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(c) Pester Lloyd / 42 - 2010 NACHRICHTEN 21.10.2010

 

Die schönen Nebenstraßen der Kinowelt

Pracht - Geschichte - Cineastik: Programmkinos in Budapest

Wer neue, anspruchsvolle Filme, aber auch Klassiker und Geheimtipps sehen will, sollte sich die anonymen Palace- oder IMAX-Kinokomplexe in Budapest ersparen und die geschichtsträchtigen, teils prächtig restaurierten Filmtheater mit großartigem Hollywoodflair plus Lokalkolorit besuchen. In diesen Kinos, die noch zu recht den Namen Lichtspielhaus tragen könnten, ist nicht nur das Programm einen genaueren Blick wert.

Das Uránia, interessante Filme in atemberaubender Atmosphäre

Schon von außen wirkt das historische Uránia-Kino würdevoll und elegant. Umschlossen von zwei Wohnhäusern fällt es mit seinem venezianisch-maurisch-historistisc hen Baustil schnell ins Auge. Eingetreten, glaubt man kaum, dass dies ein Kino sein soll, wirkt es doch von innen eher wie ein Palast, detailliert verziert, üppig, wertvoll. Kein Wunder, dass hier vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gesellschaftliche Veranstaltungen und bis heute die Premiere jedes bemerkenswerten ungarischen Films, sowie internationale Film-Festivals und kulturelle Events stattfinden.

Das von Henrik Schmal designte und um 1890 fertiggestellte Gebäude war zunächst als Musik- und Tanzsaal geplant, eröffnete letztendlich aber als Kabarett. Um die Jahrhundertwende herum diente es der Uránia-Gesellschaft als Ausstellungsort für wissenschaftliche Präsentationen, illustriert mit bewegten Bildern. Obwohl der Zweck des Gebäudes sich nach kurzer Zeit wieder änderte, blieb der Name bis heute bestehen.

1901 machte das Uránia einen erneuten Schritt in Richtung seiner heutigen Funktion, als der erste ungarische Film in seinen Hallen gedreht wurde. „Tänze“ thematisierte die Geschichte des Tanzes, Schauspielerin Lujza Blaha, eine ungarische Legende, sollte dem Film zu zusätzlichem Ruhm verhelfen. Heute erinnert nur noch die Filmhülle in der Haupthalle an den von einem Feuer vernichteten Film. Kurze Zeit später wurde das Interieur des Uránia erstmals umgebaut, mit der Intention es für erste Filmvorstellungen zu nutzen. 1930 wurde das Uránia zu einem UFA Kino, zahlreiche Galas und öffentliche Veranstaltungen fanden hier statt.

Nach seiner letzten Umgestaltung 2002 beinhaltet ein Besuch im Uránia-Kino nicht nur einen hoffentlich guten, europäischen Arthouse-Film sondern auch eine Bar, ein unterirdisches Labyrinth mit einer Halle für Ausstellungen und ein Café, das das 30er Jahre Hollywoodflair ebenso widerspiegelt wie das gesamte Kino an sich.

Das Corvin, Filme auf revolutionär blutigem Boden

Das Corvin-Kino hat eine grausame, blutige Vergangenheit, ein Denkmal an seiner Seite erinnert an  die vielen - oft jungen - Menschen, die 1956 am Corvin köz gegen die sowjetische Invasion kämpften und ihr Leben für ein demokratisches Ungarn ließen. Das Corvin, das damals schon als Kino fungierte, und seine Umgebung wurden aufgrund seiner perfekten strategischen Lage schnell die Basis für eine der größten bewaffneten Gruppen gegen die sowjetische Armee. Ein weiter Blick über benachbarte Straßen und beinah vollkommene Blickdichte für die fremden sowjetischen Mächte machten das Corvin zum Stützpunkt der Aufständischen.

Heute ist nur noch das Denkmal Zeuge der grausamen Vergangenheit und fast vollständigen Zerstörung des Kinos. 1996 wurden die Renovierungsarbeiten am Corvin fertiggestellt und seitdem erstrahlt es wieder in seinem ursprünglichen Jugendstil-Glanz, neue Ton- und Bildtechniken runden den Kinobesuch zusätzlich zu der Theateratmosphäre im Auditorium ab.

Die einzelnen Kinosäle sind nach verschiedenen ungarischen Berühmtheiten aus dem Film und Fernsehgenre benannt, beispielsweise der Karady-Saal, der der Schauspielerin und Sängerin gewidmet ist, oder der Korda-Raum, der seinen Namen dem ungarischen Regisseur und Produzenten zu verdanken hat.

Zeitgenössisch-Anspruchsvolles und Archiviertes im Örökmozgó Filmmuseum

Nach dem Umbau von einer Boutique eröffnete 1912 das Örökmozgó Filmmuseum als „Royal Nagymozgó“. Von dem ungarischen Filmkunstpionier József Radó gegründet, konnten Filminteressierte dort die neusten Abenteuerfilme und Western angucken. Nach der Umbenennung in „Vesta“ im Jahre 1925 und „Erzébet“ 1942 hieß es zunächst wieder Vesta, dann Pentele und schließlich Mátra, Mitte der 50er Jahre. Nach einem weiteren Umbau im Jahre 1958 diente das Mátra hauptsächlich für Vorstellungen von Fabeln, das Zielpublikum waren Kinder und Jugendliche. 1991 eröffnete das heutige Örökmozgó Filmmuseum.

Hollywood-Blockbuster sucht man hier vergeblich, doch gerade das macht den Charme, den das Örökmozgó Filmmuseum ausstrahlt, aus. Sowohl das kleine Café als auch die wenigen Angestellten und das enge Auditorium repräsentieren die gemütliche, persönliche Atmosphäre. Im Fokus dieses Lichtspielhauses liegen alte, auch ungarische, Filme, teilweise aus den 20ern und 30ern und neue Kunstfilme, die in den kommerziellen Kinos nicht gespielt werden. Hier wird ein abwechslungsreiches Programm angeboten, das fast immer mit Untertiteln versehen oder englischsprachig ist.

Teil des Örökmozgó Filmmuseums ist das „Taschenlampen“-Programm. In diesem werden zeitgenössische Filme aus allen Teilen der Erde ausgestrahlt. Filmemacher sind meist Anfänger und vor allem diejenigen Regisseure, die Schwierigkeiten mit der Finanzierung ihrer Filme haben und deren nächste Veröffentlichung vorrausichtlich kein Kassenschlager wird, deren Filme aber Zeugen der heutigen Zeit und Probleme sind.

Neben den glänzenden, geschichtsträchtigen Lichtspielhäusern macht sich parallel eine moderne Kinobewegung breit. In den neuen Kinos kann man frühstücken, Café trinken, lesen, diskutieren. Repräsentant dieser neuen Generation könnte „Kino- Kaffee, Kultur“ sein.

Kino für den ganzen Tag

Äußerlich ist dieses Kino ein Café, doch im Inneren kann man sich die Verbindung zur Kinowelt schnell erschließen. Das Design, sowie die aufgehängten Filmplakate weisen auf die zusätzliche Funktion dieses Cafés hin. Auch hier ist man mit dem Wunsch nach neusten Blockbustern verkehrt. Gerade deshalb ist dieses Kino versteckt, es versteht sich selbst eher als Beschützer der Kunstfilm-Kultur. Auch nach dem Film kann man noch bleiben um das gerade gesehene mit den anderen Zuschauern zu diskutieren.

Sarah Schäfer

Mehr zum Thema:

 

Mehr zu den Kinos und deren aktuellen Programmen:

http://www.urania-nf.hu/
http://www.corvin.hu/
http://www.filmarchive.hu/orokmozgo/program/index.php

 

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