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(c) Pester Lloyd / 35 - 2010 GESELLSCHAFT 02.09.2010
Ringen um fünf Ringe
Mehrheit der Ungarn ist für Olympia 2020 und würde auch dafür zahlen
Rund 70% der Ungarn wünschen sich die Olympischen Spiele 2020 in ihr Land und begrüßen eine entsprechende Bewerbung von Budapest als Austragungsort. Dabei
ist vielen offenbar gar nicht bewusst, welchen Aufwand ein solches Event wirklich bedeutet und ob als Nutzen mehr dabei herauskommt als die Erfüllung eines
Lebenstraums des jetzigen Präsidenten.
Die Zustimmung von fast Dreivierteln der
Befragten ergab eine Umfrage von Szonda Ipsos im Auftrag der Tageszeitung Népszabadság. Dreiviertel der Befragten sähen in der Veranstaltung ein historisches
Ereignis, in dem zugleich die Chance läge die "nationale Einheit" zu fördern. Zwar deutlich weniger, doch mit 53% immer noch eine Mehrheit, wäre auch bereit, die
Finanzierung durch eine Sondersteuer zu unterstützen. 38% lehnen das kategorisch ab, 9% zweifeln noch daran.
Eine Kinderzeichnung im Auftrag der Unterstützer-Bewegung BOM.
Ungarn ist immerhin die Nummer 8 des ewigen Medaillenspiegels
Die Stadtversammlung hatte schon im Dezember 2008 beschlossen, dass ein
entsprechendes Gesetz über eine Bewerbung im Nationalparlament eingereicht wird, noch im Herbst soll darüber beraten werden. Mit dem neuen Präsidenten Pál Schmitt, bis
vor kurzem Präsident des Nationalen Olympischen Kommittees und mehrfachen Fechtolympiasieger, hat die Pro-Olympia-Bewegung, der sich bereits auch zahlreiche
Unternehmen angeschlossen haben, einen Fürsprecher im höchsten Staatsamt. Schmitt wollte selbst immer gern IOC-Chef werden, was ihm verwehrt blieb, die Ausrichtung der
Spiele im eigenen Land, dürfte der Präsident daher als Krönung seiner Laufbahn ansehen.
Sportlich ist Ungarn ohnehin für diese Wettkämpfe qualifiziert, in den Bereichen Schwimmen, Kanu-
und Rudersport, Hammer- und Diskuswurf gehören ungarische Sportler zur Weltspitze, im Wasserball ist man die unangefochtene Nummer 1. In der ewigen Medaillenliste hält das Land
auf einem für seine Größe sensationellen achten Platz, wenn auch das Gros der Siege auf ältere Semester zurückgeht.
Seltene Einigkeit zwischen Stadtregierung und Opposition. Hier Bürgermeister Gábor Demszky (SZDSZ)
und der Fidesz-Fraktionschef István Tarlos, der als heißer Kandidat der Nachfolge als OB ab 3. Oktober gilt, bei der Verkündung der Bewerbungsinitiative im Dezember 2008.
Auf das Land kämen durch die Olympischen Spiele enorme finanzielle, logistische,
infrastrukturelle und organisatorische Anstrengungen zu, angesichts der derzeitigen Haushaltslage fragt man sich besorgt, wie diese zu schultern sein sollten. Immerhin
waren die Ausrichter der letzten Jahrzehnte immer größere bzw. deutlich wohlhabendere Länder als Ungarn. Kritiker bezeichnen die Pläne denn auch als größenwahnsinnig und
warnen davor, dass sie die Lösung anderer, vordringlicher sozialer und struktureller Probleme verzögern würden. Die Befürworter halten dem entgegen, dass dringend
notwendige Investitionen ohne solch einen Anlass noch länger hinausgeschoben würden.
4.000 EUR Belastung pro (steuerzahlendem) Kopf sind einfach nicht machbar
Die Frage ist jedoch auch, ob man sich in der Bevölkerung überhaupt bewusst ist, was
dieser Ausrichtung für das eher kleine Land bedeuten wird. Es werden neben einem zentralen Olympiastadion, über as Budapest nichtmal ansatzweise verfügt, rund drei
Dutzend Sport- und Trainingsstätten mit insgesamt über 500.000 Plätzen benötigt, dazu die gesamte Organisation und Absicherung für 600 Einzelwettkämpfe. Ein olympisches
Dorf für knapp 12.000 Einwohner (Sportler und Betreuer) auf rund 60 ha ist zu errichten und auszustatten, insgesamt werden 42.000 offizielle Gäste (Funktionäre, Journalisten
etc.) zu bewirten sein. Bis zu 8 Millionen Ticktes müssen weltweit verkauft werden. All dies dürfte nach einer Machbarkeitsstudie erstmal rund 3 Milliarden EUR kosten. Ganz zu
schweigen von den notwendigen Infrastrukturmaßnahmen.
Ungarns Wasserballer, Rekordweltmeister und -olympiasieger sind die sportlichen Aushängeschilder der Bewerbung
Als Gesamtkosten gibt eine vorläufige Studie rund 17,5 Mrd. EUR, bzw. 5.000 Milliarden Forint
an, die sich in vielem später zwar rechnen mögen, die Ungarn aber einfach nicht hat. Rechnet man diese Kosten nun auf die in Arbeit befindliche Bevölkerung, also jene
um, die Steuern zahlen können, kommen, großzügig gerechnet 4.000 EUR pro Kopf heraus. Ein gigantisches Konjunkturprogramm gewiss, doch mit disproportionalem, sprich hinkendem Nutzen für die
Bevölkerung. Es ist anzunehmen, dass die Zustimmungsrate bei einer solchen Rechnung deutlich geringer ausfiele. Denn selbst wenn man mehr als die Hälfte der Summe aus
Sponsoring, EU-Fördermitteln und anderen Haushaltsposten lukrieren könnte, bliebe immer noch ein Steueranteil übrig der vier durchschnittlichen ungarischen Monatsgehältern entspricht.
Große und potetene internationale Konkurrenz
Im Zusammenhang mit einer eventuellen Bewerbung ist auch die gestrige Ankündigung
zu sehen, dass die ungarische Regierung den Kodex der internationalen Antidopingagentur WADA per Dekret in ungarisches Recht verwandeln wird. Der
Staatssekretär für Sport beim Ministerium für "Nationale Ressourcen" bestätigte, dass mit Inkraftreten der Regelungen, auch die Händler von illegalen leistungssteigernden
Mitteln strafrechtlich belangt werden können. Ungarische Sportler, vor allem in Wurfdisziplinen waren immer wieder durch Doping negativ aufgefallen und mussten
zahlreiche Sperren und Medaillenaberkennungen hinnehmen, ihr Unrechtsbewußtsein war bisher wenig ausgeprägt.
Nach bisherigem Stand hat es Budapest mit einigen illustren Konkurrenten zu tun,
darunter wieder Tokio (das für 2016 an Rio scheiterte), St. Petersburg, Moskau, Mailand, Mexico City, Prag, Dubai, Busan (Südkorea) und Neu Delhi. Auch in Südafrika regen sich
nach der erfolgreichen Fußball-WM Stimmen, die eine Bewerbung befürworten. Angesichts dieser Reihe von Metropolen sollte man sich in Budapest fragen, ob die (nicht
geringen) Kosten für eine offizielle Bewerbung tatsächlich in einem realistischen Verhältnis zu den Gewinnaussichten stehen oder man damit eher die eitlen Ambitionen
des Präsidenten befriedigt.
Weitere Informationen der Pro-Olympia-Bewegung in Budapest (engl.) http://www.budapestiolimpia.hu/?lang=eng&page_id=21
-red.
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