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(c) Pester Lloyd / 45 - 2010 WIRTSCHAFT 11.11.2010

 

Multis melken

Sondersteuern in Ungarn auch nach 2014

Multis melken ist neuer Nationalsport in Ungarn. Ab 2012 heißen die Krisensteuern nicht mehr Krisensteuern, weil es keine Krise mehr gibt. Man nennt es dann "neues System" (Arbeitstitel). Die Unternehmen fluchen, doch bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig als zu zahlen.

Noch ist das allgemeine Wehklagen über Höhe und Ungerechtigkeit der vergleichsweise hohen Krisensondersteuer für Banken, Energiefirmen, Telekoms und Handelsketten in den überweigend ausländischen Konzernzentralen sowie bei deren politischen Lautsprechern nicht verklungen, da hat die Regierungspartei FIDESZ bereits angekündigt, auch für "nach 2012 Umsätze für die Staatskasse" aus den betroffenen Branchen einnehmen zu wollen.

Rund die Hälfte der Sondersteuer bbleibt aufrecht

Regierungssprecher Péter Szijjártó kündigte "ungefähr die Hälfte" der jetzt angesetzen Sondersteuer als Teil eines "neuen Systems" an, das "die Multis" auch in Jahren, für die über 5% BIP-Wachstum prognostizitert sind, weiter zur Kasse bitten wird. Ursprünglich sollten die Sondersteuern nach 2012 auslaufen. Im Anhang zum neuen Staatshaushaltsplan, der eine Art von mittelfristiger Finanzplanung skizzieren soll, sind für die Jahre 2012-2014 jährlich 93,5 Mrd. Forint Bankensteuer eingeplant worden also ungefähr die Hälfte wie dieses Jahr, die anderen Krisensteuern sollen 2012, also in dem Jahr, in dem sie eigentlich auslaufen sollten, beträchtliche 166 Mrd. erbringen, für 2013 und 2014 jeweils 85,5 Mrd.

Statt Krisensteuer heißt es "neues System"

Der Präsident des als unabhängig gedachten Ungarischen Haushaltrates, György Kopits, meinte laut, dass "diese Regierung die brutalen Steuern auch nach 2014" aufrecht erhalten wird, weil sie finanziell kaum anders kann und - das sagte er nicht - wohl auch aus ideologischen Gründen. Denn das Melken der Multis kommt beim Volk prächtig an, das sich offenbar nicht im Klaren darüber ist, wo ganz am Ende die Rechnung landen wird. Dabei zeigte Regierungssprecher Szijjártó, wie seine Regierung Versprechen einhält. Er sagte, "dass es nach 2013 keinesfalls mehr eine Krisensteuer geben wird", gleichwohl "wird es noch Steuern geben", die heißen dann eben anders. Auch logisch, gibt ja dann keine Krise mehr, braucht man also keine Krisensteuer.

Präsident des Steuerrates fährt der Regierung in die Parade

Kopits fuhr der Regierung in einer im Staatsfernsehen vorgetragenen Analyse ziemlich in die Parade, dass man davon ausgehen kann, dass es entweder ihn oder seine ganze Institution so bald nicht mehr geben wird. Er meinte, dass "viele der von der Regierung im Haushaltsplan genannten Ziele nicht erreichbar sind, "was bedeutet, dass es unrealistische Zahlen" sind, die mehr den Willen als die Möglichkeiten der nächsten Zeit spiegeln. Eine Äußerung, die im heutigen Ungarn praktisch "Landesverrat" gleichkommen. Der Wirtschaftsdissident meinte weiter: auch die Planung von 400.000 neuen Jobs binnen vier Jahren (Gesamtplan 1 Mio. in 10 Jahren) sind unerreichbar, sein Rat rechnet mit rund einem Viertel davon, wenn alles gut geht.

Die beiden Hauptkrisensteuern erwirtschaften in diesem Jahr 182 Milliarden Forint (ca. 660 Mio EUR), bzw. 0,7% des BIP von den Banken (zuerst waren 200 Mrd. anvisiert) und nochmals 161 Mrd Forint von Telekomunternehmen, Energieunternehmen und Handelsketten. Die Steuer wird auf die Bilanzsumme bzw. den Umsatz gelegt, so dass sich die betroffenen Unternehmen (vorerst) kaum durch Preisumlagen auf den Kunden erleichtern können.

Erste Bank Ungarn baut 250 Stellen ab

Die Börse reagierte auf die Ankündigung mit einem kleinen Kursschock, die Lobbyisten klagen über "Gefährdung von Investitionen" und Arbeitsplatzabbau, der zumindest bei der K&H Bank sowie der ungarischen Abteilung der Erste Group schon als fixe Maßnahme umgesetzt wird. Letztere kündigte gestern an, 9% bzw. 250 der Angestellten in Ungarn abbauen zu wollen bzw. "zu müssen", woran nicht nur die Steuer, sondern auch "die Abschwächung des Kreditmarktes" Schuld seien. Im Sommer kam der Markt für Fremdwährungskredite an Privathaushalte durch Regierungsbeschluss faktisch zum Erliegen, auch weil rund 700.000 zahlungsschwächelnde Haushalte ein ökonomisches und soziales Pulverfass darstellen.

Falsches Selbstbild der ausländischen Investoren

Trotz allem hatten Erste und Kollegen jahrelang großartige Profite in Ungarn eingefahren und zu einem nicht geringen Teil auch ins Ausland transferiert, weshalb sich das Mitleid bei Volk und Staat in verständlichen Grenzen hält. Erste-Chef Treichl machte, seinen direkten Einfluss auf die Politik in Österreich mit seinen Möglichkeiten in Ungarn verwechselnd, besonders großen Lärm über die Sondersteuer, der ihn dort viel Ansehen gekostet hat, weil die Art und Weise seines Vortrags von offenbarer Falschheit und Arroganz troff.

Generell ist den Ausländern ihre Position in Osteuropa überhaupt nicht richtig klar. Sie selbst sehen sich als die großen Aufbauhelfer und Wirtschaftsankurbler, die Einheimischen betrachten sie aber eher argwönisch. Immerhin kassierten "die Multis" jahrelang Steuergeschenke, profitierten von Billiglöhnen und dürstenden Märkten, einen wirklichen Aufschwung im Lebensstandard bringt man mit ihnen aber kaum in Verbindung. Sie waren und blieben meistens mehr geduldete, denn gemochte Fremdkörper. Eine Einschätzung, die trotz gegenteiliger Beteuerungen und Charity-Aktionen der Unternehmen im Kern auch zutrifft, sonst wären sie ja keine Unternehmen, sondern eben Entwicklungshelfer.

Hilflose Forderungen aus dem Ausland

Drohungen mit Abwanderung gehen derweil ins Leere, da sich die Regierung mit den genannten genau jene Branchen ausgesucht hat, die vom heimischen Markt leben und sich nicht, wie z.B. Autobauer, Produktion etc. weiter nach Osten verziehen könnten. Bleiben noch zurückgehaltene Investitionen und Gefahren des Wirtschaftswachstum als Drohszenario, das aber die neue Regierung bisher wenig bis kaum beeindruckt hat, auch wenn sich mittlerweile die großen Wirtschaftskammerbosse sowie vereinzelte Politiker aus Deutschland, Österreich und der EU kritisch zu den Maßnahmen Ungarns äußern, meist, ohne gangbare Alternativen nennen zu können.

„Wir kritisieren heftig den Weg und insbesondere die mangelnde Vorhersehbarkeit und Kalkulierbarkeit für deutsche Unternehmen.“ kommentierte Werner Schnappauf, Präsident des BDI, des mächtigsten deutschen Industriellenverbandes, die Krisensteuer in Ungarn gestern, heute hat er also Gewissheit und kann kalkulieren. Der deutsche Einzelhandeslverband HDE verlangt vom deutschen Wirtschaftsministerium das Unmögliche, nämlich umgehenden Einsatz „für eine schnellstmögliche Änderung der drohenden Rechtslage“. Deutsche Unternehmen zahlen fast ein Drittel und damit den größten Anteil an der Krisensteuer, doch selbst der weltweit berühmte weinselige Charme des FDP-Wirtschaftsministers Brüderle wird die Granden in Budapest kaum von ihrem Weg abbringen. Was können die Unternehmen also tun? Zahlen und Beten.

Verschonung für ungarische Unternehmen?

Passend zum Thema hatte Regierungschef Viktor Orbán gestern einen Auftritt vor der Coop. Diese ungarische Handelskette, bestehend aus Lieferanten und Franchise-Nehmern und größter ungarischer Lebensmittelhändler, feierte gestern ihren 15. Geburtstag. Ein Geschenk gabs vom gütigen Monarchen auch schon. Die einzelnen Filialen der Coop werden vom Finanzamt womöglich als Einzelunternehmen bewertet und besteuert, was der Coop einen Großteil der Krisensteuer erspart. Orbán sagte auf der Feier: "das ungarische Volk zählt zukünftig auf starke Unternehmen in ungarischer Hand." Er wird jedenfalls alles dafür tun.

red.

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