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(c) Pester Lloyd / 23 - 2010  KULTUR 09.06.2010

 

Die Vergessene

Miskolc ist mehr als nur einen Blick wert

Wenig Positives ist aktuell aus dem Nordosten von Ungarn zu hören: Miskolc, die mit 174.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Ungarns, gilt als Zentrum des vergleichsweise rückständigen Gebietes und machte durch Unwetter und Hochwasser sowie die “Romaproblematik” auf sich aufmerksam. Sie leidet auch unter der Zentrierung auf Budapest, dabei haben Stadt und Umgebung einiges zu bieten.

Dass Polizeichef Álbert Pásztor mit seiner abschätzigen und chauvinistischen Meinung zur Roma-Minderheit offenbar nicht alleine darsteht, zeigte zuletzt der Wahlabend am 11. April. Im Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén, dessen Komitatssitz Miskolc darstellt, gaben ganze 27,2 % der Wahlberechtigten ihre Stimme der rechtsextremen Jobbik. Dieses Ergebnis ist vermutlich zu einem Teil auch Ausdruck einer tiefen Politikverdrossenheit in der Bevölkerung, sicherlich aber nicht gerade die beste Voraussetzung um sich als weltoffene Kulturregion präsentieren zu können. Dabei gibt man sich beim örtlichen Tourismusamt alle Mühe, Miskolc eben jenes Prädikat zu verleihen. Diese Bemühungen müssen nicht umsonst sein, denn bei allen Negativschlagzeilen haben Miskolc und seine Umgebung durchaus Einiges zu bieten.

Die gute alte Zeit

Dass Wunschtraum und Realität aber zumindest momentan in einigen Bereichen noch weit auseinanderliegen, scheinen jedoch selbst die Macher der bunt gestalteten Touristenbroschüre der Stadt erkannt zu haben. Vielleicht auch einer unglücklichen Übersetzung geschuldet, können schon die einleitenden Sätze bereits als symptomatisch für die aktuelle Lage der Stadt angesehen werden. Mit Ansichtskarten, Plakaten und Souvenirs habe man früher gut betuchte Feriengäste und Wanderstiefel-Touristen aus allen Teilen des Landes in die Gegend locken können heißt es da. Im Verlauf der Jahrzehnte habe sich dann viel geändert, „aber wir sind unbestreitbar zu einer Festivalstadt geworden“. Wenn schon die Touristen wegbleiben, scheint man sich fast schon trotzig an dem Nimbus einer Festivalstadt festhalten zu wollen. Ob diese Bezeichnung zutreffend und Miskolc mehr als einen kurzen Blick wert ist, lässt sich durch eine nähere Betrachtung der Stadt am Bükk Gebirge feststellen.

Licht und Schatten

Ein Spaziergang durch die Innenstadt macht zunächst aber deutlich, dass sich hier in den letzten Jahren zumindest baulich an den meisten Stellen nicht all zu viel getan hat. Die letzte große Renovierungswelle in der Innenstadt scheint schon einige Jahre her zu sein. Überreste einst strahlender Häuser sind zwar noch deutlich zu erkennen, doch auch hier blättert der Putz schon mächtig, denn scheinbar hat man sich damals lediglich mit dem Auftragen neuer Farbe auf alte Bausubstanz zufriedengegeben. Daneben dann gänzlich abrissreife Häuser in bester Innenstadtlage. Natürlich besitzt die Innenstadt auch eine paar schöne Ecken wie die Szinva-Terrasse und die zwar kurze, doch recht schmucke Déryné Strasse. Mit Budapest und den herausgeputzten Touristenorten wie sie am Balaton zu finden sind, kann Miskolc in Punkto Aussehen jedoch nicht mithalten. Nun gut, Miskolc will eine Festivalstadt sein. Also kommt es auf die inneren Werte an.

 

Die Inneren Werte

Als innere Werte im wahrsten Sinne des Wortes lassen sich beispielsweise die vielen Weinkeller der Stadt im Avas Berg bezeichnen. Mehrere hundert sollen sich in dem, unmittelbar im Zentrum liegenden und 234 m hohen Berg befinden. Kaum verwunderlich, gehören die südlichen Hänge des Bükk-Gebirges doch zu einer unter Kennern durchaus bekannten Weingegend, die vor allem durch ihre Weißweine von sich reden macht. Längst weiß man dies am Ort auch touristisch zu nutzen und bietet Weinverkostungen und Besichtigungen der teilweise Jahrhunderte alten Weinkeller an, die eines der größten Weinkellersysteme Europas bilden. Einen weiteren, vermutlich weitaus bekannteren „Inneren Wert“ von Miskolc bildet das Wasser im Höhlenbad von Miskolc Tapolca.

Das Höhlenbad wird durch das warme Heilwasser einer seit Jahrhunderten genutzten Quelle gespeist und bietet daher neben einem Vergnügungsbad auch allerlei rheumatologische Behandlungen an. „Es gibt nichts vergleichbares in Zentral-Osteuropa“ gibt man sich dazu bescheiden im Touristenführer. Wie groß „Zentral-Osteuropa“ denn nun genau ist weiß der Leser zwar nicht, jedoch sei ein Besuch jedem empfohlen, der die Region touristisch erkunden möchte. Es lohnt sich.

Die Festivalstadt?

Was ist aber nun mit den Festivals, auf die sich Miskolc so gerne beruft? Tatsächlich scheinen diese schon in der jüngeren Stadtgeschichte eine grosse Rolle gespielt zu haben. Was 1930 mit der sogenannten „Miskolcer Woche“ begann, bei der um die 30.000 Gäste aus dem ganzen Land zum Baden und Flanieren in die Stadt kamen, entwickelte sich bis heute zu einem bunten kulturellen Festivalprogramm verschiedenster Couleur. Da wäre beispielsweise das hervorragend besetzte jährliche Opernfestival, welches längst keinen Geheimtipp mehr darstellt und internationale Anerkennung genießt. Zum diesjährigen 10. Geburtstag des Festivals hat man sich vorgenommen, die Messlatte noch ein Stück höher zu legen und das hochwertige Programm des letzten Jahres noch zu übertreffen. Unter dem Titel „Bartók und Europa 2010“ werden vom 9. bis zum 20.Juni sowohl Werke des wohl bekanntesten ungarischen Komponisten, als auch Opern aus ganz Europa in hochklassigen Produktionen auf die Bühne gebracht. Begleitet werden die Tage von einem Weinfestival sowie kleineren meist folkloristischen Konzerten an den, überall in der Stadt befindlichen Veranstaltungsorten.

Ritter, Sülze und Folklore

Noch folkloristischer wird es dann vom 8. bis zum 11.Juli, wenn das jährliche „Kaláka Folkfestival“ seine Besucher in der historischen Burg Diósgyor mit allen Spielarten der ungarischen Volksmusik erwartet. Die Burg im Westen der Stadt zählt zu den Hauptveranstaltungsorten des Miskolcer Kulturlebens. Besonders im Sommer finden hier eine Vielzahl mittelalterlich angehauchter Aufführungen und Feste statt. Am 14. und 15. August unternimmt die ehemalige Lieblingsburg von König Ludwig dem Grossen beispielsweise eine Zeitreise ins 14.Jahrhundert und lässt für zwei Tage das damalige Hofleben inklusive eigener Währung und Reitturnieren wieder aufleben.

All dies stellt jedoch nur einen kleinen Teil des durchaus umfangreichen kulturellen Programms der Stadt dar. Unter den vielen weiteren Veranstaltungen finden sich dann auch recht ungewöhnliche Dinge wie das „Factory Festival des Extremsports“ ab dem 6.August oder das „Sülzenfestival“ welches wieder im Februar nächsten Jahres zu erleben sein wird.

Mehr als nur einen Blick wert

Tatsächlich scheint Miskolc den Titel einer Festivalstadt zu recht zu tragen, denn irgendwo scheint immer etwas los zu sein. Bei einer Stadt dieser Größe ist das durchaus nicht selbstverständlich. Interessierten Besuchern sei daher ein Blick auf die Homepage des Touristikportals der Stadt empfohlen um mehr über das kulturelle Programm in Erfahrung zu bringen. Nicht zu vergessen ist auch der Umstand, dass die Gegend mit dem Bükk Gebirge für Naturfreunde eine wunderschöne Wandergegend bereit hält und daher auch ein Besuch des Umlandes von Miskolc (im Foto das malerische Lillafüred) eine empfehlenswerte Alternative darstellt.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass man sich auf jeden Fall selbst ein Bild dieser entlegenen Gegend Ungarns machen sollte, denn wie so oft werden Vorurteile und Ressentiments  durch persönliche Erfahrungen entkräftet. Die Chancen dass dies auch bei Miskolc der Fall ist und der Besuch der Stadt zu einem schönen und ereignisreichen Unterfangen gerät stehen gut. Einen Versuch ist es allemal wert.

Gregor Schemmel

www.operafesztival.hu
www.miskolc.hu
www.miskolctours.hu
 

Fotos: 1-5: Gregor Schemmel (c) Pester Lloyd, 6+7: Ung. Tourismusamt

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