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(c) Pester Lloyd / 21 - 2010  POLITIK 26.05.2010

 

Eiszeit an der Donau

Ungarn beschließt "Trianon-Pass", Slowakei droht mit Ausbürgerung von Antragstellern.

Am Mittwochmorgen hat das ungarische Parlament mit überwältigender, fraktionsübergreifender Mehrheit die Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes inkl. einer Verfassungsänderung beschlossen. Die Slowakei ist schwer gekränkt und “will hart und sofort” reagieren. Geplant ist die Ausbürgerung von Slowaken, die eine zweite Staatsbürgerschaft beantragen.

Am Mittwochmorgen hat das ungarische Parlament mit überwältigender, fraktionsübergreifender Mehrheit die Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes inkl. einer Verfassungsänderung beschlossen, die eine erleichterte Vergabe der ungarischen Staatsbürgerschaft an ethnische Ungarn in den Nachbarländern ermöglicht. 344 Abgeordnete stimmten für das Gesetz, nur 3 dagegen, 5 enthielten sich. Die Koalition reichte von den Sozialisten über Grüne und Konservative bis zu den Neonazis von Jobbik.

Damit ist ab 2011 der Zugang zur Staatsbürgerschaft nun auch für "Ungarn nach Ahnenlinie" möglich, rund 1,5 Millionen Menschen in Serbien, Rumänien, Ukraine und der Slowakei könnten theoretisch davon Gebrauch machen. Antragsteller müssen straffrei sein, keine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen, Ungarisch sprechen und nachweisen, dass sie "ungarischer Abstammung". Wahlrecht erhalten sie - vorerst - nur, wenn sie ihren Wohnsitz auch nach Ungarn verlegen, ebenso Zugang zu sozialen Leistungen. Die Genehmigungsdauer für den "Trianon-Pass" soll ca. 3 Monate betragen.

Diese politisch motivierte Gesetzesänderung, die nach Meinung der Initiatoren gegen das Unrecht des Trianoner Friedensdiktates gerichtet ist und die Einheit der ungarischen Nation beschwören soll, stößt vor allem in der Slowakei auf heftigen Widerstand. Doch auch dieser, fast als Unabhänbgigkeitskampf stilisierte Protest, ist nur zum Teil rationalen Argumenten und Ärger über die Art und Weise des als arrogant aufgefassten ungarischen Vorgehens zuzuschreiben. Viel an den Kommentaren und Proteststatments ist reiner, nationalistisch gefärbter Wahlkampf und eine willkommene Ablenkung von innenpolitischen Querelen.

Kritik gibt es vor allem am fehlenden Dialog

Noch am Dienstag gab es im slowakischen Parlament eine Sondersitzung sowie ein außerordentliches Treffen des Nationalen Sicherheitsrates. Auf beiden wurden die bekannten Argumente, also Eingriff in die Souverenität des Landes, Infragestellung der Staatlichkeit des Landes, feindseliger Akt etc. vorgetragen und mit entsprechender Entrüstung ausgeschmückt. Am meisten stießen sich die slwoakischen Politiker jedoch an der fehlenden Dialogbereitschaft der Ungarn, eine durchaus berechtigte Feststellung, wenn man bedenkt mit welcher provokanten Rigorosität u.a. der kommende Vizepremier Semjén, jedes Mitspracherecht der Nachbarn verneinte. Auch die in diesem Zusammenhang durch einige ungarische Abgeordnete geschehene öffentliche Würdigung des unter den Nazis getroffenen “Müchener Abkommens” von 1938, das zur gewaltsamen Aufteilung der damaligen Tschechoslowakei und Schaffung einer Slowakei ohne Oberungarn führte, wurde mit größter Entrüstung zur Kenntniss genommen.

 

Nach vier Stunden Sondersitzung verabschiedeten die Parlamentarier in Bratislava eine Deklaration "mit Beunruhigung..." usw. Man kritisiert vor allem, dass Ungarn eine "exterritoriale Rechtsnorm, die die Bürger der Slowakischen Republik betrifft, beschließt, ohne dass sie diese Norm im Sinne des Vertrags über die gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern mit den Spitzenvertretern der Slowakischen Republik konsultierte". Außerdem warnt man vor der "erneuten Infragestellung des Friedensvertrags von Trianon aus dem Jahr 1920 sowie der Nachkriegsordnung in Europa."

Der slowakische Regierungschef Robert Fico wählte gewohnt kräftige Worte: "Unsere Auseinandersetzung mit Ungarn stieg (...) zu einer Auseinandersetzung zwischen einer Regierung auf, die sich heute zu der antifaschistischen Tradition, die im Slowakischen Nationalaufstand verkörpert wird, klar bekennt und einem Land, in das der Revisionismus und die braune Pest kriechend zurückkehren". Er bedauert, dass es offenbar keine andere Möglichkeit der Kommunikation mehr gibt als das Abhalten öffentlicher Sondersitzungen von Parlament und Regierung. Wenn Ungarn das Gesetz verabschiedet, "ist es unsere heilige Pflicht, hart und sofort zu reagieren. Ungarn grenzt nicht an sich selbst, sondern an eine souveräne und selbstbewusste Slowakei". Ein Gang vor die OSZE, Europäische Gerichte und sogar die UNO sind vorgesehen.

Prompte Antwort aus Bratsilava

Am Mittwoch dann folgte unmittelbar die slowakische Antwort auf die Abstimmung in Budapest. Die Nachrichtenagentur TASR meldet: Nach dem Willen der slowakischen Regierung wird es ab dem 17. Juli dieses Jahres zwei Möglichkeiten zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft der Slowakischen Republik geben. Bisher konnte dies nur auf eigenen Antrag geschehen. Die Regierung beschloss am Mittwoch jedoch die Novelle des Staatsbürgerschaftsgesetzes, aufgrund deren ein Bürger der Slowakischen Republik seine slowakische Staatsbürgerschaft automatisch verliert, sobald er aus freien Stücken eine andere beantragt. Die Aberkennung bezieht sich nicht auf den Erwerb einer fremden Staatsbürgerschaft im Zusammenhang mit einer Eheschließung oder der Geburt. Die Novelle wird auf der am Mittwoch abgehaltenen Sondersitzung des Nationalrates der Slowakischen Republik in einem abgekürzten legislativen Verfahren behandelt. Falls der Text der Novelle in der vorgelegten Fassung im Plenum verabschiedet und anschließend vom Präsidenten unterzeichnet wird, wird ein Antragsteller die slowakische Staatsbürgerschaft am selben Tag verlieren, an dem er die fremde erlangt. Diesen Umstand muss er dem zuständigen Bezirksamt umgehend melden. Tut er dies nicht, droht ihm eine Strafe in Höhe von bis zu 3319 Euro. Gleichzeitig verliert er sein arbeitsrechtliches, Beamten- oder Dienstverhältnis, sofern dieses an die slowakische Staatsbürgerschaft gebunden ist.

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