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(c) Pester Lloyd / 45 - 2010
WIRTSCHAFT 12.11.2010
Patriotismus im Einkaufswagen
Supermärkte in Ungarn (wieder einmal) im Test
So erfreulich ein höherer qualitätvoller Anteil einheimischer Waren wäre, so niederschmetternd ist die oft einfältige Realität. Statt einer Bereicherung des
nationalen Angebotes, findet fast nur der Abbau internationaler Vielfalt statt. Dass die Mehrheit der Ungarn in Zeiten der Krise preiswert einkaufen will, bzw. muss,
ist verständlich, dass dies aber mit Rückschritten bei Vielfalt, Qualität und sogar Preisen einhergeht, dürfte eher ein Tribut an die Listungs-Philosophie der großen
Handelskonzerne sein als eine Anbiederung an den neuen patriotischen Mainstream.
I Metro: Wo bleibt ungarisches Lamm zu ungarischen Preisen?
Im METRO Hypermarkt hält der Trend zu minderwertigem ungarischen Weißbrot
unvermindert an, gerade für die im Backbreich besonders verwöhnten Deutschen und Österreicher ein schwerer Schlag ins Contor. So ist hier die Brotabteilung eine der am
schlechtesten geführten, die uninspirierteste aller hiesigen Märkte. Massenhaft Weißes, oft schon vom Tag zuvor und hart. Im hintersten Winkel ein paar Päckchen verschämte
Schwarzbrotpäckchen, vor Wochen maschinell gefertigt und abgepackt, geschmackfreies Baguette, und als „Labortest” ein paar knallharte und ungenießbare Körner-Ciabatta im
Schuber (lecker und ofenfrisch dagegen bei SPAR im Angebot). Kuchen gibt es nur als Dauerkekse Marke „Eiserne Ration” - im Blechkasten.
Beim Fleischangebot ist die schlecht geführte Frischetheke schon länger wegrationalisiert
worden, was aber niemanden stört. Wie immer gibt es die gleichen Masse an Grundfleischarten im Kühlraum. Früher gab es dort mal Kaninchen/-teile oder in der
Tiefkühltruhe angebotene Steaks (in Kartons) vom Rind, Schwein, Lamm und Strauß. Das alles ist nicht mehr im Angebot. Wie leider auch bei LIDL und ALDI, wo die feinen
deutschen Steaks nur noch vom Rind oder gar nicht mehr zu haben sind. In der Tiefkühltruhe dafür tiefgefrorenes Lamm aus Neuseeland zu exorbitanten Preisen. Wo
bleibt ungarisches Lamm zu ungarischen Preisen?
Sehnensalami Marke Túriszta
Auch der patriotische Ungar sollte sich ja gesünder ernähren, auch in Krisenzeiten. Bei
METRO sind selbst die verschämten kleinen Salamis aus Milano (gut gewürzt, mal ohne Paprika und hart, weil luftgetrocknet) zwischen dem Riesenangebot aus ungarischer
Produktion verschwunden. Warum soll der Konsument auch schmecken, dass die Kleinen aus Italien um Längen von besserer Qualität sind als die „berühmten” Ungarischen, die
sich solch komischer Namen bedienen wie „Túriszta” oder Téliszalami und den Fettanteil kaum verringert haben.
Überhaupt haben Herz und Pick, neuerdings unter dem Dach einer Holding in Besitz des
OTP-Bankchefs Csányi, durch Masse die Qualität eingebüßt. Immer häufiger macht man Sehnen oder Knöchelchen im Wurstbrät aus oder gar Hohlräume.
Geschmacksunterschiede zwischen den einzelnen ungarischen Salami gibt es kaum. Die Härte, die durch richtige Lagerung und nicht Überlagerung entsteht, ist seltener
auszumachen und überhaupt: Wer will schon immer dasselbe essen? Die junge Generation, nach der Wende geboren, weiß gar nicht mehr, wie die einst berühmte
Herz-Salami mundete. Konkurrenzprodukte nicht zu listen, ist vermutlich auch eine Methode, nicht auf Kritik gegenüber den eigenen Produkten zu stoßen. Da hat der
OTP-Oligarch ein echtes Projekt, wenn er die harten Fett-Prügel wieder international marktfähig machen will.
Fisch ist nicht überall frisch
Zugegeben, die Fischtheken, insbesondere die mit Seefischen, sind deutlich besser
bewirtschaftet als früher. Frischere Ware und besser präsentiert, wenn auch nicht immer in ausreichender Vielfalt bei den Seefischen, was aber auch etwas mit den
Ernährungsgewohnheiten der Ungarn und logistischen Fragen zu tun haben mag, auf die man derart reagiert. Diese positiven Aussagen treffen für die METRO und CORA zu.
Nicht für AUCHAN. Im Mutterland der Kette könnte das, was hier als Frischfisch angeboten wird, - einheimischer Karpfen oder Wels, kein Seefisch – eine Revolution der
Verbraucher auslösen. Das Angebot und Präsentation sind eine Schande! – für AUCHAN. Und warum der Zuchtlachs (kein Wildlachs), inzwischen überall anzutreffen, auch im
Tiefkühler, derart überteuert ist, kann niemand begründen. Die wirklichen Inhalte aus nicht auszumachenden Produktionsstätten, manchmal nur als tengerihál (Seefisch)
deklariert, kann nicht EU-Niveau sein. Mit noch frischen Sonderangeboten, - damit der noch essbare Fisch schnell raus geht - wird kaum gearbeitet. Räucherfisch, Makrele oder
Hering, abgepackt, sind meistens übersalzen. Die Räucherlachs-Scheiben, mit weniger Inhalt als in Deutschland, aber genauso teuer bei ALDI und LIDL.
Glitschiges an der Gemüsetheke
Das Gemüseangebot in seiner Breite ist wiederum in der METRO am besten; gelegentlich
findet sich dort sogar eine Knospe Chicorée, wenn auch mit grünlichen Außenblättern, da sie unsachgemäß beim Wachsen bzw. Lagern und Transportieren Licht bekommen
haben, was dann Bitterstoffe erzeugt. Lobenswert sind die abgepackten frischen Kräuter (Basilikum, Koriander, Petersilie, Schnittlauch, Rosmarin usw.) und
Feingrünwaren wie Zuckerbohnen, Fingerbohnen, Spargel, Zuchtpilze und abgepacktes Suppengrün. Apropos „abgepackt”: in Folie findet sich dort nicht selten Glitschiges,
Angefaultes, weil zu selten nachkontrolliert wird. Hygienisch verpackter Kompost. Günstig sind auch Südfrüchte in kleineren Kisten, aber auch hier findet zu wenig
Kontrolle wegen verdorbener Ware statt. Die Grünwarenabteilung von CORA hat ihr Niveau ganz und gar nicht verbessert. Exotische Früchte sind auf mikroskopische Dosen
reduziert. Die Avocados oder Mangos, wie schon immer: klein und hart und überteuert. Kiwis zu früh geerntet und ohne Aroma.
Abhängen in Ungarn verboten, stopfen nicht
Im CORA ist die Fleischtheke mit den abgepackten Teilen von Schwein, Geflügel, Rind,
manchmal Kalb gut sortiert und ansehnlich, auch Perlhuhn und Mangalicza-Schwein annehmbar und appetitlicher angerichtet. Immer vorhanden Geflügelleber, relativ sauber
präsentiert, auch Gänseteile, Entenbrust sowie gestopfte Gänseleber als international umstrittene nationale Besonderheit. Manchmal ist allerdings die schon ein wenig grau
oder leidet unter Gefrierbrand, weil sie – insbesondere wegen des viel zu hohen Preises - zu selten gekauft wird. Generell wäre es hier Zeit für eine Kennzeichnung, welches
Fleisch aus ungestopfter, welches aus gestopfter Produktion kommt. Der Kunde sollte die Wahl haben, ob er dieses “ungarische Kulturgut” kaufen will oder nicht.
Das endlos lange Fleischpult mit Bedienung hält immer noch an der Berge-Stapel-Praxis
von Geflügelteilen, Schweineteilen und wenig Fleisch vom Rind und Kalb fest. Der Rindfleisch-Teil sieht mitunter aus, als ob hier eine Massenmörder bei seiner blutigen
Arbeiten gestört wurde. Wo lernen die ungarischen Fleischer/Metzger/Fleischhauer eigentlich einen derart lieblosen Umgang mit diesem hochwertigem Nahrungsmittel?
Große Teile von der Schale oder Keule finden sich auch schon mal derart verschnitten, dass sie kaum noch zu verwenden sind. Fleisch für Tafelspitz mit der Gelierader im
Inneren und wenigen, zarten Fettäderchen, oder Rouladenfleisch in entsprechender Größe wird gar nicht angeboten. Und von gut abgehangenen Steaks ist nach wie vor
nichts zu sehen, Standardausrede: Abhängen in Ungarn verboten...
Service und sonstige Angebote im Schnelldurchlauf:
- Rückschritte im Service bei CORA: So kann man nicht mehr im Vorkassenbereich
schnell Fotos vom Stick oder der CD anfertigen lassen, sondern der Kunde muss in der Halle am Fototresen eine 4.000 Forint–Karte erwerben, mit der er dann alleingelassen
an einem unübersichtlichen Entwicklerautomaten herumprobiert.
- Das Textilangebot in französischen der CORA-Kette in Ungarn hat nach wie vor nichts
mit französischem Schick zu tun. Aber vielleicht ist es als Belustigung gedacht, wenn man die Qualität mit den Preisen vergleicht.
- Der Trend hält an, kleinere Einkaufstempel der großen Marken in den Wohngebieten zu
belassen (TESCO ist da sehr aktiv). Das kommt den berufstätigen Einkäufern, aber auch den Senioren entgegen und wird gut angenommen. In Ansätzen gibt es dort auch frische
Brotwaren, Körnergiabatta, Körnersemmeln, Schwarzbrot...
- Fast gänzlich unnütz, ja manchmal sogar kundenfeindlich sind die meist nur
herumstehenden oder schwatzenden Sicherheitsmitarbeiter. Es wurde im TESCO kürzlich einer beobachtet, der Zigaretten rauchend vor der Tür stand und eine Kundin unflätig
deswegen beschimpfte, weil sie vollgepackt wie sie war, den leeren Einkaufswagen im Vorraum abstellte und nicht in die Kaufhalle zurück brachte.
- Nach wie vor gut im Gesamteindruck KAISERS mit Sparangeboten in der ganzen Stadt
und im Lande, wenn auch insgesamt etwas teurer im Vergleich zu den anderen Ketten. Ein Einkauf bei KAISERS bedeutet bei einem Wochenendsortiment z.B. für eine
vierköpfige Familie im Durchschnitt 5.000 Forint mehr mit vergleichbaren Warenkörben anderer Supermärkte. Eine Investition, die sich aber geschmacklich und nervlich lohnen kann.
Wochenmärkte noch immer Einkaufs-Favoriten
Das frischesten ungarischen Produkte findet man immer noch auf den Wochenmärkten.
Dort geht es meist fair zu, weil Qualität und Preis durch das Nebeneinander an vielen Ständen vergleichbar sind. Private Bäcker bieten dort ebenfalls „rusztikus kenyer”
(Ciabattabrot mit Roggenateil) oder Dunkelbrot an, daneben auch Frischmilch vom Bauern, Ziegenmilch, eigene Käsesorten, frischen Schafskäse. Unübertroffen die Stände
mit sauer Eingelegtem: Sauerkraut, Salate, Gurken, sauren Feigen, Blumenkohl, Mixturen von saurem Gemüse in kleinen Eimern – und mitunter sogar Oliven.
Hier macht das patriotische Angebot endlich Sinn und Freude, weil es relativ ehrlich vom
Kunden zum Käufer gelangt und man beim Kauf das Gefühl hat, bei Händler und Erzeuger belohnt man einmal die Richtigen...
E. Figura
Test vom Juni 2009: Einfallslos durch die Krise? http://www.pesterlloyd.net/2009_25/0925supermarkttest/0925supermarkttest.html
Test vom Februar 2009: Na also, es geht doch http://www.pesterlloyd.net/2009_05/0906supermaerkte3/0906supermaerkte3.html
Test vom Januar 2009: Essen fassen in Ungarn http://www.pesterlloyd.net/2009_04/0904supermarkt/0904supermarkt.html
Test vom November 2008: Masse vor Klasse http://www.pesterlloyd.net/2008_46/0846supermarkttest/0846supermarkttest.html
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