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(c) Pester Lloyd / 23 - 2010  OSTEUROPA 11.06.2010

 

Hochwasser, Ungarnkarte, Pateiensumpf

Wahlen in der Slowakei: Trotz externer Wahlkampfhilfen bangt Fico um die Macht

Robert Fico, der sozialdemokratische Ministerpräsident der Slowakei, müsste eigentlich dem Hochwasser und Ungarn für unerwartete Wahlkampfunterstützung dankbar sein. Denn sowohl das Bild, das er als aktiver wie großzügiger Krisenmanager abgibt als auch die nationalistischen Scharmützel mit dem Nachbarn sollten ihm und seiner Partei, SMER-SD, in die Hände spielen. Dennoch bangt der oft lautstarke Premier um seine Wiederwahl. Die Ungarnkarte ist kontraproduktiv, Skandale ließen ihn in Umfragen regelrecht abschmieren.

Last-Minute-Skandal

Den letzten großen Skandal vor der Wahl am 12. Juni lieferte die Tageszeitung Sme, die in ihrer Internetausgabe vom 10. Juni ein Tonband veröffentlichte, das der Regierungspartei unlautere Parteienfinanzierung nachweisen soll. Angeblich soll SMER-SD vor den Wahlen 2002 bis zu 2,5 Mio EUR von ungenannten Gönnern über schwarze Kassen gewaschen haben, Fico soll maßgeblich an der Aktion beteiligt gewesen sein, so die Behauptung. Besonders engagiert bei der Aufklärung dieses Falles zeigt sich die christlich-konservative KDH, die in den Umfragen seit Monaten um die 8-9% liegt. Der KDH-Chef brachte den Fall höchstselbst vor den Generalstaatsanwalt. Premier Fico hat umgehend eine Verleumdungsklage eingebracht und bezeichnet das Band als "plumpe Fälschung". So geht das seit Monaten mit den gegenseitigen Vorwürfen der Bestechlichkeit und Unsauberkeit und es geht aus allen Richtungen in alle Richtungen.

Mehrheit der Koalition wackelt sichtbar

Dieser Last-Minute-Skandal ist nur die Spitze eines Eisberges von Affären, Rücktritten und selbstherrlichen Auftritten des Robert Fico, der nun um seine Wiederwahl bangen muss, denn weder das Hochwasser noch der kalte Stellvertreterkrieg mit den ungarischen Nachbarn und ihrer revisionistischen Grippe kann vermutlich so viele Wähler mobilisieren wie die wachsende Entrüstung in der Bevölkerung über die Spielchen ihrer Politikerkaste. Ficos Sozialdemokraten schafften es binnen fünf Monaten von über 40 auf unter 30% bei den Umfragen und liegt damit wieder fast bei den 29% von vor vier Jahren. Der nationalistische Koaltionspartner SNS hält sich mit rund 7% noch relativ stabil (Wahlen 2006: 11,7%), was aber nicht reichen wird. Immerhin ein Zeichen, dass man in der Slowakei mit Hasspredigten gegen Nachbarn und Roma nicht mehr gar soweit kommt wie in Ungarn. Die kleine "Demokratische Volkspartei" LS-HZDS, auch Teil der Koalition, bangt sogar um den Wiedereinzug ins Parlament.

Zum Shooting-Star und Königsmacher im neuen Parlament könnte eine kleine, erst 2009 gegründete rechts-liberale Partei namens "Solidarität und Freiheit" SaS werden, deren Gründer als Väter der Flat-Tax gelten. Das Programm liest sich europakritisch, wirtschaftspolitisch konservativ, aber durchaus liberal im Hinblick auf Toleranz und Bürgerrechte. In Umfragen steigerte sich SaS von 5% auf mittlerweile über 12%.

Wichtig für die Frage, ob es zu einem Regierungswechsel Richtung konservativ in der Slowakei kommt, ist auch das Ergebnis der, neben der KDH, größeren christlich-sozialen Partei, SDKU-DS, die in Umfragen bei rund 12-13% liegt und damit auch immer schwächer eingeschätzt wird. Ebenfalls von entscheidender Bedeutung wird sein, wieviele Parteien den Sprung ins Parlament überhaupt schaffen, bis zu acht wird es zugetraut, doch drei davon stehen auf der Kippe. Vor allem die Partei der Ungarischen Minderheit SMK-MKP bangt um die 5%-Hürde. Ihr hat nicht nur die aufgeheizte Stimmung zwischen beiden Ländern, der Trubel um die doppelte Staatsbürgerschaft, die Gegendrohung der Ausbürgerung von Antragstellern und die unsägliche Trianon-Debatte geschadet. Auch das sturköpfige Verhalten der Führung, das zur Abspaltung des liberaleren Flügels führte, brachte sie von fast 12% der Stimmen 2006 auf nur noch knapp über 5% in den letzten Umfragen. Die Neugründung Most-Híd (Brücke auf slow. und ung.), die viele Intellektuelle an Bord hat und um Ausgleich bemüht ist, kämpft ebenfalls gegen die 5%-Hürde, lag zuletzt aber bei rund 6,5%.

 

Die Wirtschaft der Slowakei hängt als verlängerte Werkbank der Autoindustrie, 60% der Exporte stammen von da, zwar unmittelbar an der schwankenden wie schwächelnden Konjunktur der großen Euroländer, immerhin aber profitiert sie jetzt auch von den modernen und effizienten Fabriken, relativ sicheren Standorten also. Der Staatshaushalt ist nicht völlig ausufernd verschuldet, auch wenn man in diesem Jahr teilweise höhere Defizite einfuhr als zunächst gedacht. Glück hatte das Land auch, da es durch die Euroeinführung 2008 von Währungsturbulenzen wie u.a. Ungarn verschont geblieben ist.

Da die Ungarnkarte nicht mehr so recht zieht, - da half auch nicht die Einweihung eines weiteren Trianon-Denkmals in Bratislava - versucht sich Fico nun an den Hochwasseropfern zu profilieren, eine Geschichte, die schon einmal Gerhard Schröder in Deutschland auf den letzten Metern eine Wahl rettete. Auf, für die Slowakei gigantische, 270 Mio EUR werden die Schäden, die die Fluten bisher anrichteten, geschätzt. Fico sagte schnelle Soforthilfen zu, die Parteien entnahmen sogar einige Millionen aus der Kasse für die staatliche Parteienfinanzierung und widmeten sie den Flutopfern um. Am stärksten betroffen waren die ohnehin sehr armen Regionen Prešov und Košice. In einigen Orten musste sogar das Wahllokal umgesiedelt werden, doch, so heißt es ermunternd, "die Wahl ist in keinem der 5.929 Wahlbezirke des Landes gefährdet." Ob das auch für die Regierung Fico gilt, ist nicht so sicher. Er wird viele Stimmen verlieren, dennoch die mit Abstand stärkste Partei stellen, einen neuen Koalitionspartner wird er also mindestens brauchen.

Mehr zu den Spannungen zwischen Ungarn und der Slowakei in der AUSSENPOLITIK
Mehr zu internen Verhältnissen in der Slowakei in
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