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(c) Pester Lloyd / 28 - 2010 BUDAPEST 16.07.2010
Über den Dächern der Stadt
Der Adlerberg in Budapest - Besuch einer wirklichen Naturoase
Eines der ältesten Naturschutzgebiete Ungarns, malerische Wiesen mit über 50 geschützten Wildblumen und Pflanzen, bizarr geformtes Dolomitgestein und ein
Rückzugsgebiet der bis zu 2 Meter langen Kaspischen Springnatter. Das alles findet sich nicht etwa in einem abseits gelegenen Nationalpark am Rande Ungarns,
sondern tatsächlich mitten in Budapest auf dem „Sas-hegy“ über den Dächern der Stadt.
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Dass Ungarns Hauptstadt eine schöne und grüne Umgebung hat, ist hinlänglich bekannt.
Die vielen Parkanlagen, wie z.B. das weitläufige Grün der Margareteninsel, werden gerne als Musterexemplare grüner Oasen inmitten der Großstadt aufgezählt. Beliebte
und teuerste Wohngegenden sind die Budaer Berge, vom Rosenhügel bis zum Schwabenberg, die, wenn auch völlig verbaut, doch Grün, bessere Luft und traumhafte
Panoramen bieten. Wenn es jedoch einen Ort in Budapest gibt, der wirklich als Naturoase bezeichnet werden kann, so ist das der von weitem unscheinbare Adlerberg
im XI. Bezirk, unweit des Gellértbergs. Das umzäunte Naturschutzgebiet auf der Bergspitze gehört heute zum Donau Ipoly Nationalpark und bietet neugierigen
Besuchern seit Jahren Führungen an, welche einen ganz neuen Blick auf die Stadt und die Natur der Budaer Berge ermöglichen.
Keine Adler, sondern ein Übersetzungsfehler,- aber ursprüngliche Vegetation
Zsuzsa studiert Umweltschutz und führt Besucher durch den Naturlehrpfad, welcher das
massive Dolomitgestein des Adlerbergs umrundet. Den gleichnamigen majestätischen Vogel hat es hier jedoch nie gegeben, berichtet sie. Die vom damaligen
deutschsprachigen Bürgertum Budas stets als Adelsberg bezeichnete Erhebung, wurde 1847 vermutlich fälschlicherweise als Adlerberg (Sas-hegy) zurückübersetzt.
Das seit dem Mittelalter als Weinberg genutzte und seit 1958 unter Naturschutz
stehende Areal sei früher fast komplett von Fliedersträuchern und Schwarzkiefern überwuchert gewesen. Erst nach Beseitigung dieser, durch Menschenhand eingeführten
Pflanzen, haben sich die Wildblumen den Berg zurückerobert. Das geschah bereits vor Jahren, doch auch heute gilt es die Hänge des Bergs regelmäßig von Unkraut zu
befreien, um der ursprüngliche Vegetation der Budaer Berge einen letzten Rückzugsraum zu bieten.
Ein wahres Blumenparadies: Kennen Sie die István-király-Nelke?
Der Lohn für diese Mühen wird dem Besucher in der folgenden halben Stunde deutlich.
Ein beeindruckender Reichtum an seltenen Pflanzen und Tieren hat hier oben, umgeben von einem Meer aus Beton, eine Zuflucht gefunden. Vor allem die 55 geschützten
Blumen und Pflanzenarten ziehen Wissenschaftler, Studenten und Hobby Botaniker von weit her an. Immer wieder bleibt Zsuzsa stehen und deutet auf eines der teilweise
exotisch anmutenden Gewächse am Wegesrand. Neben Seltenheiten wie der Königs-Stephans-Nelke, der strengstens geschützten Meerträubel oder der
Donau-Mehlbeere, finden sich auch eine Reihe von Reliktpflanzen aus der letzten Eiszeit, wie z.B. das Pannonische Blaugras, welches in dem speziellen Mikroklima des
Dolomitfelsens überleben konnte. Viele dieser Pflanzen lassen sich zwar auch noch in anderen Gegenden vereinzelt finden, jedoch ist die hier anzutreffende Menge und
Konzentration verschiedener Arten in Ungarn vermutlich einzigartig.
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Fehlende Fördergelder verhindern bessere Wanderrouten
Dieser Umstand macht einen Besuch des Adlerbergs besonders für Pflanzenliebhaber zu
einem besonderen Ereignis. Doch auch ohne besonderes botanisches Interesse bekommt man beim spazieren auf den schmalen Pfaden einen ganz neuen Blick auf die Stadt und
erfährt viel über die ursprüngliche hiesige Natur, welche vor allem durch die Bebauung der Hügel um Budapest in den vergangenen Jahrhunderten immer weiter
zurückgedrängt wurde. Es ist daher vor allem der Gegensatz von Naturidyll und Großstadtlärm, welcher den besonderen Reiz des Areals ausmacht. Der ganze Berg ist
von Häusern und Straßen umschlossen, wobei die Spitze selbst den Eindruck einer eigenen, zwar kleinen aber ursprünglichen Welt zu vermitteln weiß.
Diese kann der Besucher zur Zeit jedoch nicht vollständig erforschen, denn leider lässt
der aktuell zu besichtigende Naturlehrpfad mit seinen 850 Metern Länge nur einen kleinen Teil der Schönheit des Sas-hegy erkennen. Das war nicht immer so. Bis in die
70er Jahre existierten insgesamt drei Routen durch das Areal und ließen Besucher auch die tiefer gelegenen Regionen des Adlerbergs, sowie eine zweite Bergspitze erforschen.
Zumindest einen der Wege würde man laut Zsuzsa gerne wieder in Betrieb nehmen. Aktuell scheitert dieses Vorhaben jedoch an fehlenden Fördergeldern.
Imposante Aussicht
Nach Umrundung der Bergspitze geht es noch ein Stückchen höher zur
Aussichtsplattform, welche abseits der bekannten Ausblicke von der Fischerbastei oder der Zitadelle auf dem Gellertberg, ein mindestens ebenso beeindruckendes Panorama
zu bieten hat. Immerhin überragt der 266 Meter hohe Adlerberg seinen weit bekannteren Nachbarn sogar um 31 Meter.
Ganz spurlos sind die vergangenen
Jahre dann aber doch nicht an dem Berg vorbei gegangen. So finden sich hin und wieder Überreste einer alten Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg, welche damals
hauptsächlich von Nonnen genutzt wurde. Auch Metallsplitter sollen sich ab und zu auf dem Gelände finden lassen, da der Berg während der Kämpfe um Budapest genau in der
Hauptangriffsachse lag. Ansonsten besteht die einzige Bebauung in einem kleinen Besucherzentrum, in dem eine Ausstellung zur Flora und Fauna des Bergs untergebracht ist.
Besucher sind stets willkommen
Der Besuch auf dem Sas-hegy kann Naturliebhabern klar empfohlen werden. Einen
solchen Artenreichtum hätte man mitten in Budapest nicht erwartet und auch die imposanten Felsformationen sind erst vor Ort zu erkennen. Das Gefühl der Großstadt
entkommen zu sein und sich gleichzeitig noch mitten in Budapest zu befinden, macht den Charme dieser kleinen Naturoase aus. Der Eintritt für die Ausstellung, den
Naturlehrpfad und den Aussichtspunkt beträgt 700 Ft (Schüler, Studenten und Rentner 400 Ft) und beinhaltet eine Führung durch die Pflanzen- und Tierwelt des Bergs. Das
Areal ist jedes Jahr vom 27.Februar bis zum 31.Oktober jeweils Dienstags, Samstags und Sonntags von 10 bis 18 Uhr zugänglich. Für Gruppen von mindestens 15 Personen
sind Führungen nach vorheriger Absprache auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Wer die Führung in einer anderen Sprache als Englisch oder Ungarisch wünscht, sollte
sich ebenfalls vorher telefonisch im Besucherzentrum melden. Wer sich vorab ein Bild von dem Gelände machen will, kann dem Adlerberg hier einen virtuellen Besuch abstatten: http://sas-hegy.virtualtour.hu/Virtualtour.hu_Sas-hegy.html
Gregor Schemmel
www.sas-hegy.hu
Sas Hegyi Látogatóközpont Budapest, XI. Bezirk Tájék u. 26 Intormation Tel.: 0036/30-408-4370
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