen Ausländern der höchste ist. Diesem Publikum können wir nur empfehlen, dem MÜPA, dem integrierten Festivaltheater sowie dem angeschlossenen Ludwig-Museum auch weiterhin so zahlreich die Treue zu bewahren, um das Flaggschiff der ungarischen Kultur und Künste auch in stürmischen Zeiten auf Erfolgskurs zu halten.

g.b.s.

www.mupa.hu

 

 

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