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(c) Pester Lloyd / 36 - 2010 GESELLSCHAFT 06.09.2010
Gömbölinis Rückkehr
"Erster ungarische Nationalsozialist" erhält alte Weihen zurück
Die im Südosten des Landes gelegene Stadt Orosháza hat dem 1936 verstorbenen Politiker Gyula Gömbös die Ehrenbürgerwürde wiederverliehen, die diesem acht
Jahre zuvor von der sozialistischen Mehrheit im Stadtrat abgesprochen wurde. Diese Entscheidung ist nicht nur eine geschichtsvergessene Posse geltungssüchtiger
Lokalpolitiker, sondern Ausdruck des neuen politischen Mainstreams in Ungarn, in dem auch die Ära des Hitlerfreunds Horthy entstellt und verherrlicht wird.
Ehrenbürger der Stadt wurde Gömbös
1932. Der General diente dem autoritären Horthy- Regime, das mit Hitler paktierte, als Kriegsminister und später als Ministerpräsident. Unter ihm gediehen die
faschistischen Pfleikreuzler ebenso wie die Verfolgung Andersdenkender und die ersten Judengesetze. Für die höheren Regierungsaufgaben in seinen letzten Lebensjahren hatte sich Gömbös schon
nach dem Ende des Ersten Weltkrieges empfohlen. Eine politisch- ideologische Schlüsselrolle spielte er seinerzeit bei den rechtsextremen Geheimbünden, von denen
in den Jahren 1919 und 1920 mehr als 100 entstanden.
Gömbös versuchte sie in dem von ihm
angeführten paramilitärischen Ungarischen Landesschutzverband zu koordinieren. Er war es auch, der im Wesentlichen die auf Offizierskommandos gestützte Nationale Armee
unter dem Oberbefehl Horthys gegen die Räterepublik organisierte. Besonders häufig richtete sich der von diesen Kommandos und den rechtsradikalen Gruppen ausgehende
„weiße Terror“ gegen Juden. Antisemitismus wurde in der „Horthy- Ära“ gewissermaßen regierungsamtlich - mal „milder“, mal rigoroser praktiziert.
Ungarn war nach dem Ersten Weltkrieg das erste Land in Europa, das 1920 ein die
jüdische Bevölkerung diskriminierendes Gesetz verabschiedete. Dieses beschränkte den Zugang jüdischer Studierender zu den Universitäten und Hochschulen, weitere
"Judengesetze" folgten 1937/38. Gömbös sah im „Rassenschutz“ die wichtigste Aufgabe der ungarischen Politik, deren Ziel die „Wiederherstellung der wirtschaftlichen und
politischen Macht der ungarischen Rasse“ sein müsse. „Juden unterdrücken die ungarische Rasse und treiben sie in Knechtschaft“, erklärte er im Juli 1922 der
Nationalversammlung seine rassistische Sicht der Verhältnisse. Einige Monate zuvor verbreitete er in Szeged seine kruden Ideen von der „christlich ungarischen Rasse“, der
alle „Nichtjuden“ gleich welcher Abstammung, ethnischer Zugehörigkeit und christlichen Konfession zuzurechnen seien: “Im christlichen Gedanken sehen wir keine konfessionelle
Idee, sondern die Idee des Rassenschutzes.“ Damit war dann auch geklärt, dass der deutschstämmige Lutheraner Gömbös der „christlich ungarischen Rasse“ angehören durfte.
Zwar war dem Regierungslager Rassismus und nationaler Chauvinismus alles andere als
fremd, aber Gömbös keineswegs entschieden genug. Deshalb verließ er 1923 die Einheitspartei und gründete mit rechtsgerichteten Freunden die „Rassenschützlerpartei”,
die sehr bald Kontakte zu den faschistischen und nationalsozialistischen Parteien in Europa aufnahm. Nachdem er einsehen musste, dass sein Projekt der
„Rassenschützlerpartei” gescheitert war, kehrte er 1928 wieder in die Einheitspartei zurück, ohne seine Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen zu kappen. Gömbös nannte
sich, wie bei dem Ungarn-Historiker Jörg K. Hoensch nachzulesen ist, als erster öffentlich einen „ungarischen Nationalsozialisten“. So galt denn auch der erste Auslandsbesuch des
ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Gömbös nicht dem deutschen Reichskanzler, wie es diplomatischen Gepflogenheiten entsprochen hätte, sondern dem Führer der NSDAP.
Auch zu Italiens faschistischem Duce, seinem „Vorbild”, pflegte er freundschaftliche Beziehungen Sie trugen ihm sogar den Spottnamen Gömbölini ein.
Die Vision einer diktatorischen politischen Ordnung mit einem charismatischen Führer an
der Spitze der Rassengemeinschaft teilte Gömbös mit seinen Vorbildern im europäischen Faschismus. Liberalismus und Marxismus waren ihm ebenso zuwider wie die pluralistische
Demokratie, da sie gleichermaßen die ideologische Zerrissenheit der Nation fördern. Der Liberalismus spiele die Einzelnen, der Marxismus die Klassen gegeneinander aus, meinte
Gömbös. In der von ihm angestrebten „Diktatur über die Seelen“ sollte das alles glatt gebügelt werden und die Autonomie der Individuen und Gruppen der vorbehaltlosen
Unterordnung unter das Kollektiv (sprich: Nation oder Rasse) weichen müssen. Außenpolitisch träumte er bereits in den 1920er Jahren von der
deutsch-italienisch-ungarischen Zusammenarbeit im Rahmen einer „Achse der faschistischen Staaten“. Davon versprach sich Gömbös die Revision der Verträge von
Trianon und die Rückgewinnung der historischen Grenzen Ungarns, was zum Teil, unter Protektion Hitlerdeutschlands auch gelang.
Dass die Fidesz-Mehrheit von Orosháza kurz vor den Kommunalwahlen im Herbst die
„Ehre“ eines zutiefst antidemokratischen und rassistischen Politikers wiederherstellt, mag vielen als Zeichen von Ignoranz und Geschichtsvergessenheit profilierungssüchtiger
Lokalpolitiker vorkommen. Andererseits spiegelt es den politischen Mainstream in Ungarn unter der neuen Regierung, in der auch die Horthy-Ära verherrlicht und das "Ungartum"
als abgrenzendes Merkmal, z.B. gegen Roma oder "unungarisches Verhalten" im politischen Kampf eingesetzt wird, bei weitem nicht nur von der ultrarechten Jobbik.
Erst kürzlich berichtete diese Zeitung über ein Trianon-Denkmal vor dem Rathaus von Kecskemét, in der ungeniert die alten Grenzen Ungarns zurückgefordert werden, die
"Nationalitätenpoltitik" des Fidesz, die sich mehr um die Auslandsungarn, denn um die akuten Probleme der im Lande lebenden Minderheiten, sprich Roma, kümmert, liefert
den praktischen Beweis dieses Paradigmenwechsels.
Der weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannte und hoch geschätzte
ungarische Schriftsteller Sándor Márai - unverdächtig sozialistischer Anwandlungen - hatte 1944 nach der Zerstörung der Gömbös-Statue durch den ungarischen Widerstand in sein
Tagebuch eingetragen, dass diese Statue alles symbolisierte, was sich in Ungarn während der vergangenen 25 Jahre (zwischen 1919 und 1944) an niederträchtiger, verlogener und
bedrohlicher Selbstgefälligkeit gezeigt habe.
Rainer Girndt
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