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(c) Pester Lloyd / 36 - 2010 KULTUR 07.09.2010
Teuflische Mächte
Saisoneröffnung und Zensur an der Ungarischen Staatsoper
Boitos „Mefistofele“ eröffnet die Saison 2010/11 an der Ungarischen Staatsoper. Teuflisches geht auch im Hintergrund vor: der künstlerische Direktor Balázs Kovalik
wurde vor die Tür gesetzt, weil seine Gesinnung dem national verengten Kulturbegriff der neuen Machthaber nicht mehr passte. Der Intendant beugt sich
diesen zwar, ist sich seines Sessels aber auch nicht mehr sicher. Offiziell war alles ganz anders, natürlich.
Goethe, verschnitten und romantisch zusammengeschmolzen
Mit der Premiere von Arrigo Boitos einziger und eher selten gespielten Oper „Mefistofele“
eröffnet die Ungarische Staatsoper am 14. September die neue Spielzeit. In den vier Akten, die in Originalsprache (ital.) von Balász Kovalik, bis vor kurzem Künstlerischer
Direktor der Staatsoper, inszeniert werden, handelt es sich um einen romantisierenden Faust-Verschnitt nach Goethe. Der Librettist Boito hat beide Faust-Teile auf die
Handlungsorte Studierzimmer, Garten, Brocken im Harz, Kerker und Griechenland zusammengeschmolzen sowie auf fünf Hauptfiguren – neben viel Volk, Hexen und
himmlischen Heerscharen - reduziert. Nachdem das Werk am 5. März 1868 in der Mailänder Scala nach der Uraufführung heftigst kritisiert wurde, ist sie von Boito
gründlich überarbeitet und gekürzt worden, so dass sie erst sieben Jahre später eine erneute Uraufführung – mit mäßigem Erfolg - erleben konnte. Ob die Entscheidung,
dieses Werk als Spielzeitauftakt zu präsentieren gut überlegt war, wird sich Mitte September zeigen.
Regiearbeiten, die nicht ins nationale Korsett passen wollen
Dies könnte übrigens vorerst eine der
letzten Arbeit des bis vor kurzem als Nachwuchshoffnung gehandelten Balász Kovalik (Foto) an der Ungarischen Staatsoper sein. Der Vertrag des Regisseurs, der die künstlerische
Leitung der Oper unter dem Intendanten Lajos Vass bis Ende des Sommers inne hatte, wurde nämlich nicht verlängert. Offiziell heißt es, dass
man eher Stückverträge anstrebe und im Zuge von Sparmaßnahmen auslaufende Verträge nicht weiterführe.
In der Budapester Kulturszene denkt man über den Fall jedoch ganz anders: Kovalik,
ausgebildet in Westeuropa und einer der ersten, der sich schon vor Jahren unter dem Operndinosaurier Miklós Szinetár freche, mutige und experimentelle Inszenierungen
traute, als die Oper fast am eigenen Staub erstickte, hat ganz offenbar nicht mehr die zeitgemäße Gesinnung. Seine Inszenierungen, die Opern psychologisch durchleuten, auch
Tabus thematisierten und im besten Sinne ein ambitioniertes Regietheater darboten, widersprechen ganz offenbar dem national verengten und reaktionären Kulturbegriff der
neuen Machthaber. Seine Entscheidung, den Bánk bán, Ungarns Nationaloper Nr. 1 (ein furchtbarer historisierender Heldenschinken aus der Feder von Franz Erkel) ausgerechnet
im Erkel-Gedenkjahr von einem Italiener (!) inszenieren zu lassen, brachte das Fass zum Überlaufen. Kovalik war so gut wie der einzige, desssen Inszenierungen ein europäisches Niveau hielten.
Herr Holender: Ihr Auftritt bitte!
Ängstlich um seinen eigenen Posten, so sagt man, hat Generladirektor Vass dem
politischen Druck aus dem Ministerium für nationale Ressourcen nachgegeben, in dem ein aus Siebenbürgen stammender Völkerkundler die Kultur-Agenden für das Fidesz leitet.
Seines Postens kann sich aber auch Vass längst nicht mehr sicher sein, immerhin setzten ihn vor Jahren die Sozialisten darauf, was ihn schon allein zur Abberufung qualifiziert,
wie hunderte Beispiele der letzten Monate gezeigt haben.
Die oben geschilderte Version wird übrigens weder von der Oper noch vom Betroffenen
selbst bestätigt, der sich wohl nicht alle Möglichkeiten einer Weiterarbeit an seinem Heimathaus verbauen will. Da von innen kaum ein Widerwort zu solchen traurigen
Tendenzen zu erwarten ist, wäre nun der richtige Zeitpunkt, dass sich der weltgewandte und kompromisslos für die künstlerische Freiheit tätige Ioan Holender, ehemaliger
Operndirektor zu Wien und externer Berater für die Ungarische Staatsoper, in seiner unvergleichlichen Art zu Worte meldet, so wie er stets zuschlug, wenn die Wiener Politik
sich in seine Agenden einzumischen versuchte. Vor allem die Opberhäuser in Osteuropa waren und sind der aus Cluj in Rumänien stammenden, lebenden Legende ein
Herzensanliegen: Herr Holender, Ihr Auftritt bitte!
Ungarische Staatsoper: Premiere „Mefistofele“, 14.9.2010, 19 Uhr.
Weitere Vorstellungen: 17., 19. (11 Uhr), 22.9.2010.
M.S.
www.opera.hu
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