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(c) Pester Lloyd / 29 - 2010 BUDAPEST 19.07.2010
Refugium der Königin
Maßvoller Sisi-Kult und viel Programm im Schloss Gödöllő bei Budapest
Das einstige ungarische Refugium der Königin Elisabeth, genannt Sisi, kann als Beispielobjekt touristischer Erschließung gelten. Trotz knapper Ressourcen
weitgehend vorbildlich saniert, zieht es jährlich 200.000 Besucher in die Peripherie Budapests. "Sisi" wird hier nicht nur als Marke gehandelt, schließlich
war sie hier lieber als in der Hofburg zu Wien oder in Schönbrunn. Man bietet neben dem Museum, Konzerte, Theater, Kinderprogramme und vieles mehr.
Vom stolzen Barockschloss zur heruntergekommenen Sowjet-Kaserne
Errichtet in der Blüte des Rokkoko
zwischen 1735 und 1745 von Graf Antal Grassalkovich I., wurde das Landschloss und die dazugehörige Parkanlage von den folgenden Generationen mehrmals erweitert und umgestaltet. Nach
Aussterben der männlichen Grassalkovich-Linie wechselte das Schloss häufiger den Besitzer und wurde schließlich 1867 zum Anlass des
österreichisch-ungarischen Ausgleichs (den man ruhig auch als erneute Unterwerfung der Stände unter die Habsburger mit gleichzeitigem Freibrief zum weiteren
Ausplündern des eigenen Landes bezeichnen darf) vom ungarischen Staat gekauft und dem frisch gekrönten Königspaar zum Geschenk gemacht.
Gödöllő entwickelte sich zu Königin Elisabeths Lieblingsschloss, in dem sie weit weg vom strengen
Wiener Hofprotokoll viel Zeit verbrachte. Hier traf sie häufig Graf Julius Andrássy, später erster gemeinsamer k+k-Außenminister, ungarischer Ministerpräsident und einer der Vermittler der
ungarischen Seite bei den Ausgleichsverhandlungen. Die Beziehung der beiden war so vertraut, dass der Hofklatsch bald eine Affäre daraus zimmerte, nun,
nichts genaues weiß man nicht. Hier verkehrte auch Sisi Ungarischlehrer aus Wiener Zeiten, Max Falk, einst Chefredakteur dieser Zeitung, und überbrachte ihr in
Österreich verbotene Literatur und sogar Briefe steckbrieflich gesuchter intellektueller Aufrührer. So wurde da Schloss für die Ungarn zu einem Ort der
Konspiration mit "ihrer" Königin gegen die österreichischen Fremdherrscher, also einem Ort der fabelhaften Legendenbildung.
1 Das Königliche Schloss von der Parkseite, 2 Sisi-Denkmal im Park, 3 Barocktheater mit
originalgetreuer Bühnentechnik aus dem 18. Jh.
Nachdem das Schloss in der Zwischenkriegszeit von Reichsverweser Horthy noch zu
Repräsentationszwecken genutzt wurde, diente es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich als sowjetische Kaserne und Altenheim, womit der Verfall programmiert war. Nachdem 1990 der
letzte Soldat aus- und auch das Altenheim umgezogen war, nahm sich die gemeinnützige Stiftung „Königliches Schloss Gödöllő“ unter Federführung des Ministeriums für das Nationale
Kulturerbe und der Stadt Gödöllo der Instandsetzung des stark baufälligen Objekts an.
1996 konnte dann der restaurierte Mittelteil der
Öffentlichkeit vorgestellt werden, seit 2001 sind die 27 Ausstellungsräume des Schlossmuseums zu besichtigen. Es folgte das barocke Theater, einige Seitenflügel, ein Teil der Orangerie
und der Park. Die Mittel zur Renovation jedes einzelnen Steins mussten hart erkämpft werden, aus staatlichen, städtichen, kommunalen und privaten Quellen, später kamen
auch EU-Zuschüsse hinzu. Damit sind die Restaurierungsarbeiten aber keineswegs abgeschlossen. So etwa warten einige äußere Flügel des Schlosses, die Stallanlagen noch auf ihre Wiederbelebung.
Die liebevoll wiederhergestellten Arbeits- und Wohnräume der Königin
Das Museum bedient den Sisi-Kult, ruht sich jedoch nicht darauf aus
Die Dauerausstellung des
Schlossmuseums konzentriert sich erwartungsgemäß auf die königliche Zeit des Schlosses unter Elisabeth und Franz-Joseph. Neben den liebevoll im Stil von 1867 rekonstruierten
Wohnräumen, darunter auch das ganz in rotem Marmor ausgekleidete Schlafzimmer der Königin und der prächtige Rokoko-Festsaal, erwartet
den Sisi-vernarrten Besucher natürlich auch die obligatorische Gedenkausstellung zum Leben und Ableben der geliebten Wittelsbacherin.
Trotz des Sisi-Kults haben die Museumsmacher aber doch die Vorgeschichte des
Schlosses nicht vergessen. Mehrere Ausstellungsräume widmen sich der Grassalkovich-Dynastie und der Epoche, in der sie lebten. Neben aristokratischen
Gewändern und Gegenständen aus der Zeit gibt es in diesem Abschnitt v.a. eine umfangreiche Waffensammlung und die Schlosskapelle zu begutachten. Insgesamt ist
der Museumsteil recht umfangreich und lohnt den Eintrittspreis. Angenehm fällt auf, dass so gut wie alle Texttafeln in vier verschiedenen Sprachen verfasst sind.
Blick in den Schlosspark
Nach dem etwa einstündigen
Rundgang im Schlossmuseum lädt der restaurierte Schlosspark zum gemütlichen Flanieren an der frischen Luft ein. Der vordere Teil des Parks ist im Stil englischer
Landschaftsgärten gestaltet und wirkt recht minimalistisch, mit viel Rasen und nur einigen wohlplatzierten Baumgruppen und Blumenbeeten. Der hintere Teil des Parks, der im Angedenken an
Königin Elisabeth kurz nach ihrem Tode angelegt wurde, wirkt dagegen fast schon waldartig und verwildert, ist deswegen jedoch nicht minder schön.
Auch bei der Parkanlage waren großangelegte Restaurierungsarbeiten nötig, die heute weitestgehend abgeschlossen sind.
Ein durchdachtes touristisches Gesamtkonzept
Neben dem normalen Museumsbesuch bietet da Schloss geführte Touren in mehreren
Sprachen oder die Möglichkeit, seine Führung mit einem Cocktailempfang zu beginnen oder mit einem Mittagessen abzuschließen. Des weiteren verfügt das Schloss über ein
reichhaltiges Kulturprogramm; jeden Monat finden klassische Konzerte, Opernaufführungen oder Jagdfeste statt (nächste Veranstaltungen siehe unten). Wer
noch eine besondere Räumlichkeit für seine Hochzeit, seinen Empfang oder Seminar sucht, kann sich auch getrost an die Schlossverwalter wenden. Neben einigen kleineren
Räumen im Untergeschoss ist sogar der Prunksaal des Schlosses im Angebot. Abgerundet wird der Angebotskatalog durch ein Schlosscafé, einen Souvenirshop und ein
Fotostudio, in dem Besucher kostümierte Fotos wie zur Jahrhundertwende nachstellen können.
Bei diesem umfassenden Angebot ist es kein Wunder, dass nach eigenen Angaben
jährlich mehr als 200.000 Besucher den Weg nach Gödöllő finden, zumal das Schloss mit der HÉV-Vorortbahn sehr bequem zu erreichen ist. Mit viel betriebswirtschaftlichem
Know-How und Liebe zum Detail bei der Restaurierung hat es die Stiftung „Königliches Schloss Gödöllő“ geschafft, aus einer abbruchreifen Ruine ein attraktives Anlaufziel für
Touristen aus aller Welt zu machen und die vermutlich richtige Balance zwischen Publikumserwartung und historischer Wahrhaftigkeit zu erhalten.
Christian Pasche / -red.
Königliches Schloss Gödöllő
Anfahrt:
Gödölloi HÉV vom Örs vezér tere (Metro-Endstation) bis Gödöllo Szabadság tér (fährt ca. alle 30 Minuten); Öffnungszeiten: April–Oktober 10-18 Uhr; November–März 10-17 Uhr; Montags
geschlossen, Eintrittspreise: Schlossmuseum 1.800 HUF (reduziert 900 HUF); Gruppenführung auf Deutsch nach Voranmeldung 5.300 HUF (1-9 Pers.)/6.500 HUF (10+ Pers.)
Mehr Informationen: Tel.: 28/410-124 | http://www.kiralyikastely.hu/index.php?l=deutsch
Nächste Veranstaltungen im Kulturprogramm:
07./08. August 2010: X. Barocktage im Schloss 25. - 27. August 2010: Operette „Die Csárdásfürstin“ im Prunksaal 03. September 2010: IV. Königliche Operettenvorstellung im Prunksaal
10. September 2010: Orgelkonzert mit Nándor Fekete Für den vollen Kulturkalender, siehe http://www.kiralyikastely.hu/index.php?mid=206
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