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(c) Pester Lloyd / 22 - 2010  POLITIK 07.06.2010

 

Bumerang

Die ungarische Regierung hat sich verzockt

Wenn hinter den Ereignissen der letzten Tage ein höherer Plan der neuen ungarischen Regierung gesteckt haben soll, dann war es nicht nur ein schlechter, sondern auch ein verdammt teurer. Der "Wir-sind-fast-Griechenland"-Sager der führenden Wirtschaftspolitiker kam als Bumerang ins Land zurück und richtet nun den Schaden an, den man herbeiunkte. Premier Orbán hat Märkte, EU und Medien unter-, seine Wirkmächtigkeit überschätzt. Zeit, von Symbolpolitik Abschied zu nehmen.

Führende ungarische Regierungspolitiker behaupteten Ende letzter Woche, das Budgetdefizit Ungarns werde doppelt so hoch ausfallen wie geplant, im öffentlichen Dienst könne man zum Teil die Juni-Gehälter nicht mehr zahlen, man stehe kurz vor griechischen Verhältnissen, es herrsche "Notstand". Als daraufhin der Forint von 274 auf knapp 290 / Euro abstürzt, Zinsen auf Staatsanleihen in fast hellenische Höhen steigen, Kreditausfallversicherungen teurer werden und Bankaktien taumeln, rudert man zurück und meint, man könne nun doch die Haushaltsplanung erreichen und gar so schlimm sei es gar nicht. Derweil erklärt der in Brüssel weilende Regierungschef, dass er, sobald seine Sonderkommission ihren Bericht über die Finanzlage des Landes vorlegt, binnen 72 Stunden einen Maßnahmeplan vorzulegen gedenkt, der die Wirtschaft am Laufen halte.

Mit welchen Gedanken geht er schwanger? - Orbán bei Barroso in Brüssel.

Finanzexperten, Volkswirtschaftler, EU-Politiker, alle fragen sich, was diese Manöver sollten, dieses für das Land sehr teure Verwirrspiel, das auch das Vertrauen in die gesamte EU weiter unterminiert. Es kursieren mehrere Möglichkeiten, ein unkontrollierbar gewordener Mix aus allen diesen Versionen hat offenbar zu diesem Chaos geführt.

Schwach, aber stabil, so sah es die Welt

Das Defizit entwickelt sich für 2010 fast so wie es die Bajnai-Regierung konzipiert und ausgelegt hat, in einen Rahmen von 4-5% des BIP. Das ist zwar nicht ganz die Zielvorgabe von 3,8%, auf die auch der IWF-Notrettungsdeal zugeschneidert wurde, aber es ist doch deutlich weniger als die 7,5-8%, die in den letzten Tagen kursierten. Ungarn ist aufgrund des Hilfspakets von 2008 eines der bestüberwachten Länder der EU, eine so starke Abweichung der Realität von den veröffentlichten Zahlen hätte die EU längst verhindert, erst recht in dem derzeit so nervösen Marktumfeld. IWF und EU-Kommission haben die Wachstums-, Inflations und anderen Makrodaten mehrfach positiv korrigeren können, der Zustand des Patienten ist schwach, aber stabil, so sah es die Welt zuletzt übereinstimmend.

Symbolpolitik und Stellvertreterkriege

Das Fidesz führte "versteckte" Defizitposten bei Staatsbetrieben und im öffentlichen Dienst an, um diese minimale Stabilität kaputtzureden. Das mag zwar der inneren Logik und dem Feindbild, einer seit acht Jahren auf Wahlkampf und Demagogie geeichten Partei entsprechen, entfaltet aber jetzt, da sie die Macht inne hat, Wirkungen, die über den Jubel der in rot-weiß-grün gehüllten Anhängerschaft hinausgehen und das Gegentel von dem herbeiführen, was sie eigentlich sollten. Auch die der neuen Regierung von vornherein wohlgesinnten Medien sind sich realtiv einig darin, dass die ersten Tage im Amt ein katastrophales Bild abgeliefert haben. Man beschränkte sich auf Symbolpolitik und Stellvertreterkriege (Slowakei, Trianon-Gedenktag, doppelte Staatsbürgeschaft) versäumte es aber, in der so zentralen Wirtschaftspolitik einen gemeinsamen Nenner zu vertreten. Selbst die sonst so stringent auf Orbán zugeschnittene Kommunikationspolitik des Fidesz hat offensichtlich versagt.

Orbán hat sich verzockt

Was also veranlasste den Stabschef des Premiers, Mihály Varga (Foto, links), den Wirtschafts- und Finanzminister, György Matolcsy sowie den Fidesz-Parteivize und Debrecener Bürgermeister, Lajos Kósa als auch den Regierungssprecher Péter Szijjárto (Foto, rechts) zu einer solch konzertierten Nullnummer und was wusste und steuerte Orbán davon?

Das primäre Ziel war offensichtlich: den Pleiteteufel an die Wand zu malen, um die EU samt IWF zu weitgehenden Zugeständnissen hinsichtlich der Notkreditbedingungen, sprich Sparmaßnahmen, zu zwingen. Nur mit einem größeren finanziellen Spielraum kann Orbán sein zentrales Wahlversprechen von "massiven Steuersenkungen", die in zwei Schritten, nämlich ab 1. Juli sowie an Anfang 2011 wirksam werden sollten, umsetzen. Diesen Spielraum bekommt er nur, das geben die vorgefundenen Zahlen vor, wenn er vom Bajnai-Sparkurs abweicht, das Haushaltsdefizit vorerst ausweitet und sodann auf die allgemeine konjunkturelle Erholung und eine breitere Steuereinnahmebasis in den nächsten Jahren hoffen kann. Orbán wollte es nun so anstellen, das notwendige Defizit herbeizurenden, um es den bösen Sozialisten noch rechtzeitig in die Schuhe zu schieben, um die Differenz dann selbst nutzen zu können. Dummerweise gibt es aber in der EU mehr Wirtschaftsexperten als unter den Fidesz-Wählern.

Orbán hat sich mit der Frontalattacke vollkommen verzockt, denn die EU kann Ungarn gar nicht aus dem Sparpaket entlassen, wenn sie nicht einen weiteren Euro-Schock riskieren will. Im Gegenteil, nur der Bajnai-Kurs, also die strenge Haushaltspolitik mit punktuellen Wachstumsimpulsen und vorerst nur partiellen, angepassten Steuerentlastungen, kann Ungarn irgendwann wieder den Spielraum geben, um den Umbau zu einer mittelstandsfreundlichen Wirtschaft, die Arbeitsplätze schafft, zu bewerkstelligen. Orbán wollte beides auf einmal, das konnte nicht gelingen, schon gar nicht in einer Phase, wo praktisch überall in Europa Bajnai-Pakete geschnürt werden.

Richtungsstreit in der eigenen Partei?

Der neue ungarische Regierungschef ist sozusagen über sich selbst, sein Wahlkampfbein gestolpert, er wird die Ideologie nicht los, die ihn an die Macht spülte. Er hatte die "Griechen-Version" womöglich als Plan B in der Tasche, falls seine Konsualtionen in Brüssel nicht zu mehr Freiheit von den IWF-Bedingungen führten. Doch der "Trumpf" wurde dummerweise schon ausgespielt, noch bevor die Karten gemischt waren. Das ist besonders irritierend, weil sich Orbán zuerst sehr eloquent als verlässlicher Partner vorgestellt hatte und weitaus moderatere Töne anschlug als zuvor, so dass manche schon dachten, sie hätten einen geläuterten Realpolitiker vor sich.

Hinzu kommt ein Richtungsstreit in der eigenen Partei. Einige, nicht nur einflusslose Fidesz-Politiker sehen die Grundzüge des Spar-Weges der Vorgängerregierung Bajnai als richtig an. Um den "Reformern" unter den Nationalkonservativen von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, schaffte sein Chefberater Varga in Orbáns Auftrag "Fakten". Orbán war aus dem Haus (Antrittsreise in Warschau und Brüssel) und schon tanzten die Mäuse auf dem Tisch, Matolcsy und Varga lieferten sich einen Profilierungswettbewerb, letzterer wollte als Chef der "Leichen im Keller"-Findungskommission unbedingt beweisen, dass er der bessere Finanz- und Wirtschaftsminister und als Orbáns Amtschef ohnehin der wichtigere Mann ist und überbot Matolcsys Defizitprognosen nochmals.

Klare Worte von Barroso

EU-Kommissionspräsident Barroso gab den Ungarn nach dem Gespräch mit Orbán und den Unruhge stiftenden Nachrichten ziemlich deutlich die Richtung vor, als er sagte, dass "die Botschaft an Ungarn lautet, die Haushaltskonsolidierung zu beschleunigen und zu vertiefen, statt sie zu verringern." Jede andere Richtung müsste in der Katastrophe enden. "Ungarn ist in einer sehr heiklen Situation, da gibt es keinen Raum für Selbstzufriedenheit." Die Regierung sowie der Orbán Führungszirkel hielten über das Wochenende hektische Sitzungen ab, die zu einem Aktions-Plan führen sollen. IWF-Kontrolleure haben eine außerplanmäßge Besuchsreise nach Ungarn angekündigt, um den Gerüchten über das viel größere Budgetloch nachzugehen.

 

Die nächsten Tage werden spannend

Der Forintabsturz kostet hunderttausenden ungarischen Haushalten reales Geld, ihre Fremdwährungskredite hatten sich binnen 48 Stunden um 8-10% verteuert, die Angst vor einem noch größeren Absturz ist nicht irreal. Die CDS-Rate (Credit Default Swaps), Aufschläge auf die Versicherungsprämien für Versicherungen auf den Ausfall von Staatsanleihen sind nur am Freitag von 170 auf 350 Punkte nach oben gerast, was bedeutet, dass eine Ausfallversicherung auf eine fünfjährige 1-Mio-EUR Staatsanleihe derzeit 30.500 EUR pro Jahr, statt zuvor 17.000 EUR kostet. Dementsprechend entwickeln sich auch die Zinsen für die Staatsanleihen selber, was wiederum den Haushalt und die Devisenreserven belastet. Die Aktie der OPT, der größten ungarischen Bank verfiel stark, das bisschen Vertrauen, das sich Ungarn mühsam wieder erarbeitet hatte, war dahin. Während Ungarn draufzahlt, verdienen sich Spekulanten und internationale Finanzhäuser eine (weitere) goldene Nase.

Mit seinem Aktionsplan will Viktor Orbán das Heft des Handelns wieder in die Hand bekommen und den Märkten ein Signal der Stärke vermitteln. Man wartet auf klare Aussagen, wie er Land und Ökonomie zu führen gedenkt. Er muss sich dabei aber von der fixen Idee verabschieden, die Welt oder nur Europa hört auf Ungarn oder auf ihn. Die nächsten Tage werden spannend.
 

Hintergründe zum Thema:

Den Pleiteteufel an die Wand gemalt
Kassandra-Rufe eines Politikers in Ungarn lassen Forint abstürzen 
ZUM BEITRAG

Wird Ungarn wieder griechisch? (1.6.)
Um die Staatsfinanzen in Ungarn steht es angeblich schlimmer als gedacht
http://www.pesterlloyd.net/2010_22/22staatsfinanzen/22staatsfinanzen.html

Im tiefen Tal (28.5.)
Ungarn in Zahlen: 1. Quartal 2010
http://www.pesterlloyd.net/2010_21/21quartal1/21quartal1.html

Kassensturz (22.5.)
Neue Regierung in Ungarn findet "erste Leichen im Keller"
http://www.pesterlloyd.net/2010_20/20kassensturz/20kassensturz.html

Sturmwarnung (7.5.)
In Ungarn macht sich wieder Panik um den Forint breit
http://www.pesterlloyd.net/2010_18/18forintpanik/18forintpanik.html
 

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