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(c) Pester Lloyd / 21 - 2010 BUDAPEST 28.05.2010
Zu den Waffen
Eine Inspektion des Militärhistorischen Museums von Budapest
Eine recht altbackene Homepage und auch sonst wenig verfügbare Informationen zu dem bereits 1918 gegründeten Haus, schienen auf eine Einrichtung zu deuten,
die ihre besten Zeiten schon hinter sich hat. Umso mehr überraschte das Museum vor Ort mit Umfang und moderner Präsentation und aus geplanten zwei Stunden
Besuch wurden vier. Zu hohe ethische Anforderungen sollte der Besucher an die Schau jedoch nicht stellen und Regenschirme nicht mitbringen.
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Das Militärhistorische Museum befindet sich in einem ehemaligen Kasernengebäude am
Kapisztrán tér auf dem Burgberg im I.Bezirk von Budapest. Eine durchaus geschichtsträchtige Lage also, deren Wirkung durch die den Eingangsbereich
flankierenden Kanonen noch verstärkt wird. Gleich hinter dem Eingang prangt eine große Übersichtstafel an der Wand und verrät dem Besucher, auf welchen Umfang an
Historie er sich in den folgenden Stunden einstellen darf. Die Ausstellungen im Erdgeschoss widmen sich u.a. der Ungarischen Militärgeschichte nach den beiden
Weltkriegen, dem zivilen Luftschutz sowie militärischen Symbolen im allgemeinen. Daneben finden sich auch Waffen und Uniformen aus den Zeiten der Donaumonarchie
sowie eine Sammlung historischer Schwerter.
Im ersten Stock finden dann der Unabhängigkeitskrieg 1848-1849 gegen Österreich,
sowie die beiden Weltkriege umfangreich Beachtung. Weitere Exponate sind im Museumshof ausgestellt. Davon, dass hier über die Jahre eine wahrlich große Anzahl
historischer Stücke zusammengetragen wurde, zeugen schon die Flure des alten Gebäudes, in dem sich gleichzeitig auch das militärhistorische Institut der Stadt
befindet. Überall finden sich Schaukästen, Fahnen und historische Gemälde, die nicht direkt eine der Ausstellungen zuzuordnen sind, dennoch aber sehenswerte Exponate darstellen.
Feindbeobachtung?
Eines fällt schon nach wenigen
Minuten des staunenden Umherwandelns auf. Personalprobleme scheint man hier offensichtlich nicht zu kennen, denn in jedem Raum sitzen rot gekleidete Angestellte des Museums und halten
sich mit der Zahl der an diesem Tag gekommenen Besucher in etwa die Waage. Was sie dort eigentlich machen, erschließt sich allerdings
auch nach mehrstündigem Aufenthalt nicht. Während die einen auf ihrem Stuhl sitzend vor sich hin dösen, habe andere im Überwachen der Besucher offensichtlich ihre Bestimmung gefunden.
So auch in den Räumen der Ausstellung zum Ungarischen Volksaufstand 1956. Der
etwas grantigen Frage nach der Fotoerlaubnis folgt der Hinweis, dass der mitgebrachte Regenschirm ja eigentlich auch tabu ist. Eigentlich nicht verwunderlich, denn natürlich
könnte man mit dem harten Knauf des Stils allerlei ungesetzlichen Schabernack veranstalten. In einem Museum voller Pistolen, Säbel und Schwerter wirkt die Mahnung jedoch mehr als skurril.
Tatsächlich beobachtet die gute Frau, die Grenze zur Penetranz mehr als
überschreitend, auch in den weiteren Minuten jeden Schritt mit akribischer Genauigkeit. Wozu? Möchte man da fragen. Sind die überall herumstehenden Geschütze
etwa noch geladen? Etwas mehr Feingefühl mancher Angestellter täte hier gut, denn gerade als einziger Besucher in einem Raum ist diese Observierung durchaus dazu
angetan, einem das Betrachten der eigentlich sehr interessanten Ausstellungsstücke zu vermiesen.
Waffenschau
Denn bei der Präsentation dieser hat man sich
alle Mühe gegeben. Eine Vielzahl detailliert gestalteter Schaukästen, Fototafeln, sowie allerlei militärisches Kriegsgerät der vergangenen Jahrhunderte erwarten den
interessierten Besucher. Thematisch werden dabei quasi alle Bereiche von verschiedenen Waffen, Orden und Uniformen, bis hin zu einfachen Gebrauchsgegenständen des
damaligen Soldatenlebens erfasst. Beinahe sämtliche Texte sind auch ins Englische übersetzt, so dass jeder mehr über die Hintergründe der Militärgeschichte Ungarns
erfahren kann. Die zugegeben optisch recht ansprechende Aufarbeitung beispielsweise in Form eines Raumes, der komplett einem
Schützengraben nachempfunden ist, hat aber gleichzeitig einen durchaus fragwürdigen Nebeneffekt.
Kriegsmoral, die Moral des Krieges?
Denn irgendwie wird der Krieg dadurch zumindest optisch lediglich als ein Erlebnis,
quasi als ein großes Abenteuer dargestellt. Natürlich gibt es auch Tabellen zu Opferzahlen und Kriegsverlusten. Tatsächlich sichtbare Zeugnisse der Grausamkeit
kriegerischer Auseinandersetzungen lassen sich jedoch kaum finden, denn meist bleibt es allenfalls bei exhumiertem Soldatenbesitz oder irgendwo in einem Gefangenenlager
hergestellten Gebrauchsgegenständen. Dazu muss man freilich wissen, dass das Militärhistorische Institut und sein Museum unter der Schirmherrschaft des Ungarischen
Verteidigungsministeriums stehen und die Einrichtung ihre Aufgabe daher vermutlich nicht darin sieht, den Krieg als solchen in irgend einer Weise zu brandmarken.
Vielmehr wird nach eigenen Angaben eine genaue wissenschaftliche Aufarbeitung und
unterhaltsame Darstellung der zugegeben recht umfangreichen ungarischen Militärhistorie angestrebt, allerdings mit dem durchaus fragwürdigen Ziel: „kommende
Generationen an den Patriotismus und die heroischen Taten der ungarischen Soldaten zu erinnern“. Den Einen mag diese Intention nicht weiter stören, Vielen lässt diese
generalisierte moralische Wertung in Anbetracht gewisser Aspekte der Ungarischen Geschichte wie z.B. die Kollaboration mit Nazideutschland unter Herrschaft der
Pfeilkreuzler, jedoch nicht unbedingt Gutes für die Ausstellung erhoffen.
Das Museum selbst verfolgt das löbliche Ziel, die Erinnerung zu wahren und zitiert den
amerikanischen Philosophen George Santayana mit den Worten "Diejenigen, die die Vergangenheit vergessen, sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen". Immerhin. Unter
der Rubrik Museumspädagogik sind dann wiederum Schulkinder zu sehen, die fröhlich selbst gebastelte Holzpanzer in die Kamera halten. Wie das zusammenpassen soll, bleibt
fraglich. Zumal die Ausstellung an sich ja keinesfalls Kriegspropaganda betreibt. Zumindest die dargebotenen geschichtlichen Informationen zu den Exponaten sind
offenbar bemüht, die damaligen Geschehnisse objektiv und wissenschaftlich zu betrachten und auch unrühmliche Kapitel wie eben jenes Paktieren Ungarns an der
Seite Nazideutschlands finden umfangreich Berücksichtigung.
Dennoch empfehlenswert
Sieht man von moralischen Fragen
ab, kann man das Militärhistorische Museum von Budapest mit gutem Gewissen jedem empfehlen, der sich auch nur in irgendeiner Weise für Militärgeschichte, Uniformen
und altmodische Waffen begeistern kann. Der Umfang an Ausstellungsstücken und Informationen, den man für einen Eintrittspreis von 8oo Forint betrachten kann (Schüler und
Studenten 400 Forint) ist beachtlich und sucht in dieser Thematik vermutlich seinesgleichen. Um jede der gebotenen Ausstellungen genauer zu betrachten, sollte
man daher mehrere Stunden einplanen.
Gregor Schemmel
www.militaria.hu
1014. Budapest, Kapisztrán tér 2-4 Tel. 325-1600; 325-1601
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