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(c) Pester Lloyd / 41 - 2010 POLITIK 13.10.2010

 

Mechanismus kein Automatismus

Ungarn und die komplizierte Hilfe durch die EU

Wie funktioniert der Zivilschutz-Mechanismus der EU und warum kommt er für Ungarn eventuell gar nicht in Betracht? Weil die Katastrophe nicht naturgemacht ist und die Schäden womöglich zu gering sind, könnte es sein, dass Ungarn vorerst ohne direkte EU-Gelder bleibt. Eine EU-Expertendelegation ist trotz vieler ungeklärter Fragen vor Ort und unterstützt die ungarischen Katastrophenhelfer mit Know how.

Lacht der ungarische Premier oder will er EU-Häuptling Barroso gleich zerfleischen?
Das Foto übernahmen wir von Orbáns offizieller Facebook-Seite,
mit freundlicher Genehmigung des MEH

Nachdem die ungarische Regierung am vergangenen Donnerstag eine Anfrage um Hilfe an das Beobachtungs-und Informationszentrum der Europäische Kommission stellte, trafen Montagmorgen fünf von der Europäischen Union entsandte Fachleute aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Belgien und Schweden am Unfallort Ajka ein. Sie sollen die ungarischen Behörden beim Kampf gegen die durch den Rotschlamm entstandene Umweltverschmutzung unterstützen.

Die im Rahmen des EU-Zivilschutz-Mechanismus entsandten Experten mit umfassender praktischer Erfahrung, sollen die Auswirkungen der freigesetzten Chemikalien auf die Umwelt untersuchen und dabei helfen, die entstandenen Schäden an der Tier- und Pflanzenwelt einzudämmen, sowie die landwirtschaftlichen Flächen in den betroffenen Gebieten zu dekontaminieren.

An dem 2001 beschlossenen EU-Zivilschutz-Mechanismus sind insgesamt 31 Staaten beteiligt, die 27 EU-Mitgliedsstaaten, sowie Kroatien, Island, Liechtenstein und Norwegen. Sie sollen in Reaktion auf Anfragen aus Katastrophengebieten weltweit schnelle Hilfe zur Verfügung stellen. Die Koordination der Hilfsmaßnahmen obliegt dem Beobachtungs-und Informationszentrum der Europäischen Kommission (BIZ). In diesem Jahr betrug das Budget für die operativen Abläufe des BIZ sowie die Akquise spezieller Fachkräfte 26 Mio. Euro, rund 1,1 Mio. Euro davon wurden für Frühwarnsysteme bereitgestellt. Einsätze fanden unter anderem bei den Erdbeben in Haiti und den Überflutungen in Pakistan statt. Ungarn erhielt bei den Hochwassern im Mai bereits Unterstützung durch das Programm. Die Kosten für die Einsätze sollen laut den Durchführungsbestimmungen jeweils von dem betroffenen Land selbst getragen werden. In der Vergangenheit wurden die Hilfeleistungen allerdings aus Solidaritätsgründen ganz oder teilweise kostenfrei zur Verfügung gestellt, so dass die Frage einer tatsächlichen finanziellen Beteiligung seitens der ungarischen Regierung noch offen ist.

EU: Ungarns Katastrophe war zu klein und nicht von der Natur gemacht

Zuvor wurde bereits eine mögliche Unterstützung Ungarns aus Mitteln des EU Solidaritätsfonds diskutiert. Ton Van Lierop, Pressesprecher der Europäischen Union, bezeichnete dies jedoch als unwahrscheinlich, da das jährliche Budget des Fonds von 1 Milliarde Euro ausschließlich für durch Naturkatastrophen entstandene Schäden angelegt ist, nicht für Industrieunfälle wie den Dammbruch. Auch die weiteren Voraussetzungen um Gelder aus dem Fond zu beziehen, Sanierungskosten in Höhe von über 591 Mio. Euro sowie der Nachweis, dass diese nicht durch eine vorliegende Versicherung gedeckt werden, sind laut Lierop nicht erfüllt. Doch eben die Tatsache des menschlichen Verschuldens, welche einer möglichen Hilfe aus dem Solidaritätsfond entgegensteht, macht auch eine Haftung seitens der Versicherungen unwahrscheinlich, zumal die MAL Rt. wohl keine im Verhältnis zu den tatsächlich entstandenen und weiterhin zu erwartenden Kosten stehende Versicherungsabdeckung aufweist.

Die ungarische Regierung hat zehn Wochen nach Beginn der Katastrophe Zeit, um Zuwendungen aus dem Fond zu beantragen. Viktor Orbáns Kommentar, dass Ungarn „keine ausländische Finanzhilfe benötige und nur von dem Recht darauf Gebrauch mache“ hat die Bereitschaft der EU zur Bereitstellung von Geldern sicher nicht gefördert. Für die Betroffenen bleibt nur zu hoffen, dass sich ausreichend Unterstützungen finden werden, deren Notwendigkeit an dem entstandenen Schaden und nicht den verursachenden Umständen festgemacht wird. Denn auf die Verantwortlichen für die Katastrophe zu verweisen heißt leider nicht, dass diese auch in angemessenem Maße dafür aufkommen (werden).

Luisa Stock

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