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(c) Pester Lloyd / 45 - 2010 GESELLSCHAFT 12.11.2010

 

Der Vorzeigegauner

Der Fall Hunvald als Symbol für eine Ära

Allein die Anklageschrift umfasst 121 Seiten, die Beweismaterialien haben ein Ausmaß von 46.000 Aktenseiten. Der ehemalige Bezirksbürgermeister des VII. Bezirkes von Budapest, Erzsébetváros, György Hunvald muss sich, nach 21monatiger Untersuchungshaft, nun auf einen deutlich kürzeren Prozess aber eine um vieles längere Haftstrafe gefasst machen.

Das ehemalige MSZP-Mitglied Hunvald steht für viele Ungarn fast prototypisch für die als systematisch betrachteten Verfehlungen eines korrupten sozial-liberalen Regimes der letzten acht Jahre. Die Vorwürfe: Korruption, Amtsmissbrauch, Untreue, Urkundenfälschung vor allem im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften, bei denen der Stadtbezirk Immobilien unter dem Marktpreis an Firmen verscherbelt hat, die im Einfluss oder im Auftrag von Hunvald oder seinen Komplizen standen. Diese veräußerten die Spekulationsobjekte dann weiter, der Gewinn wurde geteilt.

Residiert seit fast zwei Jahren nicht mehr ganz so komfortabel: György Hunvald

Stadplanerische oder denkmalschützerische Vorschriften im historischen jüdischen Viertel von Budapest wurden dabei gebeugt bis sich die Balken bogen, von Wohnhäusern bis ganzen Shoppingcentern war alles dabei. Der Schaden für den Bezirk wird mit mehreren Millionen EUR angegeben. Mit dem Ex-Bezirksbürgermeister sind auch einige seiner engsten Mitarbeiter mitangeklagt. Weitere Fälle betreffen die Vergabe von fingierten Beraterverträgen an nahestehende Personen, fast schon ein Standardvergehen in diesen Kreisen. Die Anklageschrift wurde diese Woche übergeben.

Für zusätzliches Aufsehen sorgte der Umstand, dass Hunvald, der insgesamt acht Jahre an der Spitze des Bezirkes stand, noch monatelang seine Bezüge aus der Bezirksversammlung und sein Bürgermeistergehalt weiterbezog, obwohl er aufgrund der U-Haft weder Mandat noch Job erfüllen konnte. Erst nach rund einem Monat froren die Gerichte das Vermögen Hunvalds ein, stießen dabei aber mehr auf Schulden, der Mann hatte alles Wertvolle längst auf Verwandte überschrieben. Leute wie Hunvald, aber auch die Skandale in anderen Bezirken sowie die tatsächlich mafiaartig organisierte Ausplünderung der Nahverkehrsbetriebe BKV, Amtsmissbrauch im Büro des MSZP-Vizebürgermeisters etc., sorgten letztlich für die allgemeine Frustration, die sich im Wahlergebnis vom April widerspiegelt und das dem nationalkonservativen Fidesz nun allzu freie Hand gibt.

Dass auch für ihn bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung zu gelten hat, spielte in der durch die vielen Skandale der linken Landeshälfte aufgeheizten und von der rechten Presse weiterbefeuerten Stimmung keine Rolle. Dabei werden gerne auch antsemitische Andeutungen gemacht, weil es so winderbar ins aktuelle Feindbild passt. Ohnehin verstärkt sich der Eindruck, dass in Ungarn neuerdings eher die neuen Machthaber die Urteile sprechen als die Gerichte. So wurden nach der Machtübernahme in etlichen Behörden und Staatsbetrieben regelrechte Säuberungsaktionen druchgeführt, langjährige Mitarbeiter ohne Verfahren mit Hausverboten belegt, es zählte nur noch das Parteibuch.

Regierungskommissare für die Aufklärung von "Regierungskriminaltität" übernehmen zunehmend die Aufgabe von Staatsanwälten und verkünden auch gleich das Urteil, so wie gestern im Fall eines Grundstücksdeals am Velence See, in den die beiden Ex-Premiers Bajnai und Gyurcsány verwickelt sein sollen. Der zuständige Orbán-Beauftrage verkündete, dass Gyurcsány "in jedem Fall einer Verurteilung" entgegengeht. Die Betroffenen sprechen von einer politischen Verfolgungsjagd, tun sich aber schwer, die faktischen Vorwürfe entkräften zu können, sie verweigern einfach die Mitarbeit in diesen standrechtlichen Parlamentskomittees. Das Volk nimmt die neuen eisernen Besen nicht nur hin, sondern oft mit Applaus an.

Was kein Wunder ist, denn zu offensichtlich sind die Umstände: den Punkt auf das i im Falle Hunvald setzte nun die Information, dass der Fuhrpark des Autonarren seit Jahren im Garay Shopping Center steht und die monatlichen Parkgebühren von rund 100.000 Forint (350.- EUR) weiter pünktlich bezahlt wurden. Wie in einem schlechten Film bedient der Ex-Bürgermeister das Gaunerimage, unter den Fahrzeugen befinden sich zwei Jaguar, ein Ford Mustang, ein Lincoln, ein MG sowie weitere Fahrzeuge, dabei auch ein "modifizierter" Trabbi. Gesamtwert: ca. 500.000 EUR. Eine Zeitung machte sich die Mühe auszurechnen, dass Hunvald 13,5 Jahre hätte arbeiten müssen, um bei seinem Gehalt von rund 2.600 EUR im Monat einen solchen Fuhrpark zusammenzukaufen, - wenn er keinen einzigen Forint für andere Zwecke ausgegeben hätte.

Mehr zum Thema:

 

Anklage gegen Ex-Premier von Ungarn in Vorbereitung - 04.11.10
http://www.pesterlloyd.net/2010_44/44gyurcsklage/44gyurcsklage.html

Säuberungsaktionen - Jul 2010
Eine Eingreiftruppe setzt Manager staatlicher Betriebe in Ungarn im Dutzend vor die Tür
http://www.pesterlloyd.net/2010_28/28saeuberungen/28saeuberungen.html

Sumpf im Siebenten - Jan 2010
Neue Betrugsvorwürfe gegen einen Ex-Bezirksbürgermeister der Sozialisten in Budapest
http://www.pesterlloyd.net/2010_03/03hunvald/03hunvald.html

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