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(c) Pester Lloyd / 41 - 2010
WIRTSCHAFT 11.10.2010
Vorläufige Schlussbilanz
Erwin Gross verabschiedet sich nach zwölf Jahren als DWC-Chef in Györ
Zwölf Jahre war Erwin Gross Chef
der Sektion Györ des Deutschen Wirtschaftsclubs (DWC) in Ungarn. In der vergangenen Woche hat der gebürtige Ungar mit Schweizer Pass Abschied von nahezu allen seinen
Funktionen in diesem Lande genommen, um sich in seine Wahlheimat zurückzuziehen. Er selbst kann mit Stolz auf die vielen Jahre in Ungarn an seinem Hotel Schweizerhof und seinen
unternehmerischen Aktivitäten zurückblicken, - die Bilanz für seine Heimat sieht indes düster aus.
Es war kein leichtes Abschiednehmen. Weder für Erwin Gross, noch für die nicht nur aus
Györ, sondern auch aus Budapest angereisten Mitglieder des DWC und deren langjährigen Gäste. Schließlich hat Gross, der Ingenieur, Wirtschaftsprüfer und Hotelier,
der noch bis vor Kurzem auch Eigentümer des Hotels Schweizerhof war, hier kräftige und nachhaltige Spuren hinterlassen. Zu besichtigen sind diese einmal am und im
Romantik-Hotel selbst sowie am gepflegten historischen Umfeld.
Die Spitzen-Küche des Schweizerhofs war legendär und deswegen auch weit über die
Grenzen der Stadt und des Landes hinaus bekannt. Nicht nur zu den Französischen Wochen, die hier mehrfach vom Elsässischen Meisterkoch Josef Matter zelebriert
wurden, konnten sich die DWC-Mitglieder und viele Gäste davon überzeugen. Überzeugt hat auch seine stabile Küche, sein hervorragender Service und er, Erwin Gross selbst als
Wirt der besten alten Schule. Dass sich in seiner Umgebung, in der von ihm wesentlich geschaffenen Atmosphäre, die Wirtschaftsleute, Politiker und Kulturmenschen
wohlfühlten, konnte beim Abschieds-Defilee in Györ erneut besichtigt werden.
Viel bewegt in Köpfen und Herzen
In seiner anrührenden Bilanzrede konnte er mit Stolz auf zwölf Jahre Einsatz für das wirtschaftliche
Engagement zahlreicher Firmen hier in Ungarn zurück blicken. Das waren aber auch zwölf Jahre angestrengte Arbeit für sein Heimatland, das ihm letztlich bis heute den Dank dafür
schuldig geblieben ist. Nicht zum ersten Mal machte er auf die desolate Wirtschafts- und Bankensituation, auf die Führungsschwächen der Politik sowie auf den moralischen Verfall
dieses in vielen Teilen korrupten Landes aufmerksam. Letztlich war es das strenge aber gerechte Zeugnis eines Unternehmers, der mit viel Hoffnung und Enthusiasmus in seine
alte Heimat kam, um dort beim Wiederaufbau zu helfen, allzu oft aber enttäuscht worden ist.
Durch zahlreiche Vorträge, Gespräche und Begegnungen zwischen verantwortlichen
Vertretern Ungarns, Diplomaten, Wirtschaftsexperten und den DWC-Mitgliedern versuchte er dem entgegen zu steuern und dabei mitzuhelfen, Ungarn von der „Roten
Laterne“ in Europa zu befreien. Wenn es auf diesem Weg auch immer mal wieder persönliche Rückschläge und Enttäuschungen gab, so hat Erwin Gross doch viel bewegt, -
und sei es auch nur in den Köpfen und Herzen seiner DWC-Mitglieder und Freunde.
Sein Nachfolger, Friedel Hessling, ein langjähriges DWC-Mitglied, wird es nicht leicht
haben, an das atmosphärische, intellektuell und kulturelle Niveau seines Vorgängers anzuknüpfen. Wir wünschen ihm dazu jedenfalls viel Mut, Weitblick sowie Einfühlungs-
und Durchsetzungsvermögen – kurz: Erfolg.
Niemals geht man so ganz...
Und Erwin Gross wünschen wir, dass er bei seinem Rückzug in die Schweizerischen Berge
sein Heimatland nicht ganz vergessen möge, sondern, statt Ziegen zu züchten, eher seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Ungarn für nachfolgende Generationen zu Papier
bringen sollte. Schließlich kommen auch wieder bessere Tage – für ihn, für den DWC und vielleicht auch für Ungarn. Dass er sich diesen Optimismus bewahrt hat, davon zeugt die
Existenz seiner Firma für Wirtschaftsprüfung und beratung, die er als Helvetia-Consulting auch weiterhin in Ungarn betreiben wird. Und wenn ihn dann das
Heimweh packen sollte, dann würden wir uns freuen, wenn er mal bei einer künftigen DWC-Veranstaltung vorbei käme, schon allein deswegen, um sich bestätigen zu lassen,
dass sein Weggang zwar traurig für uns, aber vermutlich richtig und gut für ihn war...
G.B.S.
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