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(c) Pester Lloyd / 21 - 2010 WIRTSCHAFT 28.05.2010
Im tiefen Tal
Ungarn in Zahlen: 1. Quartal 2010
Ausgestanden, das zeigt das Zahlenwerk des Zentralamtes für Statistik in Budapest, ist in Ungarn noch gar nichts. Einige positive Signale - zumindest
gegenüber dem Krisenhöhepunkt 2009 - kann der Report doch vermelden: Industrieproduktion, Außenhandel, Transportwesen und Tourismus liefern Werte,
die zumindest die Blickrichtung Krisenausgang anzeigen. Ganz anders dagegen: Binnenkonsum, Arbeitsmarkt und Auftragslage.
BIP - Produktion - Auftragslage
In den ersten drei Monaten des Jahres wuchs das Bruttoinlandsprodukt von Ungarn um
0,9% gegenüber Oktober bis Dezember 2009, aber gerade 0,1 gegenüber Q1 des Vorjahres, das als schlimmstes Krisenquartal zu gelten hat. Ungarns Wirtschaft
schrumpft also nicht mehr in absoluten Zahlen, kalenderbereinigt steht man aber gegenüber 2009 immernoch mit einem Minus von 0,9% da. Wachstum ist das noch
nicht, der milde Aufschwung in der Eurozone zieht das Land noch nicht mit. Statements wie "Wachstum erholt sich schneller als erwartet", kann man getrost
ignorieren, denn erstens hatte sich niemand etwas zu erwarten und zweitens kann von Wachstum im echten Sinne keine Rede sein, es ist eher ein Ausharren am Ende der Werkbank.
Dabei können Täler so schön sein, nur in der Wirtschaft will sie keiner.
Hier das Donauknie bei Visegrád.
Seit 2008 sank in Ungarn die Industrieproduktion permanent, erst im Dezember 2009
gab es die erste kleine Trendumkehr, in den ersten drei Monaten lauteten die Kennziffern +2,8, +8,1 und +2,8% gegenüber den ersten Monaten des Vorjahres. Das
"Wachstum" von 4,5% für das Quartal ist angesichts der unterirdischen Vergleichszahlen jedoch nur ein nominales, kein spürbares, zumal fast alles auf die Kappe des Exportes
ging, der um 12,5% anzog, während in der Binnennachfrage absolute Flaute herrscht, nicht einmal die Werte von 2009 wurden da erreicht. Dieser kleine Exportschub
bescherte einigen Branchen etwas Luft, vor allem dem Transportwesen, Herstellern von optischen und elektronischen Erzeugnissen und dem Maschinenbau (+11-21%).
Gleichzeitig ging die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 8,6% zurück, die
Verbliebenen produzierten jedoch um 15% mehr, die Krise wirkte hier zwangsweise produktivitätssteigernd. Traurig sieht es weiterhin in den Auftragsbüchern aus. In der
verarbeitenden Industrie sind die Auftragsbestände 17% geringer als im März 2009, die durchsetzbaren Verkaufspreise sanken real, also inflations- und kursbereinigt um 2,3%.
Baugewerbe - Landwirtschaft - Transport - Verkehr
Der Output im Baugewerbe ging nochmals um 10% gegenüber März 2009 zurück, keine
einzige Einzelbranche des Baugeschäftes erreichte die Werte des Vorjahres. Von Januar bis März wurden - offiziell - 4.900 neue Wohneinheiten fertiggestellt, mehr als ein
Viertel weniger als vor einem Jahr, die Zahl neuer Baugenehmigungen ging um ein Drittel zurück, womit auch klar sein dürfte, wie die kommenden Quartale in dieser Branche aussehen werden.
Die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise blieben im wesentlichen gleich wie im Vorjahr,
zumindest im Durchschnitt. Getreide stieg um knappe 2%, nachdem es vor einem Jahr um sagenhafte 38% abgestürzt war. Schlachttiere und Tierprodukte verbilligten sich -
erzeugerseitig - um ca. 2,3%.
Das Transportaufkommen, also Fracht- und Personenverkehr zusammen stieg um 5%,
nach einem 10%igen Rückgang vor einem Jahr, am stärksten legte hier die Eisenbahn mit 14% zu. Die Zahl der neu zugelassenen PkW lag in den ersten drei Monaten dieses
Jahres bei knapp 14.000, 47% weniger als 2009 und 69% weniger als 2008. Immerhin gab es von Januar bis März auch 12% weniger - registrierte - Unfälle auf ungarischen
Straßen, die Verletzte oder Tote kosteten. Bei insgesamt 2900 Autounfällen wurden 2010 bereits 159 Menschen getötet, 54% der Todesopfer waren selbst keine
Unfallverursacher. Die meisten benutzten keinen Sicherheitsgurt, Ungarn zählt übrigens zu den Ländern mit den meisten Anschnallmuffeln in ganz Europa.
Tourismus - Außenhandel
Ein wenig aufwärts, zumindest gegenüber 2009 ging es im Tourismus, man empfing 6%
mehr internationale Gäste und es gab auch 4% mehr einheimische Reisende im Land. Die Auslastung der Hotelzimmer ist mit 35% immernoch die reinste Katastrophe, auch
wenn man gegenüber 2009 um einen Prozentpunkt zulegen konnte. Allerdings ist es so, dass die "Qualität" der ausländischen Touristen nicht immer unbedingt den
Vorstellungen der Planer entspricht. So ist das Wachstum fast nur noch auf steigenden Shopping-Tourismus im grenznahen Bereich zurückzuführen, wo mancher dank
schwächelnden Forints mittlerweile zum Stammgast geworden war.
Der Wert der Exporte und Importe stieg um 17%, die Außenhandelsbilanz summierte
sich auf rund 1,3 Mrd. EUR, was sich ersteinmal gut liest, aber vor allem bedeutet, dass in Ungarn sehr wenig konsumiert, vor allem aber auch investiert wird.
Staatsdefizit
Das Defizit des Staatshaushaltes erreichte in den ersten vier Monaten des Jahres 637
Milliarden Forint (ca. 2,3 Mrd. EUR), nochmals 30 Milliarden Forint (10,8 Mio EUR) mehr als vor einem Jahr und gut Dreiviertel der Zielgröße für das Gesamtjahr. Geplant
waren 3,8% vom BIP, doch schon jetzt hat die Task-Force "Kassensturz" der neuen Regierung 170 Milliarden Forint an teuren Aktenleichen im Finanzministerium
ausgemacht, die allein 0,7 Prozentpunkte mehr Defizit ausmachen sollen.
Arbeitslosigkeit - Beschäftigung
Die Arbeitslosenrate in Ungarn hat zwischenzeitlich die 12% überschritten, Jan-März
belief sie sich bereits auf 11,9% und stieg damit gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Prozentpunkte, also rund ein Fünftel. 3,7 Millionen Ungarn in der Gruppe der
15-64jährigen hatten einen offiziell registrierten und damit sozialversicherungspflichtigen Job, das waren nochmals 1,3% weniger als vor einem
Jahr, die Bechäftigungsrate beträgt somit 54,5%, Schlusslicht in der EU. Knapp eine halbe Million Menschen waren offiziell als arbeitslos registriert, das ist ein Plus von 24%
bzw. 95.000 Menschen mehr als 2009. Für Feb-April gibt das KSH heute eine Arbeitslosenrate 11,8% an.
Einkommen - Inflation
Die Einkommen derjenigen, die noch Arbeit hatten, stiegen um 5,6%, die Preise im
gleichen Zeitraum um rund 6%, damit sanken also die Realeinkommen, obwohl durch die Entlassungswellen vor allem im Niedriglohnsegment, die Einkünfte der Übrigen, rein
statistisch im Schnitt angestiegen sein müssen. Nicht nur der Geldwertverlust, vor allem gestiegene Verbrauchssteuern (z.B. Tabak, Alkohol) schlugen hier zu Buche.
Privates Vermögen - Schulden - Kredite - Konsum
Das Gesamtvermögen der privaten Haushalte stieg jedoch zum Vorjahr um fast 9% auf
27,4 Billionen Forint (knapp 100 Milliarden EUR), da man mehr sparte und weniger ausgab. Auch die private Verschuldung sank um 8% auf 10,4 Billionen Forint (ca. 37,5
Mrd. EUR, bzw. 3.750 EUR pro Kopf). Der Anteil an den besonders schwankungsanfälligen Fremdwährungskrediten sank zwar um 14% gegenüber dem
Vorjahr, schlägt aber immernoch mit 6.500 Milliarden Forint zu Buche, und macht damit rund 63% der gesamten Schuldenlast der Ungarn aus. Immerhin hat man in den
ersten drei Monaten des Jahres 300 Milliarden Forint (ca. 1,25 Mrd. EUR) mehr an die Banken zurückgezahlt als an neuen Krediten aufgenommen. Der private Konsum ist seit
Mitte 2007 im permanenten Sinkflug, auch wenn sich dieser weiter verlangsamt. Ein weiteres Minus von 4,1% für Q1 und -2,4% im März - wohlgemerkt - gegenüber den
extremen Krisenmonaten vor einem Jahr, sind keine guten Nachrichten für Ungarns Einzelhändler. Wie gesagt, die Blickrichtung geht zum Krisenausgang, angelangt ist man dort noch nicht.
-red.
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