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(c) Pester Lloyd / 27 - 2010  FEUILLETON 06.07.2010

 

Kesseltreiben in Budapest

Gustav Mahler in Ungarn - zu seinem 150. Geburtstag

Am 7. Juli begeht die Musikwelt den 150. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler, am 18. Mai 2011 gedenkt man außerdem seines 100. Todestages. Dieses Doppeljubiläum wird nicht nur in Österreich, wo der aus Böhmen stammende Komponist den größten Teil seines Lebens verbrachte, begangen, sondern auch in Ungarn, schließlich leitete Mahler fast drei Jahre lang (1888-91) die Königliche Oper in Budapest, eine titanische Kraftanstrengung, auch seine 1. Sinfonie wurde in der ungarischen Hauptstadt uraufgeführt, wenn auch mit eher niederschmetterndem Erfolg. Das Opernorchester, gleichzeitig die Budapester Philharmonische Gesellschaft widmet ihrem ehemaligen Chefkapellmeister drei Konzerte, am 5. September sowie am 24. und 25. Januar.

Über seine Zeit in Ungarn wird in den meisten Biografien mit ein paar Sätzen hinweggegangen, dabei hat Mahler hier viel erlebt, im Zeitraffer ereilte ihn hier bereits sein späteres Schicksal: viel anstregende Theater- und Orchesterarbeit, Kampf um Anerkennung seiner Kompositionskunst und pirvate Einsamkeit:

Schon der achtzehnjährige Gustav Mahler verbrachte in Ungarn, auf der Puszta Batta, und verzeichnet (17. Juni 1879) in einem Schreiben an einen Jugendfreund seine Eindrücke folgendermaßen: „…Nun lebe ich hier auf einer ungarischen Puszta, bei einer Familie, die mich für den Sommer gemietet hat (der Organist und Orgelbauer Moritz Baumgarten, Anm.); ich habe den Knaben Klavierunterricht zu erteilen, und hie und da die Familie in musikalische Begeisterung zu versetzen. Da sitze ich nun wie eine Mücke im Spinnennetz und zapple. Der mohr tut seine Schuldigkeit. Doch herrlich, wenn ich abends hinausgehe auf die Haide und einen Lindenbaum, der dort einsam steht, ersteige, und ich sehe vom Wipfel weit hinaus in die Welt; vor meinen Augen zieht die Donau ihren altgewohnten Gang, und in ihren Wellen flackert die Glut der untergehenden Sonne; hinter mir im Dorfe klingen die Abendglocken, die ein freundlicher Lufthauch zu mir trägt, und die Zweige des Baumes schaukeln im Winde, wiegen mich ein, wie die Töchter des Erlkönigs, und die Blätter und Blüten meines Lieblings schmiegen sich dann zärtlich an meine Wangen. Ueberall Ruhe! Heiligste Ruhe! Da ziehen die blassen Gestalten meines Lebens wie Schatten längst vergangenen Glücks an mir vorübe, und in meinen Ohren erklingt das Lied der Sehnsucht wieder…“

Die Oper Budapest stand bei Mahlers Ankunft kurz vor dem Ruin

Zehn Jahre später kam der 28jährige Gustav Mahler, im Oktober 1888, aus Leipzig nach Budapest. In der deutschen Messestadt mit dem berühmten Gewandhausorchester hatte er mit dem in Ungarn geborenen Artúr Nikisch sowohl einen Lehrer, aber auch einen Rivalen. Das Budapester Opernhaus hingegen bot ihm eine exponierte Stelle als künstlerischer Direktor und Chefkapellmeister, die für den jungen und arbeitswütigen Mahler wie geschaffen schien. Doch er sollte sich irren. Die Königliche Ungarische Oper hatte gerade die ersten fünf Jahre ihrer Existenz mehr schlecht als recht hinter sich gebracht. Sie steckte in finanziellem Chaos, war beherrscht von Inkompetenz und Postenschacher und es fehlte nicht mehr viel, dass den bürgerlichen wie höfischen Geldgebern der Kragen geplatzt wäre. Kurz, Starkult und Misswirtschaft machten aus dem prachtvollen Musentempel am Andrássy Boulveard ein vor dem Ruin stehendes Haus.

Viele der eingesessenen Hoftheaterschranzen und lokalen Musikgrößen fanden es dennoch ziemlich unerhört, dass man einem so jungen Mann, noch dazu einem „Ausländer” aus der verhassten k.u.k.-Hauptstadt nicht nur den Posten des Musikdirektors antrug, sondern ihm auch noch sämtliche Freiheiten bei künstlerischen Entscheidungen überliess. Man vermutete den einflussreichen, ehemaligen k+k-Außenminsiter Graf Julius Andrássy als Strippenzieher. Immerhin empfand man sich in Budapest im ausgehenden 19. Jahrhundert als Wien zumindest ebenbürtig, die nationale Emanzipationswelle, einhergehend mit einer durch Zuwanderung und Politik beförderten Magyarisierung des öffentlichen Lebens, erreichte einen ersten Höhepunkt in der eigentlich zweisprachigen Stadt.

Mahler trieb den "Stars" ihre Allüren aus

Mahler begann seine neue Aufgabe mit grossem Enthusiasmus und einem unmissverständlichen Aushang am Künstlereingang: „Lassen Sie uns unsere Herzen und Seelen unserem stolzen Ziele widmen! ... Erwarten Sie keine Bevorzugungen von mir. Wenn ich mir heute etwas vorgenommen habe, dann nur, ein Beispiel zu sein in Eifer und Ergebenheit zur Arbeit. So lassen Sie uns beginnen unsere Aufgabe zu erfüllen. Der Erfolg wird sicher unsere Anstrengungen krönen!”

Und Mahler begann radikal aufzuräumen. Wer von den "Stars" dachte, hier kommt nur ein junger, unerfahrener Dirigent, sollte sich schwer täuschen. Mahler sorgte durch ein strenges Probenregime, eine echte Novität in Budapest, nicht nur für Pünktlichkeit und beginnende Konstanz wie Ernsthaftigkeit in der Erarbeitung der jeweiligen Werke. Er musste den aus allen Ecken Europas anreisenden Sängern überhaupt erst einmal klarmachen, daß eine Vorstellung auch in einer Sprache stattzufinden hat. Die Allüren der Stars gingen nämlich damals soweit, daß eine Vorstellung z.B. auf Italienisch begann, und dann je nach Herkunft oder Präferenz des nächsten Auftretenden in Ungarisch, Französisch oder Deutsch weitergeführt wurde, was jeden dramaturgischen Ansatz und musikdramatische Ernsthaftigkeit einer Inszenierung ins Absurde führen musste. Dieses Starsystem schaffte Mahler, ab, daher blieb er aber bald auch mit einem drittklassigen Kader alleine, was die Suche nach neuen Stimmen nötig machte. Die Sänger beschwerten sich, in uns überlieferten Briefen, dutzendweise über Honorarkürzungen Mahlers wegen Probenabstinenz oder "unmöglichen, unzumutbaren" Rollenzuteilungen.

Erste Sinfonie wurde ausgelacht

Mahlers eigentlich künstlerisch motivierter Einsatz für die ungarische Sprache an der Oper wurde sogleich überschwenglich-national ausgeschlachtet, und der junge Kapellmeister fand sich ganz ungewollt als Held derjenigen Schichten wieder, die sich die Magyarisierung der Künste wie der Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben hatten. Mahler wollte aber nicht nationalisieren, sondern popularisieren, im besten Sinne des Wortes die Oper dem Volk zugänglich machen. Von dem Drumherum unbeeindruckt, trug Mahlers Arbeitseifer und auch der seiner mittlerweile enthusiasmierten Mitarbeiter in kürzester Zeit reife Früchte.

Auch wenn aus Mahlers Briefen sein ungeduldiges Sehnen nach einem baldigen Engagement in Wien („Was würde ich dafür geben, eine einzige deutsch gesungene Note zu hören...”) sprach und er sich manchesmal über die zermürbende Probenarbeit, wie auch die persönlichen Grabenkämpfe seiner Protagonisten an der Oper beklagte: sein Budapester Don Giovanni wurde vom alten Brahms besucht und als mustergültig betitelt, die ersten zwei Abende von Wagners Ring des Nibelungen (in ungarischer Sprache und der erste Ring ausserhalb Deutschlands) erlebten unter Mahler sensationelle Erfolge und die Cavalleria rusticana trat gar von Budapest aus ihren Siegeszug durch Europa an. Wichtig für Mahlers Karriere war sein Aufenthalt in Ungarn auch insofern, da hier seine Erste Symphonie uraufgeführt wurde und die 10.000 Gulden Jahreshonorar werden ihm auch nicht so schlecht bekommen sein, schließlich hatte er eine Familie zu versorgen und führte einen nicht unaufwendigen Lebensstil.

Julian Weisz, Feuilletonchef des Pester Lloyd erinnert sich 1924 an ein: „…Bankett, das mir unvergeßlich bleibt, weil ich damals zum ersten Male den neuen Direktor der königlichen Oper Gustav Mahler sah und Gelegenheit hatte – ich war sein Tischnachbar – mit ihm lange Zeit zu sprechen. Dieser junge Mann mit den glühenden schwarzen Augen schüttete mir damals geradezu sein Herz aus. Er schilderte sein einsames Leben in Budapest, wies auf die zahlreichen Feinde hin, die den soeben Angekommenen womöglich sofort wieder über die Grenze spedieren wollten, und erklärte, daß ihm in seinem zweifellos bevorstehenden schweren Kampf nur seine Liebe zur Musik und das Vertrauen auf zwei kunstsinnige Gönner stärke, die ihm bisher zur Seite standen und, wie er hoffe, auch in Zukunft ihre Hilfe nicht versagen würden. Diese Protektoren waren Graf Albert Apponyi und Edmund v. Mihalovich. Trotzdem diese beiden Männer, die Genialitat Mahlers erkennend, ihm eine treue Freudschaft bewahrten, konnten sie nicht verhindern, daß gegen den „deutschen“ Direktor der Oper ein Kesseltreiben eröffnet und schließlich dieser Meisterdirigent und Tondichter auf kurzem Wege entlassen wurde!

… die Briefe Mahlers aus der ungarischen Hauptstadt klagen nicht nur über Einsamkeit und Verlassenheit – den Weihnachtsabend muß er allein, in einem armseligen Hotelzimmer verbringen -, sondern sie verraten auch die große Armut des Tondichters. (…) Er macht Schulden, nimmt Vorschüsse, nur um die Not seiner Lieben lindern zu können. Während er aber mit solchen Sorgen ringt und ununterbrochen – man darf sagen Tag und Nacht – Proben leitet oder Opernvorstellungen dirigiert, bleibt ihm nur der Sonntag übrig, um zu komponieren. Er vollendet seine erste Sinfonie, sein Herz und seine Seele förmlich vertonend; und wenn er seinem Freunde Dr. Löhr schreibt: „Sie ist fertig – ich aber auch“, kann man dem Meister nachfühlen, was er geleistet und wie er trotz alledem und alledem Wiederstände besiegt hat. Und dann kam der Abend, an dem Mahler dem Budapester Publikum sein Werk darbot. Man verstand ihn nicht. Das Schicksal aller Großen ward ihm zuteil. Ein paar Kenner würdigten ihn, die Masse dagegen überschüttete ihn mit Spott und Hohn. Der beste Freund Mahlers, Dr. Löhr, hebt in einem Nachwort hervor, daß ein Kritiker in Budapest (er ist tot und deshalb sei sein Name vergessen) „eine vernichtende Kritik schrieb, deren abstoßend häßliche Selbstsicherheit in gleicher Weise wie die Größe des Fehlgriffs solchen Urteils den Skribenten richtet“. (…)

Obwohl Mahler wenig Dank in Ungarn erntete, spricht er stets mit Sympathie von Budapest. Vielleicht sind heute einige Worte, die er an die Mitglieder der Könglichen Oper richtete, als er in den eingangs erwahnten Tagen an die Spitze der Oper trat, „aktuell“ zu nennen. Vielleicht darf man hoffen, daß diesen Worten jetzt Beachtung und Würdigung zuteil werden wird. „Es muß jeden von uns mit Stolz erfüllen einem Institut anzugehören, das den Mittelpunkt aller künstlerischen Bestrebungen Ungarns und zugleich den Stolz der Nation bildet – bilden sollte. Geloben wir uns zu, mit ganzer Seele und voller Hingebung uns der stolzen Aufgabe zu weihen, die uns zufällt. Strenge Pflichterfüllung des Einzelnen und volles Aufgehen und Hingabe an das Ganze; dies sei der Wahlspruch, den wir auf unsere Fahne schreiben…“ Als Mahler noch unter uns wandelte, wollte man auf die Worte des Meisters nicht hören. Wird man nun endlich seine Stimme achten und ehren, da sie aus dem Grabe ertönt?“

1891 ging Mahler nach Wien, wo er sowohl als Hofoperndirektor wie auch (teilweise) als Komponist seine Anerkennung fand. In Budapest folgte ihm sein Lehrer Artúr Nikisch nach, der es dort aber auch nicht länger aushielt als zuvor sein Schüler Gustav.

M.S.

 

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