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(c) Pester Lloyd / 39 - 2010  BOULEVARD 28.09.2010

 

GLOSSE

Fusel für´s Volk

Steuerbefreiung für private Pálinkadestillation in Ungarn - Festival auf der Burg

Das Land hat einen vierten Nationalfeiertag: seit Montag, 27. September, ist die private Schnapsbrennerei in Ungarn steuerbefreit. Diese Maßnahme ist tatsächlich Teil des 29-Punkte-Sofortprogrammes der Orbán-Regierung zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft und erweckt nicht nur den Anschein der Gnade eines gütigen Potentaten. Nationalökonomisch geradezu absurd ist sie auch ein Menetekel für die Volksgesundheit und psychologisch ein schwerer Fehler. - Qualität soll es hingegen auf der Burg beim Pálinka- und Wurstfestival vom 7. bis 10. Oktober geben.

Umständliche Begründung

Bis zu 50 Liter 86%igen Pálinka, also Schnaps aus der Destillation von Obst oder bis zu 400 Liter 50%iger Fusel pro Haushalt sind seit diesem Montag pro Jahr steuerfrei, solange sie für den Eigenbedarf dienen und nicht verkauft werden. Für alle darüberliegenden Mengen oder jede Flasche die verkauft wird, wird die übliche Alkoholsteuer von 1.380 Forint (um die 5 EUR) je Liter reinen Alkohols fällig. Begründet wurde diese "Sofortmaßnahme", die vor ein paar Monaten von Viktor Orbán im Parlament im gleichen Atemzug mit Bankensteuer und Rettung von Fremdwährungskreditnehmern genannt wurde, vor allem damit, dass man dem "braven ungarischen Landmann" als Staat nicht in jahrhundertealte Traditionen hineinzupfuschen habe und, dass "wer schwer arbeitet", auch "seine Freude" haben soll. Früher Zuckerbrot und Peitsche, heute Schnaps und Kommuniques.

Vier Flaschen pro Woche und Kopf = privater Verbrauch?

Legt man obige Rechnung auf den Konsum um, bedeutet sie, dass man im Finanzministerium davon ausgeht, dass 400 Liter oder 800 Flaschen 50%iger Pálinka die normale Verbrauchsmenge in einem ungarischen Haushalt ist. Bei Vater, Mutter und zwei Kindern, wird also jedem Familienmitglied - von Säugling bis Greis - der Konsum von vier Pullen Schnaps pro Woche zugetraut. Vielleicht steckt doch ein höherer Plan dahinter, die Leute in einen Dauerrausch zu versetzen, wer weiß schon, was die Regierung noch vorhat...

Abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten, immerhin liegt Ungarn bei Alkoholismus und herz- wie kreislaufbedingtem Ableben an führenden Positionen in Europa, ist diese Steuerbefreiung wirtschaftlich eher ein Schuss ins Knie, konkurriert nämlich die private Erzeugung nun sogar offiziell mit all den kleinen und großen Pálinka-Destillen, die eigentlich unter den besonderen Schutz der Mittelstandsförderung fallen müssten und die durch erhöhte Verbrauchs- und Mehrwertsteuer ohnehin schon mit kräftigen Umsatzeinbußen zu kämpfen hatten.

Den Staat austricksen - ein Urbedürfnis jeden braven Bürgers

Freilich war die Besteuerung jeder einzelnen Flasche Selbstgebrannten, so wie es vorher der Fall war, ein bürokratisches Monster, dessen Tod aus Effizienzgründen nur logisch war. Niemand konnte tatsächlich kontrollieren, was in den Garagen und Scheunen der Bauern an Fallobst vergoren und verdampft wird und so blieb die Schwarzbrennerei stets ein Kontinuum des zivilen Ungehorsams. Durch die Legalisierung nimmt man den Leuten nun den Spaß und das Bewußtsein, den Staat ein bisschen ausgetrickst zu haben, ein Urbedrüfnis jedes braven Bürgers. Wer aber die Ungarn kennt und man musste ja annehmen Orbán kennt seine Leute, da er selbst Ungar, wenn nicht gar der erste unter ihnen ist, weiß, dass sie Wege finden werden, dieses Bedürfnis auf andere Weise zu befriedigen. Zum Beispiel indem sie Mineralwasser trinken und alle 400 Freiliter verchecken, freilich sämtlichst als Geschenke deklariert. Damit die Nationalschenkerei sodann am Markt bestehen kann, werden die Brennmeister der dann bald insolventen Destillen von Árpád bis Zwack Unicum - wiederum schwarz - als Berater hinzugezogen.

Geheimtipp: Laufen Sie!

Noch ein Tipp am Rande: lädt sie ein ungarischer Nachbar, Freund, Bekannter oder gar Geschäftspartner mit geheimnisvollem Lächeln und verschwörerischem Fingerzeig auf einen Kanister "Selbstgebrannten" ein, laufen Sie, was immer er Ihnen vorplaudert von "der beste der Gegend", laufen Sie, so schnell Sie können. Entkommen Sie nicht, täuschen Sie Magengeschwüre vor, aber trinken Sie das Zeug nur, wenn Ihr Gastgeber einen gesunden Eindruck macht oder Sie bereits eine aus Hausschlachtung hervorgegangene Wurst gegessen haben, denn diese ist meist nur mit dem Selbstgebrannten abbaubar.

Raffinierte und beodenständige Genüsse bei einem viertätigen Gelage

Eine Auswahl der besten Pálinkas aus gewerblicher Produktion, flankiert von ebenso herzfreundlichen Würsten, aber auch dem eigentlichen "Eau de vie" der Ungarn, dem Wein, kann man vom 7. bis 10. Oktober in der Budaer Burg beim "Pálinka & Wurstfestival" probieren. Ehrengast des diesjährigen Gelages ist der Grappa aus Italien. Für 1.900 Forint, rund 7 EUR Eintritt erhält der Besucher ein Degustationsglas und einen 500 Forint-Verkostungsbon und kann sich so von Stand zu Stand durcharbeiten, raffinierte wie bodenständige Genüsse werden versprochen, das Ambiente ringsum ist ohenhin einmalig. Übertönt wird das Schlürfen und Schmatzen durch Live-Musik von einschlägigen Stimmungsbands des Landes.

ms.

www.palinkaeskolbasz.hu

 

 

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