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(c) Pester Lloyd / 22 - 2010  FEUILLETON 03.06.2010

 

Ganz großes Kino

Das Haus des Terrors in Budapest – ein kritischer Rundgang

Es gibt nur wenige Museen, die derart unisono von ihren Besuchern mit Lobeshymnen überschüttet werden wie das „Haus des Terrors“ (Terror Háza) in der Budapester Andrássy út. Sowohl Einheimische als auch Touristen schätzen die mediale und emotionale Aufbereitung der 2002 eröffneten Gedenkstätte für die Opfer des rechten und linken politischen Terrors in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch die Überemotionalisierung des Themas überdeckt inhaltliche Einseitigkeiten und Simplifizierungen. Sogar hier haben Parteipolitik und Ideologie Einzug gehalten.

Eins muss man den Planern vom Haus des Terrors schon lassen: sie haben es wirklich verstanden, das Museum von innen wie von außen eindrucksvoll in Szene zu setzen. Bereits von weitem ist das Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Gebäude an seiner riesigen schwarzen Umrahmung mit der ausgestanzten Inschrift „Terror“ zu erkennen. In der Zeit zwischen 1944 und 1956 war das Gebäude mit der Adresse Andrássy út 60 in ganz Budapest berüchtigt für die Gräuel, die sich hintern seinen Mauern abspielten. Während der Besetzung Budapests durch die Nazis 1944/45 diente es als Hauptquartier der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei, und fiel nach Ende des Krieges in die Hände der Stalinisten, die es bis zum Aufstand 1956 als Hauptquartier ihrer Geheimpolizei ÁVO (später ÁVH) nutzten, um dort vermeintliche Dissidenten mit Foltermethoden zu verhören und bis zur Exekution in den Kellerverliesen wegzusperren.

Das Museum trägt an vielen Stellen die Handschrift der Nationalkonservativen

Auch nach dem Systemwechsel 1989/90 wurde es nie ganz ruhig um das „Haus des Terrors“. Die Rufe, das Gebäude solle als Gedenkstätte umfunktioniert werden, wurden zunehmend lauter, sodass die erste Fidesz-Regierung unter Jetzt-Wieder-Ministerpräsident Viktor Orbán die Idee schließlich in die Tat umsetzte. Das Museum trägt denn auch an einigen Stellen die Handschrift der Nationalkonservativen, welche sich zur Eröffnung 2002 heftige Kritik v.a. von Seiten der Sozialisten anhören mussten, die Gedenkstätte sei politisch befangen und konzentriere sich zu sehr auf die Täter der kommunistischen Zeit.

 

Für den Besucher des Museums, egal ob ungarischer Schüler oder ausländischer Tourist, sind diese politischen Querelen natürlich nebensächlich. Die Gestaltung des Museums macht es ihm auch entsprechend leicht, voll und ganz in die dichte Atmosphäre einzutauchen: jeder der einzelnen Räume hat einen anderen thematischen Schwerpunkt und wurde dementsprechend mit ganz bestimmten Farben, Gegenständen und Lichtverhältnissen ausgestaltet; einzig die kerkerartigen Kellerräume wurde möglichst originalgetreu rekonstruiert. Zudem haben die Macher darauf geachtet, an einigen wichtigen Stellen durch die Musikuntermalung bestimmte emotionale Reaktionen beim Museumsgast zu bewirken. Die audio-visuell erzeugte Stimmung ist es dann auch, die Tag für Tag immer neue Besucher ins „Haus des Terrors“ lockt und bei ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das Museum ist ein cineastisch inszeniertes Erlebnis.

Ein Museum hat mehr zu leisten als ein Hollywoodfilm

Wenn es bei einem Museumsbesuch nur um den Unterhaltungswert ginge, hätte das „Haus des Terros“  sicherlich Topnoten verdient. Es ist nun aber immer noch so, dass ein Museum mehr zu leisten hat als ein Hollywood-Blockbuster. Es hat zu informieren über historische Vorgänge und Ereignisse. Es hat zu warnen vor der Wiederholung gefährlicher historischer Entwicklungen in der Gegenwart. Und es muss all dies in einer ausgewogenen Art und Weise erreichen. Gerade in diesem Bereich aber werden einige Versäumnisse bei der Gestaltung des Terror Háza offenbar.

Die Ausstellungsräume selbst bieten nur relativ wenige Information, dienen sie doch vorrangig der visuellen Stimmungserzeugung. Die überall in Form von Videos gezeigten Zeitzeugenberichte bieten da schon etwas mehr Inhalt, sind aber letztlich höchst subjektiv und dienen ebenso vorrangig der emotionalen Aufladung des Themas. Bleiben nur noch die in jedem Raum ausgelegten Informationsblätter auf ungarisch und englisch als Quelle historischen Wissens. Diese sind tatsächlich recht ausführlich, offenbaren aber an einigen heiklen Stellen grobe Vereinfachungen oder drängen dem Leser eine ganz bestimmte, nationalkonservativ geprägte Geschichtsinterpretation auf.

 

Rechte Klischees der ungarischen Geschichte werden gepflegt

Das derbste Beispiel hierfür sind die ersten drei Räume, in denen die Zwischenkriegszeit und die Machtübernahme der Pfeilkreuzler thematisiert werden. Alles, von der Videoinstallation bis hin zur Formulierung des Informationsblatts, ist hier darauf ausgerichtet, dem Besucher zu signalisieren: Ungarn ist ein Opfer der Fremdbestimmung und Okkupation, das Diktat von Trianon war ungerecht. Da ist es also wieder, das seit dem Vertrag von Trianon 1919 von rechts gepflegte revisionistische Geschichtsbild, mit dem sowohl Fidesz als auch Jobbik kokettieren. Dazu passt, dass die von revisionistischen Zielen getriebene ungarische Kooperation mit den Nazis seit den 30er-Jahren (und somit lange vor dem Pfeilkreuzler-Regime) konsequent ausgeklammert werden.

Während man also die ungarische Mittäterschaft vor 1945 bewusst verklärt, entwickelt das Museum eine fast schon neurotische Fixiertheit auf die Schuldigen der Kommunistenzeit. Plakativ und großflächig werden die Richter, Staatsanwälte und Offiziellen des kommunistischen Regimes namentlich, häufig sogar mit Foto angeprangert. Niemand bezweifelt, dass die Bewältigung der Täterfrage eine wichtige Aufgabe der postkommunistischen Gesellschaften ist, aber eine solch konfrontative Zurschaustellung schürt letztlich nur den Hass und fördert neue Konflikte anstatt alte zu lösen. Gesellschaftliche Versöhnung funktioniert anders.

Fazit: Emotional fordernd, aber inhaltlich mit Vorsicht zu genießen

Trotz aller Kritik muss man dem Museum aber doch zu Gute halten, dass es die Besucher emotional zu fordern weiß und sie in die Lage zu versetzt, die Schrecken der damaligen Zeit nachzuempfinden. Gerade deswegen ist der Besuch des Terror Háza auch weiterhin empfehlenswert. Jedem Besucher sei allerdings auch dringend ans Herz gelegt, sich von anderer Seite über die historischen Hintergründe zu informieren und seine Erwartungshaltung an das Museum anzupassen. Anstatt einer inhaltlich ausgewogenen und dadurch fast zwangsläufig nüchternen Geschichtsreportage erwartet ihn hier nämlich eher ein Spielberg-Film: emotional packend, aber eher dem Showeffekt als der historischen Präzision verpflichtet.

Christian Pasche

Terror Háza, Andrássy út 60
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 – 18 Uhr
Eintritt: 1.800 HUF, reduziert 900 HUF; für Besucher über 70 Jahre kostenlos
Mehr Informationen unter
www.terrorhaza.hu

Zum Thema:

Dem Terror auf der Spur
Im Gespräch mit der Direktorin des „Haus des Terrors“ in Budapest
 

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