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(c) Pester Lloyd / 23 - 2010 KULTUR 11.06.2010
Holender als Opernchef in Budapest?
Ioan Holender, der längstgediente Direktor, den die Wiener Staatsoper je hatte, hat nach nahezu 20 Jahren im Amt gerade seinen Abschied im Haus am Ring
genommen. Doch nun meldet die Tageszeitung "Österreich", der muntere und sehr selbstbewusste, bald 75jährige Holender, könnte ab kommender Spielzeit als
Künstlerischer Leiter an die Ungarische Staatsoper Budapest verpflichtet werden.
Operndirektor Ioan Holender hier als Chauffeur und Kutscher für seinen Liebling, Anna Netrebko.
Holender verkündete stets den Opernball in seinem Hause im Grunde zu verabscheuen und ihn nur der zusätzlichen Einnahmen wegen zu veranstalten. Dafür spielte er seine Rollen aber sehr
medienwirksam.
Wie es heißt, geht der Überraschungscoup auf einen direkten Kontakt zwischen dem
neuen Regierungschef Viktor Orbán mit dem aus Rumänien stammenden Holender zurück. Schon heute, Freitag, könnte in Budapest ein entsprechender Vertrag
unterzeichnet werden, was dieser selbst aber als verfrüht zurückwies. Dass Holender schon in der nächsten Spielzeit aktiv ins künstlerische Geschehen eingreifen kann, ist
ohnehin illusorisch: Opernhäuser planen 4-5 Jahre im voraus, die Planungen für die
kommende Saison sind schon längst abgeschlossen und nur schwer umzustossen.
Das Engagement eines der berühmtesten
Operndirektoren der Welt in Budapest wäre sicher eine Bereicherung für das 12jährige Opernhaus in Budapest, das sich seit Jahren in einer Umbruchphase befindet. Neben einem eigenständigen
künstlerischen Profil, sucht die Budapester Oper vor allem auch einen Ausweg aus dem schweren verwaltungstechnischen und budgettären Erbe, in dem sie seit Jahren feststeckt.
Dass Holender einen Opernbetrieb rentabel, ja, eingedenk der gewährten und
unverzichtbaren staatlichen Zuschüsse, sogar profitabel betreiben kann, hat er in Wien bewiesen. Bb er aber mit den ungarischen Spezialitäten der Rechnungs- und
Betriebsführung vertraut ist, darf man durchaus bezweifelnm, daran scheiterten sogar schon Legionen von EInheimischen.
Ein großes Plus brächte Holender zumindest als Marketingzugpferd mit, seine
internationalen Kontakte sind geeignet, bekannte Namen zu verpflichten und Kooperationen zu anderen Häusern einzufädeln. Auch seine künstlerischen Ambitionen
passen gut zur Budapester Tradition. Holender ist eher ein konservativer Opernfreund, der zwar auch ab und an avanciertes Musiktheater zulässt, für Experimente oder allzu
Ausgefallenes aber kaum zu haben ist. Sein Ruf nach Budapest wird in Wien durchaus beargwöhnt, gilt die Schwagerstadt doch auch als Konkurrenz um internationales Publikum.
Holender engagierte sich über Kooperationen
schon lange für das Opernleben in Osteuropa. Ungarn darf sich jedoch auch auf klare Worte und unbequeme Wahrheiten gefasst machen, denn Holender nahm noch nie ein Blatt vor den Mund,
weder künstlerisch und schon gar nicht politisch.
Angeblich soll ihn auch der in Wien glücklos und
stockkonservativ agierende Ex-Ballettchef Gyula Harangozó nach Budapest begleiten und den derzeitigen Direktor Lajos Vass ersetzen, wofür es aber noch keine Bestätigung gibt.
Vass´ Vertrag läuft offiziell noch bis zum Jahr 2012, er macht nach übereinstimmender Meinung der meisten fachlich qualifizierten Beobachter eingen guten Job, auch der
noch junge Regisseur Balázs Kovalik als künstlerischer und die Dirigenten Ádám Fischer und János Kovács haben die musikalische Seite gut im Griff. Eine adhoc-Übernahme
durch ein neues Team brächte daher mehr Unruhe als echte Vorteile.
Die Verkündung der kleinen Sensation durch “Österreich”, eines oft fehlerhaften
Boulevard-Blattes, ist somit auch mit größter Vorsicht zu genießen. Allzu oft schon waren dort Schlagzeilen später Schläge ins Wasser. Viel wahrscheinlicher ist, dass
Holender vielleicht 2-3 Jahre dem Haus am Andrássy Boulevard als eine Art weltgereister Ratgeber und Impresario zur Verfügung steht, mit weitgehenden
Freiräumen, aber weniger Verpflichtungen im zermürbenden Tagesgeschäft. Das brächte Budapests Opernhaus voran, ohne dass man alles umstürzen müssten.
m.s.
Zum Thema:
Oper für das Hier und Jetzt (Dez 2009)
Im Interview mit Lajos Vass, Generaldirektor der Ungarischen Staatsoper Budapest http://www.pesterlloyd.net/2009_52/52vassoper/52vassoper.html
Pracht und Bürde (Sep 2009)
125 Jahre Ungarische Staatsoper - Ein Spaziergang durch die Geschichte http://www.pesterlloyd.net/2009_39/0939oper/0939oper.html
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