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(c) Pester Lloyd / 22 - 2010  KULTUR 03.06.2010

 

Traviata unter ungarischem Taktstock

Chemnitzer Opernhaus mit vielseitigem Programm

Am 30. Mai starb Verdis Violetta im Chemnitzer Opernhaus vorerst zum letzten Mal unter bemerkenswertem Applaus. Diese Anerkennung ist sicherlich auch auf die feinfühlige Stabführung des jungen ungarischen Dirigenten Domonkos Héja zurückzuführen. Seit 2005 am Chemnitzer Opernhaus verpflichtet hat er dort bereits eine stattliche Reihe von Opern-, Ballett- und Konzertabenden geleitet und sich eine anerkannte künstlerische Position erarbeitet.

Domonkos Héja hatte bis 1997 eine gründliche Ausbildung an der Budapester Franz-Liszt-Musikakademie genossen und schon kurz darauf das Danubia Jugendorchester erfolgreich aufgebaut und auf Konzertreisen bekannt gemacht. Auch der Abend der letzten „Traviata“ am Chemnitzer Opernhaus ist nicht in Routine gegeben worden, sondern der Dirigent hat mit den Solisten pfleglich auf die Herausarbeitung der dramaturgisch und musikalischen Schwerpunkte geachtet.

Domonkos Héja, Dirigent mal nicht im Frack, sondern in Motorradjacke.
Hier beim Gespräch mit dem Pester Lloyd

So war die Hauptrolle ideal besetzt mit der von der Krim stammenden Swetlana Katchour, die ihren jugendlich dramatischen Sopran alle Nuancen abverlangte und die in ihrer figürlichen Zartheit besonders die leidenden Momente der Rolle hervorhob, - edle Pianos inklusive. Im Interesse der Widersprüchlichkeit der Figur fehlte die erotische Seite der Violetta im Spiel ein wenig, nicht jedoch in der stimmlichen Präsenz. Ihr ebenbürtig, der Bassbariton Hans Christoph Begemann als alter Germont mit bewegendem Stimmmaterial und gestischer Seriosität. Strahlende, aber manchmal mit zu schrillen Tönen der Alfredo des Tenors Zurab Zurabishvili aus Georgien. Der Sänger hat kräftiges, verlässliches Material und ebensolche nationalen und internationalen Engagements und Erfolge zu bieten. Seine Lehrer gehören, wie Bernd Weikl, zur Oberklasse des Genres.

Gerade deswegen aber sollte ein solcher Sänger an der Verfeinerung seiner Belcanto-Qualität arbeiten, wie auch am überzeugenderen Spiel. Somit wären wir bei der Regie von Yona Kim, die wirklich Bewegung in den Chor brachte, der es aber weniger gelang, in die stereotypen Bewegungen einiger Solisten Abwechslung zu bringen. So kam die Flora der Tiina Penttinen nicht über ihre eigene Gestalt und raumgreifenden Schritte hinaus zu einer warmen Ausstrahlung für die leidende Violetta und vor allem blieb der Alfredo in seinem Spiel als Salontiger und Liebhaber weit unter den Erwartungen.

Nadine Grellingers Kostüme, die zwischen unschuldigem Weiß und aggressivem Rot, auch bei den Highthills, schwankte, erzielte die besten Effekte beim Herrenchor (Toreros); sie hatte den Alfredo entweder vergessen zu stylen, oder es dem lässigen Sänger selbst überlassen. So wirkten die blauen Smokinghosen zum Straßensakko mit zu langen Ärmeln ärmlich und unbeholfen. Sicher unbeabsichtigt. Eine insgesamt gute Ensembleleistung des Abends: der Chor voluminös und an Bewegung gewohnt. Das Orchester feinfühlig mit exzellenten Pianos, der Dirigent achtsam auf die Solisten eingestellt und souverän führend.

 

Domonkos Héja wird am 12. Juni noch die Premiere des „Wildschütz“ von Albert Lortzing und ein Sinfoniekonzert dirigieren. Er könnte in Ungarn die dortigen Theaterintendanten danach von den heiteren deutschen Opern der Romantik überzeugen, die in seinem Land leider unbekannt geblieben sind. Deren Entstehung und Siegeszug fiel nämlich genau in die Phase der ungarischen Nationalopern, die im Repertoire das `Kind mit dem Bade ausschüttete`, soll heißen, dass das dominierende Deutsche aus den Pester Theatern verbannt wurde. Dafür kamen todtraurige Heldenverehrungen á la „Bánk bán“ von Ferenc Erkel auf die Budapester Bühne, dessen geschichtliche Wahrheit zweifelhaft und die musikalische Größe von regionalem Wert sind.

Dennoch hat sich der hoffnungsvolle 1. Kapellmeister der Chemnitzer Oper für ein Jahr frei gekämpft, um auf Einladung der Budapester Staatsoper die Neuinszenierung dieser Oper im Jahre des 200. Geburtstages von Ferenc Erkel zu übernehmen. Damit schlägt er zwei Fliegen mit einer musikalischen Klappe: er knüpft die Kontakte zur Heimat neu und gibt der Staatsoper die Chance, junges Blut mit Auslandserfahrungen zu nutzen.

Wenn das dann noch Auswirkungen auf eine moderne Sicht auf diese National-Oper hätte, wäre für alle Seiten viel gewonnen und Chemnitz kann sich auf die Rückkehr von Domonkos Héja 2011/2012 freuen.

E. F.
 

 

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