Hauptmenü

 

 

 

 

Share

 

(c) Pester Lloyd / 44 - 2010 GESELLSCHAFT 02.11.2010

 

Alles unter Kontrolle?

Einen Monat nach der Giftschlammkatastrophe in Ungarn sind noch fast alle Fragen offen

Mehr als dreihundert Menschen gedachten an Allerheiligen auf dem Friedhof den neun Toten der Giftschlammkatastrophe. Fast einen Monat nach "der größten Umweltkatastrophe in der Geschichte Ungarns", sind weder die Schuldigen bestraft, noch ist den Opfern adäquat geholfen. Von einer Aufarbeitung im Sinne längerfristiger Perspektiven ist erst recht nichts zu spüren, die offiziellen Stellen fallen in die alten Gewohnheiten des Herunterspielens und Verschweigens.

“Die Luft ist in Kolontár besser als in Budapest”,
Regierungssprecherin Nagy vor einigen Tagen vo Journalisten

15 Mio EUR "Schadensersatz" für die Opfer der Giftschlammkatastrophe

"Nach Beratung durch Experten und Betrachtung des Problems aus allen Winkeln hat der Innenminister entschieden, dass für die Opfer der Rotschlamm-Katastrophe 4 Milliarden Forint auf die Seite zu legen sind." so lautet es in einer Aussendung der staatlichen Nachrichtenagentur MTI vom Freitag. Somit wird der individuelle Schaden für die Bewohner der betroffenen Orte auf knapp 15 Mio EUR beziffert. Bei 646 Parteien, die bisher Ansprüche angemeldet haben, ergibt das eine durchschnittliche Schadenssersatzsumme von 23.200 EUR, allerdings sind davon erst 175 Mio. Ft. (640.000.- EUR) bzw. knapp 1.000 EUR pro Geschädigtem ausgezahlt worden. Nicht mitgerechnet sind direkte Spendenverteilungen an Betroffene, auf die vor allem ausländische Spender mitunter gesteigerten Wert legten sowie die meist kläglichen "Regulierungen" über die Versicherungen.

Die Ermittlungen über Ansprüche ziehen sich nun schnon bald einen Monat, wobei anzumerken ist, dass die Betroffenheiten von kleineren Verschmutzungen im Garten, Ernteausfall durch kontaminiertes Obst bis zur Vernichtung des gesamten Heim und Hofes und dem Verlust von Angehörigen reichen. Indirekte Kosten, z.B. der fast 100%ige Wertverfall auch der unbeschädigten Immobilien der Region sind dabei nicht berücksichtigt, auch die Kosten für den Neuaufbau von Existenzen sind nur zum Teil in den Abgeltungszahlungen enthalten. Die Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden liegen deutlich höher als die Zahlungen an die betroffenen Menschen, festlegen mochte sich ein Offizieller dabei aber nicht mehr, zuvor machten Größenordnungen von 40 Mio. EUR die Runde.

Ein Verletzter immer noch in kritischem Zustand

Ein Schwerstverletzter der Giftschlamm-Katastrophe vom 4. Oktober ringt knapp einen Monat danach immer noch mit dem Tod. Der ältere Herr bräuchte dringend eine Operation, doch ist er durch die Verbrennung / Verätzung von 75% seiner Haut in einem derart schlechten Zustand, dass er permanent künstlich beamtet werden muss und im Tiefschlaf gehalten wird, an einen umfangreichen chirurgischen Eingriff ist daher zur Zeit nicht zu denken, teilt das behandelnde Krankenhaus mit.

Eigenartige Geheminiskrämerei der Regierung

Während Straßen und Schienen wieder als "befahrbar" gemeldet werden, sind aktuelle Messwerte über Feinstaub, Giftkonzentrationen in Gewässern, Schwermetalle im Boden und Informationen darüber, wie diese mittel- und langfristig auf Gesundheit, Landwirtschaft etc. wirken, Mangelware. Offiziell heißt nur immer, die "Messwerte liegen im normalen Bereich", "unter den Grenzwerten" (welchen?), oder auch schonmal "die Luft in Kolontár ist besser als in Budapest" (Regierungssprecherin Nagy). Zudem verweisen die offiziellen Stellen darauf, dass der "Zustand der Giftschlammbecken im Normbereich" liege und die neu anfallenden Schlämme in ein bisher ungenutztes und vollüberprüftes Becken geleitet werden. Unklar ist noch die Situation an dem Becken, das bereits Risse aufwies und von den Rettungskräften als höchst einsturzgefährdet beschrieben wurde. Am Montag, 1. November, “wurden weitere kleine” Bewegungen im Mauerwerk registriert.

Die ungarische Regierung und das ihr unterstellte Katastrophenmanagement begnügen sich auf der offiziellen Regierungs-Webseite, in Aussendungen zur Katastrophe und bei direkten Statements vor den Medien mit Meldungen über den heroischen Einsatz von Experten und Armee bei der Beseitigung der sichtbaren Folgen der Giftschlammflut und der Klärung der Schuldfrage (siehe Meldung vom Vortag). Konkrete Nachfragen werden mit Allgemeinplätzen beantwortet, gibt man sich damit nicht zufrieden, wird der Hörer aufgeknallt. Die englischsprachige Webseite wurde schon seit 12 Tage nicht aktualisiert, aufder ungarischen erscheinen Videomitschnitte von Ministerstatements, - die üblichen Anzeichen dafür, dass man die Sache als nationale Angelegenheit betrachtet und die Kontrolle über die Informationsflüsse wichtiger zu sein scheinen als die Perspektiven für die betroffenen Gebiete.

Greenpeace hat - von Österreich aus - mit Feinstaubmessungen begonnen und beklagt sich auch über die geheimniskrämerische Informationspolitik der Verantwortlichen, offenbar wolle man in Ungarn um jeden Preis "Normalität" und den Eindruck von "alles unter Kontrolle" herstellen. Eine weiterführende Debatte und gesetzliche Konsequenzen hat es bisher nur darüber gegeben, wie man Unternehmen, die Umweltkatastrophen verursachen, schneller an die Leine nehmen kann. Eine Diskussion über Stand und Kontrollmechanismen von Umweltstandards im Lande, also die Prävention, findet auch einen Monat nach der Tragödie im offiziellen Ungarn nicht statt.

-red.

Mehr zum Thema:

 

ALLES WEITERE ZUR KATASTROPHE IN UNSERER CHRONOLOGIE

Ich bedauere, aber....   MAL-Chef spricht von Terroranschlag als Ursache...

Kommentar: Schlammschlachten - Ungarn und seine wahren Katastrophen

DISKUTIEREN SIE ZU DIESEM THEMA IM GÄSTEBUCH

 

 



 

 

IMPRESSUM

 

Pester Lloyd, täglich Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa: Kontakt