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(c) Pester Lloyd / 31 - 2010 WIRTSCHAFT 06.08.2010
Teufelskreis Nebenkosten
Die Beschäftigungsrate in Ungarn ist die zweitschlechteste im EU-Vergleich
Das Statistikamt der Europäischen Union, kurz Eurostat, beziffert Ungarns Beschäftigungsquote, d.h. den Anteil der Erwerbstätigen an der
Gesamtbevölkerung in der Altersgruppe zwischen 15 und 64, in jüngst veröffentlichten Zahlen für 2009 auf lediglich 55,4%. Damit ist Ungarn das
Schlusslicht der Region, während Rumänien (58,6%), Polen (59,3%), Slowakei (60,2%) und Tschechien (65,4%) allesamt bessere Zahlen vorweisen können.
Die Zahlen im Einzelnen sind bei Eurostat abrufbar
Auch Nicht-EU-Nachbar Kroatien steht mit 56,6% leicht besser da. Im Gesamtvergleich der EU27 war
nur Malta mit 54,9% noch schlechter. Der EU-Schnitt lag 2009 bei 64,6%, Spitzenreiter ist Holland mit 77%, in Deutschland sind es über 70%. Im Geschlechtervergleich steht Ungarn nicht viel
besser da. Mit einer Frauen-Beschäftigungsquote von 49,9% liegt Ungarn auf dem viertletzten Platz vor Griechenland, Italien und Malta. Im Vergleich zum Vorjahr 2008 ist Ungarns
Beschäftigungsquote um kaum merkliche 0,6% gesunken, konnte aber auch nach dem Tiefpunkt der Krise nicht wieder richtig zulegen.
Diese geringe Zahl von versicherungspflichtigen Arbeitnehmern belastet sowohl das
Steueraufkommen als auch die Sozialkassen, was wiederum für diejenigen, die einen fest Job haben so wie deren Arbeitgeber hohe Lohnnebenkosten produziert. Daher ist
es in Ungarn üblich, Beschäftigte nur zum Minimallohn anzustellen, weshalb ein Teufelskreis entsteht. Viele Ungarn umgehen derzeit als Scheinselbständige die hohen
Arbeitskosten und gründen Kommanditgesellschaften (sogenannte Putzfrauen Bt´s), um von vereinfachten Steuerformen (z.B. EVA, die Unternehmens- und Einkommenssteuer
verbindet) zu profitieren. Viele tun dies gar nicht aus Trickserei oder Gier, sondern weil ihnen sonst vom Einkommen kaum etwas bliebe.
Die neue Regierung Orbán versucht diesen gordischen Knoten der ungarischen
Ökonomie zunächst durch eine umfassende Steuerreform zu durchbrechen und hat u.a. eine Flat Tax von 16% für die private Einkommenssteuer sowie die Erhöhung des
ermäßigten Satzes auf Unternehmensgewinne (bis 2,5 Mio EUR Gewinn werden dann nur 10, statt bisher 19% fällig) für 2011 angekündigt.
Eine spürbare Absenkung der Lohnnebenkosten und des Arbeitgeberanteils ist dadurch
aber immer noch nicht in Sicht, senkte man diese Nebenkosten, die in Summe mehr als das Nettogehalt ausmachen können, zu schnell zu stark ab, könnten Löcher in den
Sozialkassen entstehen, die durch den angespannten Staatshauhsalt derzeit nicht verkraftet werden können. Erste Schritte dahin unternahm bereits die
Bajnai-Regierung, vom sogenannten Superbrutto (also Bruttolohn+Arbeitgeberanteil) als Berechnungsgrundlage für die Lohnsteuer ist man immer noch nicht abgekommen.
Die neue Regierung hofft aber, dass die Unternehmen, die von den günstigeren
Unternehmenssteuern profitieren, mehr Mitarbeiter fest und vollständig anstellen und sich so zumindest mittelfristig eine vertretbare Absenkung der Lohnnebenkosten
erreichen lässt. Der Staat muss sich - so paradox das klingt - die Zahlungswilligkeit der Unternehmer wie der Angestellten, faktisch erkaufen.
Ein weiteres Problem steckt im Rentenalter. Im EU-Durchschnitt gehen die Ungarn
deutlich früher in Rente als anderswo. Auch wenn die Renten selbst mit durchschnittlich 350.- EUR nicht sonderlich hoch (in vielen Fällen sogar entwürdigend niedrig) ausfallen,
fehlen doch die Sozialabgaben dieser ehemaligen Arbeiter. Fidesz hat zwar eine Reform der Rentensysteme angekündigt, sich aber, auch angesichts vieler weiterer heikler
Baustellen, noch nicht zum Thema Rentenalter festgelegt.
red. / -cp.
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