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(c) Pester Lloyd / 26 - 2010  GESELLSCHAFT 01.07.2010

 

Von Volksaufstand bis Jugoslawienkrieg

Ein Gedächtnis des “Ostblocks”: das Open Society Archive in Budapest

Das von George Soros finanzierte Open Society Archive in Budapest basiert auf den Sammlungen des Radio Free Europe, eines westlichen Propagandasenders aus Zeiten des Kalten Krieges, wurde aber bis in unseren heutigen Tage, z.B. den Bosnien-Krieg ausgeweitet. Was damals Dokumentation totalitären Unrechts, aber auch Werkzeug der Manipulation war, soll heute durch größtmögliche Offenheit Transparenz und Aufklärung schaffen. Dabei will man mehr sein als eine bloße Verwahranstalt für Papierberge.

„Wir sehen es als unsere Mission an, Dokumente zugänglich für jedermann zu machen. Wir versuchen, Restriktionen auf ein Minimum zu begrenzen.“ Im Gespräch mit Robert Parnica, dem leitenden Referenzarchivar des Open Society Archive, merkt man sofort, mit wie viel Idealismus er seinen Beruf wahrnimmt. Neben der Aufbereitung von Archivmaterial für die weitere Verwendung besteht seine Aufgabe v.a. darin, den Benutzern des Archivs bei ihrer Informationssuche mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Als „Schnittstelle“ zwischen Archiv und Benutzern liegt ihm natürlich die Offenheit der Institution besonders am Herzen. Seminare, Ausstellungen, ein Dokumentarfilmfestival und eine Online-Plattform für den Informationsaustausch sind nur einige wenige Beispiele für Projekte, mit denen die Macher des OSA antiquierte Vorstellungen von der Arbeit des Archivars modernisieren will.

Umfangreiches Material zum Leben im Kommunismus und zu Menschenrechten

Gegründet wurde das Open Society Archive 1995 von Geschichtsprofessor István Rév als zentrales Archiv für die zahlreichen Unterlagen des amerikanischen Propagandasenders Radio Free Europe/Radio Liberty. Der Sender hatte zu Zeiten des Eisernen Vorhangs umfangreiches Material (Zeitungsausschnitte, Analysen, Interviews mit Flüchtlingen, oppositionelle Schriften) zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen im Ostblock gesammelt und die Bewohner der Blockstaaten mit unzensierten Informationen versorgt. Nach dem Fall des Kommunismus setzte sich Rév mit seiner Idee durch, sämtliche Unterlagen an einem Ort zu vereinen, um so die freie und einfache Zugänglichkeit des Materials zu gewährleisten.

In den letzten Jahren hat sich das Archiv zudem vermehrt dem Thema Menschenrechte angenommen. Insbesondere zu den Menschenrechtsverletzungen im Laufe des Bosnienkriegs bietet die Sammlung des Archivs umfangreiches Text-, Bild- und Videomaterial.

Je mehr Dokumente frei verfügbar sind, umso besser

In Bezug auf die Offenheit des OSA betont Archivar Parnica, wie einfach es sei, Zugang zu den Materialien zu erhalten: „Buchstäblich jeder Passant auf der Straße kann einfach hereinkommen und sich registrieren.“ Die Anmeldung dauere nicht länger als 5 Minuten und man könne danach sofort mit der Recherche beginnen. Zudem sehen sich die Archivare als Vorreiter in der Nutzung digitaler Technologie für die Bereitstellung von Archivmaterial. Ihr Credo: je mehr Dokumente frei online verfügbar sind, umso besser. Besonders erwähnenswert ist hierbei das vom OSA initiierte Internetportal „Parallel Archives“, auf dem Forscher selbst digitalisiertes Archivmaterial für andere zugänglich machen können.

Die Idee, benutztes Archivmaterial zu digitalisieren und offen mit anderen zu teilen, erscheint umso wichtiger, wenn man sich die Praxis vieler anderer Archive ansieht. Parnica beklagt, dass insbesondere russische Archive heute viel restriktiver mit ihrem Material umgehen als noch in den frühen 90ern. „Wenn Sie vor zehn, fünfzehn Jahren bestimmte Dokumente angefordert haben, haben Sie sie auch bekommen. Heute ist es nicht mehr so sicher, ob Sie dieselben Unterlagen erneut bekommen würden.“

Angestaubte Vorstellungen von Archivarbeit modernisieren

Das Open Society Archive hält einen Paradigmenwechsel im Berufsverständnis der Archivare für überfällig. „Es gibt diese traditionelle Vorstellung,“ kritisiert Parnica, „dass Archive die ,Hüter‘ ihrer Dokumente sind und sie wie etwas Sakrales beschützen müssen.“ Dabei verstünden sie aber nicht, dass der Schutz kein Selbstzweck sei, sondern sie die Dokumente v.a. für die Forschung bereithalten und für die Öffentlichkeit aufbereiten müssen.

In diesem Sinne beteiligt sich das Open Society Archive an einer Vielzahl an Projekten. „Viele Leute denken, dass Archive bloß aus einer Menge Staub und Papier bestehen,“ meint Parnica. Das OSA aber sei anders in diesem Punkt, es sei sehr jung und modern und biete dem Besucher viel Interessantes. So etwa finden in der Empfangshalle des Archivs regelmäßig kostenlose Ausstellungen statt. Daneben organisieren die Archivare Seminare und veranstalten jährlich im November das Dokumentarfilmfestival „Verzio“, welches interessante Filme aus aller Welt präsentiert (in diesem Jahr: 02.-07.11.2010). Auch auf der Internetseite des Archivs (www.osaarchivum.org) gibt es informativ aufbereitetes Archivmaterial, etwa zum Ungarnaufstand 1956, zu entdecken.

Unabhängig, aber politisch engagiert

Auf die Frage hin, ob das Archiv bestimmte politische Vorgaben von ihrem Financier, der George Soros Foundation, bekommt, betont Parnica nachdrücklich die Ungebundenheit des Instituts. „Das Geld mag zwar von einer einzelnen Quelle kommen, aber politisch sind wir vollkommen unabhängig und unterwerfen uns keinerlei äußeren Einflüssen.“ Im Falle des Open Society Archive bedeutet „unabhängig“ aber nicht „unpolitisch“. Ganz im Gegenteil hat das Archiv klare Standpunkte zu bestimmten Themen und sieht seine Prioritäten eindeutig in der Unterstützung progressiver, liberaler und menschenrechtsfördernder Projekte. „Wir versuchen, in unserer Arbeit althergebrachte Wahrnehmungen und Konzepte ein wenig durchzurütteln.“

Bei aller Offenheit und Progressivität erkennt Parnica aber auch gewisse Grenzen für die Informationsfreiheit. Gerade im privaten Bereich sollten Archivare Vorsicht walten lassen. Er erinnert sich noch an die ersten Jahre nach der Wende, in denen einige Archive ihre Daten uneingeschränkt freigaben und somit einige Menschen ungehemmt kompromittierendes Material über unliebsame Mitmenschen sammeln konnten, um sie damit zu erpressen. Daher kann Parnica verstehen, dass viele Archive bestimmte Daten nur noch an die Betroffenen selbst und deren engste Verwandte weitergeben, um Missbrauch zu verhindern. Das Open Society Archive versucht dem Problem zu begegnen, indem sie etwa Interviewprotokolle nur anonymisiert herausgibt und bei der Anmeldung eine Selbstverpflichtung fordert, dass der Benutzer die Dokumente nicht für niedere Ziele missbraucht. Dabei versuchen die Archivare allerdings immer, die Informationsfreiheit so wenig wie möglich einzuschränken.

In jedem Fall scheint man sich im Open Society Archive über die Möglichkeiten und Fallstricke der eigenen Arbeit bewusst zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass noch viel mehr Archive sich an der Arbeit des OSA ein Beispiel nehmen und sich stärker für den offenen Informationsaustausch einsetzen.

Christian Pasche

Open Society Archives, Arany János utca 32, 1051 Budapest
Öffnungszeiten Ausstellungsbereich: Dienstag – Sonntag, 10-18 Uhr
Öffnungszeiten Lesesaal: Montag – Freitag, 10-17.45 Uhr (Betriebsferien 26.07.-29.08.)
www.osaarchivum.org

Fotos: OSA, Pester Lloyd (c)
 

 

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