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(c) Pester Lloyd / 38 - 2010  GESELLSCHAFT 23.09.2010

 

Milchmädchenrechnung

Ein Glas Milch gegen einen Systemfehler: Hungernde Kinder in Ungarn

Es mag fast unglaublich klingen, aber rund 120.000 Schulkinder in Ungarn gelten als unterernährt, rund 20.000 davon müssen sogar regelrecht hungern. Die Regierung kündigte jetzt die Wiederbelebung eines Schulmilchprogrammes an, das, von der EU unterstützt, ein wenig diese nationale Schande verringern soll. Wie man damit den Hunger stillen will, geschweige denn dessen Ursachen, sagt die Regierung nicht.

Der Regierung, so der Ministerialbeamte im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Csaba Szabó, liegen Zahlen vor, wonach "mehr als 100.000 Schulkinder mangel- bzw. unternährt" sind und "20.000, die nicht einmal genug Essen bekommen, um davon leben zu können, die also hungern." Für viele dieser Kinder sind Kindergärten und Schulen die einzigen Orte, wo sie überhaupt warme Mahlzeiten oder andere lebenswichtige Lebensmittel erhalten könnten. Doch auch hier herrschen keine guten Zustände, immerhin trinken weniger als die Hälfte der Kinder in der Schule Milch, zwei Drittel der Schüler bekommen kein Frühstücksbrot mit in die Schule.

EU Projekt verfloss im Sande

Die EU hat schon vor Jahren ein Schulmilchprogramm aufgelegt, an dem sich auch Ungarn beteiligt, sich aber allzusehr auf den dauernden Fluss der Mittel aus Brüssel verlassen hat. So genügten 2004 rund 2 Milliarden Forint im Jahr (ca. 7 Mio EUR) um 10% der Schüler jeden Tag ein Glas Milch zu garantieren, doch den anderen 90% war damit kaum geholfen. Die EU hatte dieses Programm eigentlich nur zur Anschubfinanzierung gedacht, damit sich die Länder Gedanken machten, die Probleme selbst zu lösen und so sind die jährlichen 2 Mrd. Forint auf mittlerweile 400 Mio Forint (ca. 1,35 Mio. EUR) zusammengetröpfelt, ohne dass eine Regierung die Differenz ausgeglichen, geschweige denn das Programm aufgestockt hätte. Zudem ist völlig unerklärlich, warum ein Land wie Polen mit vierfacher Bevölkerung rund das Zwanzigfache an EU-Beihilfe für dieses Programm abgegriffen hat und so gar nicht arme Länder wie Schweden, Deutschland und Frankreich pro Kopf die gleichen Hilfen einkassierten wie die Ungarn. (Natürlich gibt es dafür zwei schlüssige Erklärungen: 1. die Verantwortlichen haben wieder einmal lauthals verkündet, in ihrem Land sei eh alles in bester Ordnung und trauten sich dann vor lauter Stolz nicht zuzugeben, dass daheim Kinder hungern, oder 2. man hat es einfach verpennt, rechtzeitig die richtigen Anträge zu stellen, Anm.)

Dabei könnten die ungarischen Bauern selbst, so weiß das Ministerium, ihre Kapazität leicht um 15-20% aufstocken. Es ist kein Trost, wenn der Ministerialbeamte darauf verweist, dass die Ungarn seit der Wende ohnehin viel weniger Milch trinken bzw. verbrauchen, 1987 waren es noch 200 Liter pro Jahr und Kopf, jetzt 160 Liter. Was für eine Milchmädchenrechnung er da immer aufmacht, sie hat nichts mit dem Thema zu tun.

Promis trommeln für das Milchprogramm

Immerhin will das Ministerium 2011 wenigstens wieder 1 Milliarde "bei Seite legen" und schon Ende des Monats das eingeschlafene Programm wiedererwecken. Dabei bedient man sich neben dem Engagement der Kommunen auch einiger lokaler Promis und Katalin Schmitt, der Frau des Staatspräsidenten, die mit ihrer Stimme für Spenden sorgen wollen: "denn alle hoffen, dass es dieses Programm zukünftigen Generationen ermöglichen wird, gesünder aufzuwachsen und die Zahl der hungernden Kinder zu reduzieren..." so Herr Szabó aus dem Ministerium.

Zwar hat man noch nie davon gehört, dass Kinder von Milch und großen Worten satt geworden und gesund geblieben sind, aber immerhin scheint man auf Regierungsseite die nationale Schande hungernder Kinder mitbekommen zu haben und macht (wieder) einen Anfang, das Problem zu beseitigen.

Hunger ist Gewalt an Kindern

Bereits in den Neunziger Jahren sammelten Charity-Vereine aus dem In- wie Ausland Geld, um Kindern in Nordostungarn, denn dort liegt der Armutsschwerpunkt, wenigstens eine Mahlzeit am Tag zu verschaffen. Was der Ministerialbeamte jedoch wohlweislich nicht erwähnte, war, dass die meisten dieser hungernden Kinder Roma sind, womit er nämlich hätte zugeben müssen, dass es - auch seiner Regierung - an einem Plan für die speziellen sozialen Probleme der größten ethnischen Minderheit mangelt und so aus systemischem Rassismus, sei er auch nur aus Unterlassung entstanden, Hunger, also Gewalt an Kindern erwachsen ist, für die keine noch so leere Staatskasse jemals eine Entschuldigung sein kann.

-red. / M.S.
 

 

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