|
(c) Pester Lloyd / 35 - 2010 GESELLSCHAFT 30.08.2010
Zweifel wegbefohlen
Eine Soldatin aus Ungarn starb in Afghanistan
Am Sonntag wurde der Sarg mit der Leiche der vor einer Woche in Afghanistan getöteten Soldatin über Deutschland nach Ungarn überführt und auf dem
Militärflughafen Kecskemét mit einer militärischen Ehrenzeremonie in Empfang genommen. Der Verteidigungsminister erklärt die Soldatin zur Heldin und sieht
keinen Änderungsbedarf für die Afghanistan-Politik seines Landes, obwohl der Einsatz der kleinen ungarischen Truppe militärisch sinnlos ist.
Die 32jährige Judit Abraham Papp (Foto: Verteidigungsministerium) diente in der Honvéd im Range eines Feldwebels. An der Feierstunde zu Ihren Ehren auf dem Militär-Airport von
Kecskemét nahmen die komplette militärische Führungsriege samt Minister Csaba Hende teil, auch die Sanitätsoffizierin Fruzsina Dani, die bei dem Taliban-Angriff auf den ungarischen
Militärkonvoi am Montag vergangener Woche verwundet wurde, aber dennoch ihren noch schwerer verletzten Kameraden Hilfe medizinische leistete, war anwesend.
Nach derzeit vorliegenden Informationen,
verließ der Militärkonvoi am Montagmorgen (23.8.) das Basislager des ungarischen ISAF-Kontigentes in Pul-i-Khumri und erhielt schon kurz darauf einen Funkspruch, der vor
einer sich schnell nähernden Taliban-Einheit warnte. Als die Fahrer, gemäß den Vorschriften, die Geschwindigkeit stark erhöhten, wurde der Konvoi von einer heftigen
Explosion erschüttert und von drei Seiten unter Feuer genommen, darunter auch mit panzerbrechenden Waffen. Im Ergebnis wurden zwei Personen schwer, zwei leicht
verletzt, einer liegt noch immer im Koma, sein Zustand gilt als extrem kritisch. Die Soldatin Papp starb an Ort und Stelle. Nach der Attacke zogen sich die Angreifer
blitzartig zurück. Die Verletzten wurden dann unter dem Schutz einer US-Sondereinheit ins Feldlazarett des deutschen Kontingents bei Mazar-il-Sharif gebracht, ihr
Rücktransport wurde wegen Sandstürmen und logistischer Widrigkeiten um einige Tage verzögert.
Verteidigungsminister Csaba Hende erklärte schon einen Tag nach dem Angriff, dass "es
keine Anzeichen dafür gibt, dass auch nur ein Soldat die Mission vorzeitig verlassen und nach Ungarn zurückkehren wollte". Er pries auch den Heldenmut der Sanitäterin, die er
posthum zum Leutnant beförderte und ihr "eine Beerdigung mit allen militärischen Ehren" versprach, von beidem hat die Heldin nun freilich wenig. Papp hatte bereits in anderen
"Friedensmissionen", u.a. in Mazedonien und Kosovo gedient. Vor einer Hubschraubereinheit, die just nach der Attacke nach Afghanistan verlegt wurde, stellte
der Minister umgehend klar, dass Ungarn nichts an seiner Afghanistanpolitik zu ändern gedenkt. Die Oppositionsparteien forderten die Regierung indes auf, die Sicherheitslage
in Afghanistan genauer zu evaluieren. In den Medien wird allerdings auch diskutiert, wofür die junge Frau eigentlich gestorben sei, sowohl die Linke (nicht die MSZP) als auch
die extreme Rechte sind für den sofortigen Abzug.
Seit 2006 hat Ungarn ein Kontingent von 240-300 Soldaten, überwiegend
Pioniereinheiten, in der nördlichen Provinz Baghlan stationiert. Zwei Soldaten, Sprengstoffexperten, kamen bisher bei Minenentschärfungen ums Leben, nun starb
erstmals ein Soldat der Truppe in direkten Kampfhandlungen. Der Einsatz der Ungarn hat, so sind sich eigentlich alle Militärexperten einig, rein symbolischen, legitimierenden
Wert für das multinationale Bündnis. Der Aufwand für die Absicherung einer so kleinen Einheit mitten in Feindesland übersteigt den Nutzen bei weitem, zudem binden die
Ungarn auch die logistischen und Versorgungskapaziäten der größeren Staaten. Minister Hende hatte zu Beginn seiner Amtszeit zwar gesagt, er werde den Verbleib ungarischer
Truppen im Ausland von der Gewährleistung ihrer Sicherheit abhängig machen, die für ihn "über allem stehe", - ein solches Versprechen ist aber für einen Oberbefehlshaber
natürlich unhaltbar, wenn er militärische Ziele erreichen und Bündnisse aufrecht erhalten will.
DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH
|