|
(c) Pester Lloyd / 30 - 2010 FEUILLETON 30.07.2010
David gegen Ungarn
Hungaro-amerikanische Familie klagt über 40 Gemälde von Ungarn ein
Die Erben des einst in Budapest tätigen jüdischen Bankers Mór Lipót Herzog, haben bei einem amerikanischen Gericht Klage gegen das Museum der Schönen
Künste sowie den ungarischen Staat auf Rückgabe von mehr als 40 Kunstwerken mit einem MArktwert von rund 100 Mio. USD eingereicht. Man beklagt neben dem
anhaltenden Verlust auch die sture und abweisende Haltung der Ungarn gegenüber den Ansprüchen einer von den Nazis vertriebenen Familie.
Bei den mehr als 40 Kunstwerken handelt es sich um Gemälde so namhafter Maler wie El
Greco, Gustave Courbet, Lukas Cranach d.Ä., Francisco de Zurbaran, u.a., die z.T. offen in den Sammlungen des Museum der Schönen Künste in Budapest zu sehen sind
und die einen Marktwert von bis zu 100 Mio Dollar haben sollen. Sie waren Teil der "Sammlung Herzog", die der Familie des Budapester Bankers während der Zeit des
Faschismus enteignet worden war.
“Agonie im Garten” - ein Meisterwerk von El Greco und eine der Ikonen der Sammlung Alter Meister in
Budapest. Das Werk stammt aus der Sammlung Herzog, die 1944 konfisziert wurde. Die Erben streiten nun vor Gericht um Restitution.
"Bei dem Fall handelt es sich um eine der
größten Restitutionsforderungen einer einzelnen Familie gegen einen Staat", schätzt der New Yorker Anwalt der Familie, Michael
S. Shuster, die Bedeutung ein. Derzeit werde die Klage ins Ungarische übersetzt, damit man vor Ort auch verstehe, worum es geht. "Wir wollen Ungarn dazu bringen, das
richtige zu tun. Leider hat sich die Regierung des Landes als viel weniger kooperativ und verhandlungswillig gezeigt als beispielsweise Deutschland oder Österreich." Man
habe, die Tricks der ungarischen Regierung kennend, daher mit dem 44jährigen Urenkel David de Csepel auch einen relativ jungen Kläger aufgestellt, damit der
ungarischen Seite klar ist, dass sie nicht auf Zeit zu spielen braucht, wie sie es schon oft tat, so Shuster.
Rund 20 Erben stehen hinter der Klage, der in Kalifornien lebende David de Csepel
erzählt in einem Interview von seiner Großmutter Herzogs Tochter, dass sie ihm die Bilder, die dem Urgroßvater nur in Kopien zeigen konnte. "Sie schnitt die Bilder aus
Kunstbänden aus und dekorierte damit ihre Wohnung," um eine Erinnerung zu haben, sagt de Csepel. Nach dem Tod der Oma, 1995, reifte in ihm der Gedanke, die Bilder
einzufordern. Er sah einige davon bei Besuchen in Budapest im Museum hängen, einige hatten sogar noch Etiketten, die sie klar als Teil der Herzog-Sammlung auswiesen.
Ihm gehe es nicht darum, die Bilder zu Hause hängen zu haben. Er will Gerechtigkeit
für die Familie. "Meine Familie wurde quasi mit vorgehaltener Waffe gezwungen, Ungarn zu verlassen. Einige taten dies nicht und gelangten so in Konzentrationslager.
Man hörte nie wieder von ihnen." 1944 erließ das ungarische Innenministerium ein Gesetz, das die Beschlagnahme sämtlicher Kusntwerke aus jüdischem Besitz anordnete.
In einem Keller in Budafok versteckte man die Gemälde, aber wurde entdeckt. Der Großteil ging zur Begutachtung nach Deutschland, ein Teil blieb in Ungarn. - "Die
Vergangenheit kann man zwar nicht rückgängig machen, aber auf manchen Gebieten kann Gerechtigkeit hergestellt werden.", so de Csepel.
Seit 1990 versuche man aktiv aber erfolglos die Bilder von Ungarn zurückzubekommen:
mit Briefen und Apellen, über diplomatische Kanäle, zuletzt mit Gerichtsverfahren durch alle ungarischen Instanzen. Diese endeten mit einer Niederlage 2008. Nun gehe
man, neben der Klage vor einem US-Gericht auch in die Öffentlichkeit. Auf der Webseite http://www.hungarylootedart.com gibt es Hintergründe zur Familiengeschichte und zur Sammlung und natürlich auch zum Streit mit Ungarn und
dessen Fortgang. Polemisch ist die Seite mit "Ungarn vor Gericht" überschrieben.
Die gesamte Sammlung soll 1934, beim Tod des Patriarchen übrigens rund 2.500 Werke
umfasst haben und wurde während des Krieges in alle Winde zerstreut. Ein Teil tauchte u.a. in Deutschland wieder auf, das den Herzog-Erben in diesem Jahr drei Bilder zurückgegeben hat.
Gegen Ungarn sind in den USA derzeit noch weitere Klagen im Zusammenhang mit
Enteignungen im zweiten Weltkrieg anhängig, darunter eine gegen die Staatsbahn MÁV, die sich an der Bereicherung von von ihr Deportierten schuldig gemacht haben soll
sowie gegen Banken, die sich zu Unrecht die Schließfachinhalte von Deportierten oder ins Exil getrieben Juden angeeignet haben.
-red. / ms.
Hintergründe:
Banken aus Ungarn auf 2 Mrd. Dollar Schadensersatz verklagt (Mär 2010) http://www.pesterlloyd.net/2010_13/13klagebanken/13klagebanken.html
"Sie wussten, was sie taten" (Feb 2010) Mitgemordet: Details der Klage gegen die ungarische Staatsbahn http://www.pesterlloyd.net/2010_07/06holomav/06holomav.html
DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH
|