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(c) Pester Lloyd / 30 - 2010  BUDAPEST 28.07.2010

 

Fusion in der Edelgruft

Optik vor Geschmack im Baraka Restaurant Budapest

Restaurant & Lounge Baraka, im von Botschaftsvillen und Palästen der Edelkanzleien gesäumten Teil des Andrássy Boulevards, gehört zu jenen Lokalen, die gern mit "stylish" betitelt werden, gleichzeitig aber auch den Beweis für die Ermüdung von Trends liefern. Die einseitige Betonung von Optik und Ambiente zu Lasten des Geschmackserlebnisses kennzeichnet die Baraka, - zu wenig für die hochfliegenden Ambitionen der Betreiber.

In einem Bauhaus-Gebäude aus den Zwanziger Jahren (heute das Andrássy-Boutique-Hotel) gelangt man in ein tiefschwarz ausgekleidetes Souterrain, dessen silberne Wandapplikationen, violette Polster und kristallene Luster einen drückenden Eindruck vermitteln, irgendwo zwischen Edelparfumerie und dem Messestand eines Bestattungsunternehmens. Aber auch darin fühlen sich manche wohl, sogar zum Essen.

Rezepte ohne Mut und Willen

Die optische Konsequenz des Düster-Edlen wird von dem hungaro-amerikanischen Paar, das das Lokal seit einigen Jahren betreibt, von Anfang bis Ende beibehalten. Die satten, bunten Farben der Gerichte bilden dazu den gewollten Kontrast. Doch leider bleibt es bei dieser einseitigen Betonung des Optischen, denn Geschmacklich hält man mit dem Interieur nicht Schritt, daher wundert die Empfehlung duch Michelin nicht wenig.

Die angestrebte Fusion-Küche aus europäischen und internationalen Standards, konfrontiert mit kalifornischen bis karibischen und natürlich asiatischen Noten, scheitert nicht an den handwerklichen Fähigkeiten der Küche, sondern an der Mut- oder Willenlosigkeit Charakteristika zu erstellen, klare Ansagen auf den Teller zu bringen. Mutmaßlich könnte man anführen, dass man das Risiko scheut, einseitig ausgebildete Schicki-Micki-Gaumen mit Aha-Erlebnissen zu überfodern. Doch im Laufe des Abends reifte mehr und mehr der Verdacht zur Gewissheit heran, dass sich die Rezepte in dieser Küche verselbständigt haben und manche Zutaten ein durch mangelndes Kosten und Ausprobieren ungesteuertes Eigenleben führen können.

Massenkompatibles

Positiv verliefen Begrüßung und Einführung, ein Ameuse geule ist besonders hervorzuheben: im Baraka gibt es selbstgebackenes Brot! Weiß, kräftig gewürzt und schmackhaft. Dazu reichte man Butter und ein Gläschen "weiße Gazpacho". Brot und Butter hätten genügt und die nach einer aufgeschäumten Frischkäsezubereitung schmeckende Hochstapelei im Schnapsglas nicht nötig gehabt.

Wir wählten zu Beginn eine Grüne Erbsensuppe mit Karotten-Koriander- Garnelen-Tempura-Spieß. Die intensivgrüne Suppe, der wildsprießende Spieß, wie alles hier, optisch durchdacht, wirklich ein Hingucker, aber wie fad, eindimensional unakzentuiert der Geschmack. Als Vorspeise genügte ein massenkompatibles "Duo vom Lachs", das Lachstartar mild mit Koriandersaat und leichter Kräuternote im Glas, darauf ein Joghurt-Schäumchen mit etwas Lachskaviar - nicht aufregend, aber ganz in Ordnung. Daneben ein Hauch von Nichts: ein transparentes Rechteck Räucherlachs, belegt mit zahnstochergroßen Apfelspalten und eingelegtem Ingwer, eine Kombination, die manchmal als Reste an den Bento-Boxen klebt, wenn sie der Kellner abräumt.

Skalpierte Ente ohne Charakter

Die Hauptgänge: eine als rosé angekündigte Ente. Sie war weich, fast auf den Punkt und mehr als schonend gegart, so dass weder ein krosser Mantel noch ein zartroser Kern erkennbar waren, alles war butterweich egalisiert. Noch dazu war sie ihrer Haut beraubt, ihr fehlte also alles entige, es hätte auch Kalb sein können oder Tofu. Was hat eine knusprig angebratene Entenhaut (ja, natürlich mit etwas Fett darin und darunter) nicht alles zu bieten, - im Baraka wird es uns verwehrt. Wir fordern den Skalp zurück! Böhnchen und Maiskölbchen garnierten den Teller in übersichtlichen Mengen, ein violettes Schäumchen irritierte nur kurzzeitig.

Aber Hauptsache, man hat eine Lounge...

Tiefpunkt des Abends sollten Großgarnelen (halbiert in der Schale) auf einem Nuss-Rosinen-Risotto werden. Die Garnelen waren einen Tick zu durch, das Risotto zu hart und zu wenig schlotzig. Über den Geschmack lässt sich nichts schlechtes sagen, denn die Sauce aus frischem Chili mit einer Fruchtsaft-Ahornsirup-Reduktion war von einer Dominanz, die nach Erstkontakt mit dem Gaumen jeden weiteren Zugang desselben zur Außenwelt verhinderte: aber Hauptsache man hat eine Lounge! Uns ist bekannt, dass man derartiges in Kalifornien schätzt, in unseren Breiten wäre zu überlegen, ob man es nicht auf die Dessertkarte setzen sollte. Irgendwie passte aber alles zusammen, schließlich wird in gruftartigem Ambiente diese langweilige, unambitionierte Schäumchen-Pseudofusion-Küche stilgerecht beerdigt. Das Grundkonzept mag stimmen, die Ideen mögen vorhanden sein, aber wenn man dies nicht mit höchster Konsequenz umsetzt und kontrolliert, verkommt alles zur Belanglosigkeit, zur Show.

Das Andrássy Boutique-Hotel, links unten der (etwas verborgene) Eingang zum Baraka.

Preise o.k., Wein gut

Die Preise des Lokals halten mit der Üppigkeit seiner Ausrichtung Schritt, für das kulinarische Angebot sind sie - für Budapest - eigentlich schon zu hoch, (Hauptspeisen zwischen 14 (vegetarische Variation) und 22 EUR (Lammkoteletts oder Ribeye Steak). Zwei Personen sollten, mit Wein und dem leidigen 12%igen Serviceaufschlag, ungefähr 80-100 EUR einkalkulieren, die Portionen sind großzügig. Der Weinservice ist gut, die Auswahl der Weinkarte international, ausreichend und übersichtlich, Sommelier-Empfehlungen sind treffsicher, der Rotwein etwas zu warm serviert. Der Service ist sehr aufmerksam, dabei dezent.

Das Baraka ist nichts für Gorumets auf der Suche nach Neuem oder Ungewohntem, gar Wohlvertrautem, insgesamt aber eine Empfehlung für alle jene, denen "Chic" über Geschmackserlebnis geht oder solche, die eine Niederlage in einer der nahegelegenen Anwaltskanzleien zu "feiern" haben: das Ambiente ist der Trauer angemessen, der viele Zucker sollte wiederum für Aufheiterung sorgen, die Rechnung wird in jedem Falle niedriger als die des Anwalts!

M.S.

www.barakarestaurant.hu
 

 

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