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(c) Pester Lloyd / 28 - 2010  GESELLSCHAFT 12.07.2010

 

Marschieren im Hamsterkäfig

Lesben und Schwule demonstrierten isoliert in Budapest

Am letzten Samstag fand zum 15. Mal die alljährliche „Budapest Pride“ statt, die Parade der schwul-lesbischen Gemeinde in Ungarn für mehr Toleranz und Menschenrechte. Wie auch im Vorjahr konnte die Parade nur unter intensivem Polizeischutz stattfinden, die Teilnehmerzahl schrumpfte erneut, Ausländer stellten die Merheit und damit auch die Frage, nach dem Sinn solchen Aktionismus´.

Die Vorankündigung auf der offiziellen Internetseite der Budapest Pride ließ einen bereits stutzig werden: Anstatt wie in den Jahren zuvor vom Heldenplatz bis zum Deák Ferenc tér im Zentrum der Stadt zu marschieren, sollte die Pride-Parade, alljährlicher Höhepunkt der schwul-lesbischen Festivalwoche, in diesem Jahr lediglich bis zum Oktogon und dann wieder zurück zum Heldenplatz führen. Offizielle Begründung für die Streckenänderung war, dass die Polizei aufgrund der Hochwasserlage in Teilen Ungarns nicht genügend Metallabsperrungen zur Verfügung standen, um die ursprünglich 3 km lange Strecke abzusichern.

Impressionen von der “Budapest Pride”-Parade, Fotos: Melinda Széll (c) Pester Lloyd

Um 15 Uhr fanden sich am Samstag dann an die 1.000 Demonstranten am Heldenplatz ein, zahlenmäßig der Tiefststand der letzten Jahre. Nach einer kurzen Eröffnungskundgebung der Veranstalter setzte sich die Menge dann gegen 16 Uhr in Bewegung. Mit Regenbogenfahnen, Transparenten und lauter Diskomusik zogen sie den Andrássy-Boulevard hinunter und warben für mehr Toleranz gegenüber der LGBT-Gemeinde (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender), während Einsatzpolizisten die Nebenstraßen wie im Vorjahr zu beiden Seiten hermetisch abriegelten. Dies trug zwar zur Sicherheit der Teilnehmer bei, allerdings wurde man auch das Gefühl nicht los, wie in einem Hamsterkäfig eingesperrt planlos hin und her zu laufen, während der Rest der Gesellschaft wenig Notiz von der an sie adressierten Demonstration nahm.

Weitere Verkürzung der Marschstrecke wegen rechter Gegendemonstranten

Während es in den Jahren zuvor zu teils schweren Ausschreitungen gekommen war, verlief der Marsch dieses Mal verhältnismäßig friedlich. Am Oktogon hatten sich zwar ca. 100 Gegendemonstranten versammelt (unter ihnen auch aktenkundige Neonazis und andere Kriminelle), um Beleidigungen und rechte Parolen zu skandieren, allerdings blieb es bei verbalen Attacken. Um dennoch einen direkten Zusammenstoß der beiden Gruppen zu vermeiden, wurde die Laufstrecke nochmals kurzfristig verkürzt und die Marschierenden bereits an der Csengery utca von den Organisatoren in Absprache mit der Polizei zum Umkehren angeleitet. Gegen Ende des Marsches wartete dieselbe Gruppe Gegendemonstranten dann am Heldenplatz auf die Marschteilnehmer, konnte allerdings von der Polizei unter Kontrolle gehalten werden. Über mehrere speziell eingesetzte U-Bahnen wurden die Marschteilnehmer sicher zum Deák tér „abtransportiert“.

Abgesehen vom friedlichen Ablauf war der Pride-Marsch doch eher enttäuschend. Wieder einmal protestierten die Schwulen und Lesben quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eingezäunt und abgesondert vom Rest der Stadt. Um auch ja nicht den Verkehrsfluss zu sehr zu stören und somit der Mehrheitsgesellschaft Unannehmlichkeiten zu verursachen, schien auch die drastische Verkürzung der Marschstrecke nur folgerichtig.

Die Randale der letzten Jahre und das Desinteresse in Ungarn ließ die Teilnehmerzahl gegenüber den Vorjahren deutlich schrumpfen, zudem machten ausländische Teilnehmer einen beachtlichen Prozentsatz aus, was den Repräsentationsanspruch gerade in den Augen der ungarischen Bevölkerung fragwürdig erscheinen lassen dürfte. Zum anderen war nur wenig ungarische Politprominenz vor Ort. Wie im letzten Jahr war auch diesmal Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány (Foto) mit von der Partie, während die Partei LMP von Gábor Scheiring vertreten wurde. Davon abgesehen hatte es aber keine der politischen Parteien für nötig gehalten, Vertreter zur Pride zu schicken.

Christian Pasche

Melinda Széll

Mehr zum Thema beim Pester Lloyd:

05.09.09: Hinter Gittern – Die Gay Pride Parade 2009
http://www.pesterlloyd.net/2009_36/0936demo/0936demo.html

07.07.08: Homosexuelle im Eierhagel – Die Gay Pride Parade 2008
http://www.pesterlloyd.net/2008_28/0828gaypridebudapest1/0828gaypridebudapest1.html

22.05.10: Seifenblasen gegen Homophobie – Schwul-lesbischer Aktivismus im Vorfeld der Gay Pride Parade http://www.pesterlloyd.net/2010_20/20seifenblasen/20seifenblasen.html

03.03.09: Jenseits von Gloria Gaynor – Emanzipation von Schwulen und Lesben in Ungarn http://www.pesterlloyd.net/2009_10/0910schwullesb/0910schwullesb.html

 
 

 

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