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(c) Pester Lloyd / 20 - 2010 KULTUR 20.05.2010
Wer traut sich an den Bánk bán?
Die Ungarische Oper präsentierte ihre Pläne für die Saison 2010/11
10 Neuinszenierung, 28 Opern aus dem Repertoire und 20 Ballettproduktionen. Die Ungarische Staatsoper in Budapest hat sich für die Saison 2010/11 viel
vorgenommen. Dabei steht das Credo des Generaldirektors der Oper im Mittelpunkt, "eine Balance zwischen Tradition und Erneuerung, klassische wie
zeitgenössische Werke und eine Mischung aus ungarischen Künstlern und internationalen Gästen anzubieten".
Insgesamt 86 Ballett-, 208 Opernvorstellungen und 14
Konzerte hat sich die Ungarische Staatsoper vorgenommen. Die wichtigste Neuinszenierung der Saison wird die des ungarischen Heldenepos´ "Bánk bán" sein.
Dieses Werk von Ferenc Erkel, eine historisch undifferenzierte, bombastisch kitschige Verklärung des Mittelalters, in der ungarische Magnaten gegen die
"Fremdbeherrschung" durch "die Deutschen" (Königin Gertrud) in Stellung gebracht werden, bedarf dringend einer eingehenden Dekonstruktion. Generationen von
ungarischen Schülern wurden durch diese Vorstellungen geschleift, sie sind Teil der großen Lüge, auf die sich auch der heute wieder aufgebauschte Nationalismus im Land,
die ganze Opferlegende bis hin zu "Trianon" stützt.
Keine gute Zeit für Heldenstürze?
Ob allerdings ein Césare Lievi, ein Regisseur aus der norditalienischen Provinz, der
bisher international wenig Markantes hervorgebracht hat, den Mut und die Weitsicht aufbringen wird, Helden von ihren Sockeln zu stürzen und durch eine hier einmal
notwendige Skandalinszenierung eine grundlegende Diskussion über Identität und die Frage, ob jemand Held ist, nur weil er nicht aus dem Ausland über Ungarn kam,
auslösen kann, ist mehr als fraglich. Immerhin müsste man damit zwangsläufig die gesamte Magnatenriege an den Pranger stellen und ihre Rolle als Voklsausbeuter- und verdummer verdeutlichen.
Dagegen spricht der Umstand, dass man heuer
Erkels 200. Geburtstag (Foto) begeht und dass die gesellschaftliche Stimmung derzeit gerade nicht für eine solche Debatte geeignet scheint. Immerhin wird sich ein Norditaliener mit der
Fremdbeherrschungstheorie aus eigener Erfahrung ganz gut anfreunden können und kaum riskieren, die Nationaloper Ungarns samt ihres mittelmäßigen Arrangeurs, der ja auch der Komponist der
Nationalhymne ist, im eigenen Lande "zu beleidigen". Auch die Opernleitung wird ihn wohl aus Selbsterhaltung davon abhalten, war aber schlau:
geht die Sache schief, hat in jedem Falle wieder "ein Fremder" die Schuld.
Monumentales in sensiblen Händen
Einen großen Schritt in die Zukunft tut die Oper, da sie endlich wieder zeitgenössische
ungarische Werke auf die Bühne bringt. Darunter "Amazing Cellphone World" von István Márta und Gyula Feketes "Excelsior!". Die Repertoire-Klassiker werden durch
Neuinszenierungen von Verdis Macbeth und dem Mephisto von Arrigo Boito vertreten. Beides Werke von finsterer Monumentalität, da kommt es gelegen, dass zumindest das
eine, der Mephisto in die Hände des noch jungen Chefregisseurs Balázs Kovalik fällt, der durch seine mutigen und doch immer dramaturgisch schlüssigen und sehr sensiblen
Konzepte ein zukunftsweisendes Aushängeschild seines Hauses geworden ist. Warum man aber die Macbeth dem inszenatorisch stets überorderten Miklós Szinetár, einem
ehemaligen Direktor des Hauses mit nicht eben ruhmreicher Bilanz, überlässt, bleibt wohl auch ein Rätsel ungarischer “Helden”-Verehrung.
Die Mozartsche Jugendoper "Ascanio in Alba", ein Auftragswerk des Teenagers Mozart zur italienischen
Faschingssaison wird ebenso gegeben, wie immerhin zwei neue Wagner-Inszenierungen: der fliegende Holländer und der Lohengrin, der allerdings in einer halbszenischen
Koproduktion mit den Wagner-Tagen am Palast der Künste, die sich mittlerweile zu einem weltweit beachtenswerten kleinen Festival gemausert haben. Der derzeitige
Lohengrin in Budapest ist ein Werk von Bayreuth-Chefin und Wagnerurenkelin Katharina Wagner, eine Inszenierung, die sich schon mit der Premiere irgendwie überlebt hatte.
Auch das internationale Maifest, dass gerade mit gutem Erfolg beendet wurde, steht
2011 wieder auf dem Programm. Internationale Opernstars bereichern Repertoire-Stücke des Hauses an der Andrássy, u.a. in Othello, Rigoletto und Manon
Lescaut. Als Superstar wird Met-Sopranistin Renée Fleming erwartet, die einen Soloabend in Budapest bestreiten wird.
Die Saisoneröffnung bringt im September einen Mahler-Abend, immerhin war der große
Gustav zwei unglückliche Jahre Kapellmeister und künstlerischer Leiter der Ungarischen Oper, auch seine 1. Sinfonie wurde in Budapest uraufgefährt und verlacht. Im
November wird es eine "Erkel-Gala" zu Ehren des Säulenheiligen geben, Ende November Jazznächte in der Oper, im März den Opernball, danach "Hänsel und Gretel" für Kinder
als Charity-Veranstaltung.
-red.
Premierenkalender (Quelle: Staatsoper)
14 September 2010 Arrigo Boito: Mefistofele Conductors: János Kovács and Géza Köteles
Director: Balázs Kovalik 9 October 2010 István Márta: Amazing Cellphone World A joint production of the Budapest Autumn Festival, the Új Színház and the Opera House
Conductor: Kálmán Szennai Director: János Szikora 7 November 2010 Ferenc Erkel: Bánk bán Conductor: Domonkos Héja Director: Césare Lievi
27 & 28 November 2010 Ferdinand Hérold – Frederick Ashton: La fille mal gardée Conductors: Géza Török and Kálmán Szennai Choreographer: Sir Frederick Ashton
12 December 2010 Wolfgang Amadeus Mozart: Ascanio in Alba Conductor: Ádám Fischer Directors: Magdolna Parditka and Alexandra Szemerédy 23 January 2011
Richard Wagner: Der fliegende Holländer Conductor: Ádám Fischer Director: Balázs Kovalik 18 March 2011 Fekete Gyula: Excelsior!
A joint production of the Spring Festival, the Thália Theatre and the Opera House Conductor: Gergely Kesselyák Director: Péter Gothár 22 March 2011
Giuseppe Verdi: Macbeth Conductor: György Gyoriványi Ráth Director: Miklós Szinetár 29 & 30 April 2011 László Dés – Marianna Venekei: A Streetcar Named Desire
Conductors: Gergely Kesselyák and Kálmán Szennai Choreographer: Marianna Venekei 9 June 2011 Richard Wagner: Lohengrin Palace of Arts, Budapest Wagner Days 2011
Conductor: Ádám Fischer Director: László Marton
www.opera.hu
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